Veranstaltung

Versorgungsforschung gestalten – eine Perspektive für das Gesundheitssystem

Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle (Tagungsraum 22 – 24) in Stuttgart

Stuttgart, 22.09.2011 - Auf Einladung des Pharmapolitischen Arbeitskreises Bayern und Baden-Württemberg sowie der BARMER GEK trafen sich rund 100 Akteure des Gesundheitswesens im Kultur- und Kongresszentrum Liederhalle in Stuttgart zur Veranstaltung „Versorgungsforschung gestalten – eine Perspektive für das Gesundheitswesen“, welche vom Landesgeschäftsführer der BARMER/GEK, Harald Müller, eröffnet wurde. Die Beratungen über das GKV-Versorgungsstrukturgesetz machen deutlich, wie wichtig verlässliche Daten für eine sinnvolle Versorgungssteuerung sind. Bedarfsplanung, eine Fehlallokation bei Ärzten und eine neue fachärztliche Versorgungsebene sind die Schlagworte, über die seit Monaten diskutiert wird. Doch wie zuverlässig sind die Grunddaten, nach denen Veränderungsprozesse in Gang gebracht werden sollen? Und: Reichen die bisherigen Erkenntnisse aus, darauf basierend, neue Versorgungsstrukturen zu entwickeln? Diese und andere Fragen beantworteten Vertreter der Kostenträger, der Wissenschaft, der Patienten, der Ärzteschaft, der Dienstleister und der Pharmazeutischen Industrie. Unser Bild zeigt von li. nach re.: Dr. Tim Husemann/MSD SHARP, Dr. Thorsten Pilgrim/AnyCare, Dr. Michael Barczok/praktizierender Facharzt, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker/BARMER/GEK, Prof. Dr. Franz Porzolt und Dieter Möhler/Deutscher Diabetiker Bund.

Der stellvertretende Vorstandsvorsitzende der BARMER GEK, Dr. Rolf-Ulrich Schlenker, zeigte aus seiner Sicht auf, was das Ziel der Versorgungsforschung sein soll. Es geht um die Evaluierung von Vergütungen und Verträgen sowie Bedarfsplanung. Die Kassen verfügen über einen umfangreichen Datenpool. Er wies hierbei jedoch auch auf die Datenschutzproblematik hin und unterstrich, dass die Versorgungsforschung kein „Wünsch-Dir-Was-Konzert“ ist.  Für Forschung und Entwicklung benötigen die Krankenkassen Geld, so Dr. Rolf-Ulrich Schlenker weiter. Das Bundesforschungsministerium sei hier in der Pflicht. Er hält ca. 100 Millionen Euro für alle Kassen für sinnvoll.

Professor Dr. Franz Porzolt grenzte die Versorgungsforschung von der klinischen Forschung ab. Bei der Versorgungsforschung handelt es sich um multiple Dimensionen, während es bei der klinischen Forschung um eine eindimensionale Dimension geht. Dieter Möhler vom Deutschen Diabetikerbund stellte die Qualitätssicherung in den Mittelpunkt der Versorgungsforschung. Für ihn ist Versorgungsforschung Qualität sichernd, wenn er im Erwerbsleben bleiben kann. Der Pneumologe Dr. Michael Barczok sieht derzeit einen „unkontrollierten Blindflug im ärztlichen System“. Hilfe erhofft er sich über die Versorgungsforschung. Hierbei verwies er auf die Versorgungsforschung wie sie derzeit in Thüringen betrieben wird. Dr. Thorsten Pilgrim vom Dienstleister AnyCare sprach sich dafür aus, Versorgungsforschung zu gestalten und konkrete Ziele zu definieren. Aus der Versorgungsforschung müssten konkrete Maßnahmen abgeleitet werden. Für ihn verfolgt Versorgungsforschung derzeit Partikularinteressen; aus seiner Sicht würden Dinge verzögert werden. Gute Versorgungsforschung leistet einen Beitrag zu mehr Effizienz. Er meinte allerdings, dass die GKV-Daten für die Versorgungsforschung nicht brauchbar wären. Dr. Tim Husemann verdeutlichte für die Pharmazeutische Industrie die aktive Beteiligung aller notwendigen Akteure.

In der anschließenden Diskussion, welche von Wolfgang van den Bergh von der Ärzte Zeitung moderiert wurde, meinte Frank Winkler vom Verband der Ersatzkassen, dass sich die gesellschaftlichen Anforderungen an eine älter werdende Gesellschaft verändern. Die demographische Entwicklung wird häufig als eine der Hauptursachen für den Anstieg der Gesundheitsausgaben gesehen. Die kurz- und mittelfristige Kostenentwicklung wird dabei deutlich überschätzt. Eine „alternde“ Gesellschaft benötigt allerdings eine Veränderung des Versorgungsspektrums, da mehr altersassoziierte Erkrankungen – wie etwa Hypertonie und Diabetes – sowie mehr chronisch-degenerative Erkrankungen – wie etwa Demenz und Parkinson – eine stärkere geriatrisch ausgerichtete Versorgung erfordern. Daher müssen rechtzeitig neue Versorgungskonzepte entwickelt und die Versorgungsstrukturen angepasst werden. Hierzu sind seitens der Versorgungsforschung ebenfalls Erkenntnisse und Vorschläge zu erarbeiten. Dies gilt auch bei der Aus- und Weiterbildung von Ärzten und Pflegepersonal. Hier sollte eine Schwerpunktsetzung für eine altersgerechte medizinische Versorgung erfolgen. Einen nicht unerheblichen Einfluss werden neue Therapieformen, die Entwicklung in der Medizintechnik sowie neue Arzneimittel mit wirklichem Nutzen für den Patienten haben.

 

Grundsätzlich bleibt festzuhalten, dass nicht nur eine evidenzbasierte Medizin, sondern auch die wissenschaftliche Begleitung politischer Entscheidungen notwendig ist. So müssten zum Beispiel Verträge zur integrierten Versorgung oder Rabattverträge wissenschaftlich analysiert werden. Die hausarztzentrierte Versorgung ist gesetzlich eingeführt worden, obgleich es hier keinerlei belegte Evidenz gibt, dass diese Versorgungsform der bessere Ansatz ist als eine andere Form der Versorgung.

 


Kontakt

Frank Winkler
Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek)
Landesvertretung Baden-Württemberg

Tel.: 07 11 / 2 39 54 - 19
E-Mail: frank.winkler@vdek.com