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Qualitätsförderpreis Gesundheit Baden-Württemberg 2011 - Preisverleihung

Walter Scheller stellt die Favoriten vor - Sozialministerin Katrin Altpeter vergibt die Preise

 Walter Scheller, Leiter der vdek-Landesvertretung hatte zuvor die Favoriten kurz vorgestellt und die Kandidaten gebeten, dem mit 200 Teilnehmern besetzten Plenum im Haus der Wirtschaft, ihr Projekt vorzustellen. Außerdem ging er ausführlich auf die Ausschreibungskriterien ein. Sozialministerin Katrin Altpeter persönlich kürte anschließend die Preisträger.

Die Jury hat im Jahr 2011 folgende drei Favoriten aus dem Kreis der 19 eingereichten Projekte für eine Auszeichnung ausgewählt. In diesem Jahr gab es zwei erste sowie einen dritten Platz.

1. Platz: Konzeption niederschwelliger Angebote für Menschen mit Demenz und psychischen Erkrankungen in der ambulanten Pflege

(Ansprechpartner:  Ambulanter Pflegedienst Alten- und Krankenpflege Gugeller & Niegisch, Stettener Str. 2, 71394 Kernen)

Der Pflegedienst bietet seit 1.1.2009 für einen Teil seiner Patienten zusätzliche Betreuungsleistungen an, wenn der MDK für diese einen erheblichen allgemeinen Betreuungsbedarf i. S. der 2008 eingeführten §§ 45a und b SGB XI bejaht hat.

Ausgehend von der Erfahrung, dass eine ausschließlich versorgende Pflege (satt und sauber) bei den zu Pflegenden zu Orientierungslosigkeit, verstärktem Rückzug, Aggressivität und verschiedenen psychischen Erkrankungen führt, sollen im Rahmen des auf 3 Jahre angelegten Projekts durch bedürfnisorientierte Betreuungsleistungen Wohlbefinden und Lebensqualität insbesondere von Menschen mit Demenz gesteigert,  die vorhandenen Ressourcen und Fähigkeiten gestärkt und  eine Entlastung der Pflegenden und Angehörigen erreicht werden.

Das von dem Pflegedienst erarbeitete therapeutische Angebot auf der Grundlage des Pflegemodells von Tom Kitwood wird an den jeweiligen individuellen Fähigkeiten und den Bedürfnissen der zu Pflegenden u. a. nach Trost, Bindung, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität ausgerichtet. Es umfasst Techniken wie Validation, Milieutherapie, des Gedächtnistraining, Musiktherapie, Rhythmus und Bewegung, Biographiearbeit, Selbsterhaltungstherapie, Ergotherapie und basale Stimulation.

Die Besonderheit dieses Projekts besteht darin, dass für die Betreuungsleistung ausschließlich Fachkräfte (derzeit 10) eingesetzt werden mit überzeugenden Folgen für Pflegende und zu Pflegende. Die in § 45 b SGB XI vorgesehene allgemeine Anleitung und  Betreuung könnte  auch mit geringer qualifizierten Kräften geleistet werden.

Eine Fachkraft ist jeweils 1 bis 3 Patienten zugeordnet, die von ihr gepflegt werden und 1 bis 2 mal pro Woche - je nach Einstufung durch den MDK - zusätzliche Betreuungsleistungen (45 Minuten) erhalten. Seit Beginn des Projekts 2009 wurden 12 Patienten auf diese Weise betreut. Der Betreuungsverlauf und die erreichten patientenrelevanten Ergebnisse werden in den den Pflegebericht ergänzenden Evaluationsbögen dokumentiert. In regelmäßigen  Teambesprechungen werden Ziele und Ergebnisse aufgearbeitet. Die Abstimmung  z. B. mit Hausärzten und der Brückenpflege findet je nach Bedarf statt.

Das Projekt zeichnet sich durch eine hohe Kontinuität in der Bezugspflege, feste Terminplanung und hohe Transparenz der erbrachten Leistungen aus. Bei den zu Pflegenden zeigt sich – belegt durch den Pflegebericht und die einzelnen Evaluationsbögen sowie Angehörigenaussagen  - durchweg eine Verbesserung der Gesamtsituation. U. a. werden Wünsche wieder geäußert, eigene Ressourcen besser genutzt, soziale Kontakte neu belebt, der Aktionsradius erweitert,  und das psychische sowie emotionale Erleben verbessert. Dadurch werden auch die Angehörigen entlastet. Die Fachkräfte des Pflegedienstes erleben diese Tätigkeit als sehr befriedigend. Es kommt durch die bessere Kenntnis der Gesamtsituation der Patienten zu einer positiven Rückwirkung auf die Basispflege und damit zu einer ganzheitlicheren, nachhaltigeren Sichtweise.

Die Stärken des Projekts liegen weniger im Bereich einer mi Zahlen messbaren Qualitätsverbesserung als in der praktisch gelebten, überzeugenden Durchführung. In vorbildlicher Weise gelingt auf der Basis der durch § 45 a und b SGBXI geschaffenen Möglichkeiten eine wirtschaftlich tragfähige und qualitativ über die reine Pflege sowie die allgemeine Alltagsanleitung und Betreuung hinausgehende, ganzheitliche Betreuung der Patienten, die zu großer Zufriedenheit bei Patienten, Angehörigen und Pflegepersonal führt. Der Ansatz des Projekts lässt sich leicht auf andere Pflegedienste übertragen.

1. Platz: Qualitätssteigerung und Kostenoptimierung durch interdisziplinäre Zusammenarbeit von Orthopädie-Technik und Physiotherapie nach Amputation an der unteren Extremität

(Orthopädie + Vital Zentrum Piro GmbH, Neuer Markt 6, 78052 Villingen-Schwenningen)

Im Vordergrund der herkömmlichen stationären und häuslichen Behandlung bei Patienten nach Amputation der unteren Extremitäten steht die oft langwierige Wundheilung des Stumpfes. Stumpfformende Maßnahmen (Kompressionstherapie) und Krankengymnastik werden dagegen meist nicht frühzeitig eingeleitet. In der Folge entstehen Kontrakturen am Knie- oder Hüftgelenk, der Patient wird zunehmend entkräftet und demotiviert. Die Anpassung und Handhabung einer Prothese wird dadurch verzögert und erschwert, Rehaleistungen sind teilweise weniger effektiv. Eine Nachsorge wird meist nur bei Einzelproblemen (Druckstellen o. ä.) in Anspruch genommen.

Dem wirkt das Projekt entgegen durch eine eng vernetzte Zusammenarbeit von Orthopädietechnik und Physiotherapie und ein über das reine Orthopädiehandwerk hinausgehendes Schnittstellenmanagement, das die Versorgung des Patienten aus einer Hand über die ganze Behandlungskette von akut stationärer Behandlung, Rehabilitation bis zur Behandlung im häuslichen Bereich abdeckt. Das Projekt wurde als ambulante Gehschule seit 2004 schrittweise aufgebaut, erst seit Januar 2011 sind 2 Physiotherapeuten in Vollzeit mit Kassenzulassung tätig.

In Absprache mit dem Akutklinikum wird z. T. noch vor der Operation ein frühes Beratungsgespräch zwischen Patient, Angehörigen und Orthopädietechniker vereinbart, um dem Patienten eine Perspektive für ein Leben nach der Amputation aufzuzeigen und eine Vertrauensbasis in dieser für die Patienten schwierigen Lebenssituation zu schaffen. Bereits am 2. – 7. postoperativen Tag wird ein Silikonliner zur Kompressionstherapie angepasst, der insbesondere die richtige Stumpfvorbereitung  durch das Krankenhauspersonal erleichtert. Gleichzeitig wird der zu erwartende Mobilitätsgrad des Patienten erhoben und mit der physikalischen Therapie (Steh- und Gleichgewichtübungen) begonnen. Die Behandlung wird nach Entlassung nach Hause in Absprache mit dem Hausarzt durch dieselben Orthopädietechniker und Physiotherapeuten weitergeführt. Nach Wundheilung werden die Prothesenversorgung sowie die Rehamaßnahmen vom Hausarzt bei der Kasse beantragt. Der Patient tritt die Rehamaßnahme bereits mit einer inzwischen angepassten Interimsprothese an, so dass das Gehtraining mit Prothese in der Rehaeinrichtung sofort begonnen werden kann. Die Betreuung durch das Projekt wird möglichst während der Rehamaßnahme und in der späteren häuslichen Nachsorge weitergeführt, um durch eine konzeptionelle Nachsorge die Rehaergebnisse zu festigen.

Die patientenrelevanten Ergebnisse sind Folge der überzeugenden Umsetzung in der Praxis. Die Behandlung aus einer Hand über die Sektorengrenzen hinweg kommt Patienten wie Kostenträgern zugute. 

Bei einer Gegenüberstellung von Fallbeispielen herkömmlicher Behandlung und Behandlung im Projekt zeigt sich bei den Patienten im Projekt eine rasche Behandlungsfolge vom Amputationsdatum über den ersten Kontakt, Rehabeginn und Prothesenversorgung innerhalb weniger Wochen. Kontrakturen werden weitgehend vermieden und es wird ein guter Mobilitätsgrad von überwiegend Stufe 2, 3 oder 4 erreicht. Im Gegensatz dazu zieht sich der Verlauf bei herkömmlicher Behandlung z. T. über ein Jahr hinaus und ist verbunden mit erheblichen Kontrakturen und einem eingeschränktem Mobilitätsgrad von 1-2.

Die einheitliche Führung des Patienten durch den gesamten Behandlungsverlauf hilft Doppelversorgungen durch Leistungserbringer und Verlängerungen von Rehamaßnahmen  zu vermeiden sowie die Notwendigkeit weiterer Hilfsmittel (Rollstuhl, Badewannenlifter usw.) auf Grund der höheren Mobilität der Patienten möglichst gering zu halten.

Die vernetzte Zusammenarbeit zwischen ärztlicher Akut- und Rehaversorgung einerseits und der Orthopädietechnik und der Physiotherapie andererseits lässt sich auf andere Regionen übertragen, vorausgesetzt, es findet sich ein Gesundheitsunternehmen, das die Behandlungen koordiniert und steuert.

3. Platz: Praxisorientiertes Beschwerdemanagement als Teil eines integrierten Risikomanagement am Städtischen Klinikum Karlsruhe

(Städtisches Klinikum Karlsruhe gGmbH, Moltkestr. 90, 76133 Karlsruhe)

Das Risiko- und Beschwerdemanagement am Klinikum Karlsruhe wurde organisatorisch und personell zusammengefasst und standardisiert. Schwerpunkt des vorgestellten Projekts ist das patientenorientierte Beschwerdemanagement. Die Beschwerdestelle kann über die Patientenfragebögen (Briefkästen auf allen Stationen) oder direkt per Telefon, e-mail erreicht werden. Die Patienten werden über die Möglichkeiten, die Beschwerdestelle zu kontaktieren, informiert. Die Bearbeitung der Beschwerden ist standardisiert mit dem Ziel, zeitnah und möglichst im persönlichen Kontakt mit dem Beschwerdeführer zu reagieren; ggf. werden auch Gespräche mit der Geschäftsführung bereitwillig angeboten. Die für das Beschwerdemanagement verantwortliche Beschäftigte war zuvor Pflegedienstleitung im Klinikum Karlsruhe. Sie kennt das Personal und die Arbeitssituation auf den Stationen gut, kann entsprechend kommunizieren und daher eine hohe Akzeptanz erzielen. Sie ist zudem in Mediationstechniken geschult.

Im Beobachtungszeitraum von 2008 bis 2010 konnte anhand verschiedener Messgrößen festgestellt werden, dass die Dramatik  der Beschwerden (Tonlage, Zahl der Beschwerdegründe) nach anfänglichem Anstieg abnahm, Beschwerden in deutlich kürzerer Zeit erledigt wurden oder schon im Vorfeld bei sich anbahnender Beschwerde interveniert werden konnte. Bei den Klinikmitarbeitern trat ein Lerneffekt ein. Beschwerden werden nicht mehr defensiv abgewiegelt, sondern als wichtige Information betrachtet und präventiv aufgegriffen. Auch die Zahl der Belobigungen seitens der Patienten konnte gesteigert werden.

Auf der Basis eines jährlichen Beschwerdeberichts wird die Klinikleitung über die Ergebnisse des Beschwerdemanagements informiert. Über die sehr gute Abarbeitung von Einzelbeschwerden hinaus, werden auch systematische und organisatorische Verbesserungen aus den gebündelten Beschwerden abgeleitet und mit der Klinikleitung umgesetzt.

Im Ergebnis hat die organisatorische und personelle Zusammenfassung und Standardisierung von Risiko- und Beschwerdemanagement am Klinikum Karlsruhe bei relativ geringem Personaleinsatz zu Vertrauen bei Patienten und Mitarbeitern und einem konstruktiven Umgang mit Beschwerden sowie längerfristig zu zielgerichteten organisatorischen Verbesserungen geführt.  Das Projekt ist ein gelungenes Beispiel für die Bearbeitung von Patientenbeschwerden und eine insgesamt verbesserte Beschwerdekultur im Krankenhaus.

 


Kontakt

Frank Winkler
Verband der Ersatzkassen e.V. (vdek)
Landesvertretung Baden-Württemberg

Tel.: 07 11 / 2 39 54 - 19
E-Mail: frank.winkler@vdek.com