Ersatzkassenforum 2008:
Pflegestützpunkte und Qualitätsoffensive – was wird anders in der Pflegeversicherung?
Diskussion zur Umsetzung des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes in Mecklenburg-Vorpommern
Schwerin, 22.05.2008
Der Zeitpunkt war goldrichtig. Einen Tag vor der Eröffnung des ersten Pflegestützpunktes in Mecklenburg-Vorpommern (Modellprojekt) hatten die Ersatzkassenverbände zu ihrem diesjährigen Expertenforum eingeladen. Ziel war es, mit den Akteuren und Entscheidern im Gesundheitswesen die voraussichtlichen Auswirkungen des Pflege-Weiterentwicklungsgesetzes zu diskutieren. Im Mittelpunkt sollten insbesondere die Fragen der Pflegeberatung und der Qualitätssicherung stehen. Karl Nagel, Leiter der VdAK/AEV-Landesvertretung, leitete das Forum mit interessanten Fragen ein:
- Brauchen wir neue Beratungsstrukturen wie die Pflegestützpunkte in Mecklenburg-Vorpommern?
- Wer soll wen und wie objektiv beraten?
- Wie erkennt der Pflegebedürftige welches Heim oder welcher Dienst für ihn am Besten ist?
Die Auswahl der eingeladenen Referenten versprach bei der Beantwortung dieser Fragen eine durchaus kontroverse Veranstaltung (Einladung, Eröffnungsworte, Bild).
Verbesserte Pflege durch neues Pflegegesetz
Das neue Pflege-Weiterentwicklungsgesetz bringt für die Versicherten und deren Angehörige eine Reihe von
Verbesserungen.
Auf diese Grundformel konnten sich alle Referenten verständigen. Zu den positiven Aspekten zählen u. a.: die
Dynamisierung der finanziellen Leistungen, die neuen Leistungen für Versicherte der Pflegestufe „0“, die
Leistungsverbesserungen für Demenzkranke, eine einheitliche Beratung von Pflegebedürftigen bzw. deren Angehörigen sowie
eine allgemeinverständliche Darstellung von Qualitätsfaktoren bei den Pflegediensten. Auch die Regelungen im neuen
Pflegezeitgesetz, dass Angehörige befristet von der Arbeit freigestellt werden können, damit sie ihre pflegebedürftigen
Familienmitglieder betreuen bzw. deren ambulante oder stationäre Pflege organisieren können, ist eine erhebliche
Verbesserung.
Vorhandene Baratungsstrukturen sinnvoll vernetzen
Bei der vorgesehenen Einrichtung der so genannten Pflegestützpunkte warnte VdAK/AEV-Vorstandsvorsitzender Thomas
Ballast allerdings vor Schnellschüssen. Die vorgesehene umfassende „Beratung aus einer Hand“ ist für
viele Pflegebedürftige und deren Angehörigen ganz sicher gut. Jedoch sollte man die schon vorhandenen
Beratungsstrukturen sinnvoll miteinander vernetzen. Die vom Gesetz vorgesehenen 60 Millionen Euro für eine
„Anschubfinanzierung“ bei der Errichtung neuer Beratungsstützpunkte wecke auch gewisse Begehrlichkeiten bei
den Beteiligten. Demnach könnte sich Mecklenburg-Vorpommern 24 - 26 solcher Pflegestützpunkte zunächst
"leisten"; danach muss jedoch die Frage gestattet sein: "Wer bezahlt den weitergehenden Betrieb der
Stützpunkte?". Die Ersatzkassen haben schon immer ihre Beratungsfunktion in der Pflegeversicherung sehr ernst
genommen. Demnächst, wenn die Versicherten sogar einen Rechtsanspruch auf diese Beratung hätten, werden sich die
Ersatzkassen ihrer Servicefunktion noch intensiver hinwenden. Da die meisten Fragen sicher zum eigentlichen
Leistungsinhalt der Pflegeversicherung entstehen, sind die Krankenkassen in erster LInie gefragt. Insofern mache es
mehr Sinn, wenn man die vorhandenen Beratungsstrukturen der Kassen mit denen der Kommunen und anderer
Sozialleistungsträger effektiv vernetzen würde, als ggf. teure Parallelstrukturen aufzubauen (Bild, Kommentar, Pressemitteilung der Landesvertretung).
Fokus auf Ergebnisqualität
Uwe Brucker, Fachgebietsleiter Pflegerische Versorgung des Medizinischen Dienstes der Spitzenverbände der
Krankenversicherung (MDS) betonte, dass die Prüfergebnisse der einzelnen Medizinischen Dienste (MDK)
einrichtungsbezogen, verbraucherfreundlich und übersichtlich sowohl im Internet als auch in den Pflegeeinrichtungen
öffentlich zugänglich zu machen sind.
Das Pflege-Weiterentwicklungsgesetz sieht weiter vor, die externe Qualitätssicherung durch den MDK auszubauen. Zunächst
sollen bis Ende 2010 alle Pflegeeinrichtungen vom MDK mindestens einmal geprüft werden, ab dem Jahr 2011 sollen alle
Pflegeeinrichtungen jährlich vom MDK geprüft werden. Die Prüfinhalte sollen noch mehr als bisher die Ergebnisqualität
fokussieren. Dabei liegt schon jetzt der Schwerpunkt der MDK-Qualitätsprüfungen auf der Ergebnisqualität. So werden
zehn Prozent der von einer Pflegeeinrichtung versorgten Pflegebedürftigen in die Prüfung einbezogen: der Pflegezustand
des Pflegebedürftigen wird im Rahmen einer Inaugenscheinnahme differenziert erhoben und der Umgang der
Pflegeeinrichtungen mit relevanten Pflegethemen (Vermeidung von Druckgeschwüren, Kontrakturen und Stürzen, Ernährung
und Flüssigkeitsversorgung, Kontinenzförderung, Umgang mit Demenzkranken, Schmerzmanagement etc.) geprüft (Bild, Statement, Folie-MDK-Prüfungen).
Mobile Beratung sichern
Der Landesbeauftragte des bpa in Mecklenburg-Vorpommern, Dieter Eichler, betonte den Rechtsanspruch auf
individuelle Beratung und Hilfestellung von Pflegeberatern bei der Auswahl und Inanspruchnahme von Sozialleistungen,
der Pflegeversorgung und Beratung. Die Beratung erfolgt nach Wunsch auch in der Häuslichkeit oder der Einrichtung,
unter Hinzuziehung der Angehörigen. Pflegeberater haben – außer für ihre Kranken- und Pflegekasse – keine
Bewilligungskompetenz, sondern sollen darauf hinwirken, dass die jeweiligen Leistungsträger die erforderlichen
Maßnahmen genehmigen. Bei der Einrichtung von Pflegestützpunkten ist zu beachten, dass in vielen Regionen in
Mecklenburg-Vorpommern zugehende mobile Beratungsstrukturen in den Pflegestützpunkten notwendig sein werden. Sinnvoll
ist der Aufbau von zentralen Pflegestützpunkten in den Landkreisen und kreisfreien Städten, von denen aus die Beratung
der Pflegebedürftigen und deren Angehörigen koordiniert werden kann. Der bpa begrüßt den Ausbau der Beratung und
Anleitung für Pflegebedürftige und deren Angehörigen sowie die Verbesserung der Zusammenarbeit der Berufsgruppen und
Institutionen mit dem Ziel der Optimierung der medizinischen und pflegerischen Versorgung. Um dieses Ziel zu erreichen,
bedarf es vorrangig aber keiner neuen Strukturen, verbunden mit deutlichen finanziellen Aufwendungen aus dem SGB XI,
die für die direkte Pflegeleistungen nicht mehr zur Verfügung stehen. Vorrangig sollten die bestehenden Beratungs- und
Anleitungsangebote in Mecklenburg-Vorpommern integriert oder aus- bzw. umgebaut werden (Bild, Statement).
Herausforderung: Demenzielle Erkrankungen
Nach Auffassung von Hartmut Renken, Abteilungsleiter Soziales des Sozialministeriums, gehört eine
menschenwürdige Pflege zu den herausragenden Aufgaben eines modernen Sozialstaates: „Wie wir mit
Pflegebedürftigen und oft altersverwirrten Menschen umgehen, das ist ein Gradmesser für die Humanität in unserem Land.
Die Pflegeversicherung spielt dabei die zentrale Rolle; sie ist und bleibt die richtige Antwort auf die
Herausforderungen der Zukunft.“ Der steigende Anteil älterer Menschen führt auch zu einer Zunahme von
Pflegebedürftigkeit, denn das Risiko pflegebedürftig zu werden, nimmt ab dem 80. Lebensjahr deutlich zu. Nach
Schätzungen soll die Zahl pflegebedürftiger Menschen von heute etwa zwei Millionen auf über drei Millionen im Jahr 2030
ansteigen. Auch die wachsende Zahl demenzkranker Menschen stellt viele Einzelne, viele Familien und die ganze
Gesellschaft vor große Herausforderungen. Heute leben über eine Million Menschen mit Demenz in Deutschland. Wenn es
keinen grundlegenden medizinischen Fortschritt gibt, werden immer mehr ältere Menschen an Demenz erkranken. Im
Zusammenhang mit der Errichtung von Pflegestützpunkten betonte Herr Renken, dass das Sozialministerium sehr frühzeitig
Pflegekassen, kommunale Landesverbände und die Wohlfahrtsverbände eingeladen hat, um über die Umsetzung der sich
bereits abzeichnenden Einführung von Pflegestützpunkten im Land zu beraten. Wir wollen das Rad nicht vollkommen neu
erfinden. Wir müssen jetzt schauen, wo es bereits vernetzte Beratungsstrukturen gibt. Nach vorliegenden Meldungen
existieren fast 400 Beratungsstellen im Land, die im Bereich Pflege und den angrenzenden Rechtsgebieten beraten. Diese
sind jedoch in den Regionen kaum miteinander vernetzt. Um die vorhandenen Strukturen bei der Errichtung der regionalen
Pflegestützpunkte berücksichtigen zu können, ist diese Vernetzung aber notwendig (Bild, Statement, Folie-Pflegequoten-2005).
Weitere Bilder:
Das Podium; Herr Ballast und Herr Nagel auf dem Podium; Zahlreiche Gäste

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