Durch die Schutzmaßnahmen wurden Leben gerettet!

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Ralf Geisel ist hessischer Landesvorsitzender des Bundesverbandes privater Anbieter sozialer Dienste e. V. (bpa). Im Interview mit ersatzkasse report. Hessen sprach er unter anderem über die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf Pflegeeinrichtungen.

Herr Geisel, mit Beginn der Corona-Pandemie wurden u. a. Besuchsverbote in Pflegeheimen ausgesprochen, um Bewohnerinnen und Bewohner, aber auch die Mitarbeiterschaft vor einer Infektion mit dem Coronavirus zu schützen. Hätte es aus Sicht des bpa, der größten Interessenvertretung privater Anbieter sozialer Dienste in Deutschland, Alternativen zu den Schließungen gegeben, um die Bewohnerinnen und Bewohner nicht vereinsamen zu lassen, und welche wären dies?

Ausgangslage war der Schutz der vulnerablen Gruppe. Um dieses zu gewährleisten, hat der Gesetzgeber unter anderem Besuche in Heimen untersagt und ein Betretungsverbot von z. B. Tagespflegeeinrichtungen verfügt. Diese strengen Schutzmaßnahmen waren am Anfang der Pandemie absolut notwendig. Dieser Schritt ist uns natürlich nicht leichtgefallen, weil Heime Orte des Wohnens, Lebens und der Begegnung sind und die Besuche der Angehörigen ein großes Stück Lebensqualität bedeuten. Bis ausreichend Schutzausrüstung vorhanden war, Besucherbereiche eingerichtet werden konnten und wir den Umgang mit diesem heimtückischen Virus besser verstehen und einüben konnten, ging es aber leider buchstäblich um Leben und Tod in den Einrichtungen. Es ist der gemeinsamen Kraftanstrengung aller Akteure im Gesundheitswesen in unserem Land zu verdanken – insbesondere aber den Mitarbeitenden in den Pflege- und Betreuungseinrichtungen –, dass Hessen von den dramatischen Todeszahlen in den Heimen anderer entwickelter Länder verschont wurde. Das war nicht selbstverständlich – und ist es auch weiterhin nicht. Wir haben uns deshalb übergangsweise mit den Fenstersimsbesuchen oder Videotelefonie über Tablets beholfen. Und außerdem – das wird in der öffentlichen Diskussion leider zu oft unterschlagen – haben die Pflege- und Betreuungskräfte selbst so manchen fehlenden Kontakt ausgeglichen und die Zeit, die sie sonst zum Beispiel für die Kommunikation mit Angehörigen verwenden, in die persönliche Betreuung investiert.

Der bpa fordert flächendeckende Testungen auf das Coronavirus für Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitende. Was versprechen Sie sich von diesen Testungen?

Verlässliche Tests für die Risikogruppen der Bewohnerinnen, Bewohner und Mitarbeitenden sind das logische Gegenstück zu mehr Besuchen. Auch wenn sie immer nur eine Momentaufnahme liefern, helfen sie, ein sich entwickelndes Ausbruchsgeschehen frühzeitiger zu erkennen und damit einzudämmen. Die Pflege- und Betreuungskräfte haben es auch schlichtweg verdient, in regelmäßigen Abständen von dieser ständigen Sorge befreit zu werden, vielleicht unbemerkt Überträger des Virus zu sein. Wir sind daher dankbar, dass die hessische Landesregierung nun ein ähnliches Testprogramm wie für die Lehrer auch in der Pflege einführen und finanzieren will. Wir helfen dabei aktiv mit, indem wir angeboten haben, die nötigen Abstriche selbst durch eigenes Personal in den Einrichtungen durchzuführen. Das entlastet die Testcenter und die Gesundheitsämter enorm.

Durch die Pandemie sind den Pflegeeinrichtungen Mehrkosten u. a. für die Beschaffung von Schutzausrüstung für das Personal und einen höheren Personaleinsatz entstanden. Die Bundesregierung hat verschiedene Maßnahmenpakete beschlossen, die diese Mehrkosten abfangen sollen. Haben die Maßnahmen gewirkt und geholfen, die Versorgung der Pflegebedürftigen zu sichern?

Ja, das schnelle und unbürokratische Aufspannen des so genannten Rettungsschirms hat uns in der Pflege eine erhebliche Sorge genommen und enorm dabei geholfen, die pflegerische Versorgung und Betreuung aufrecht zu erhalten. Unsere ambulanten Dienste konnten so auch einspringen, als viele Tausend eher informell in Privathaushalten arbeitende Hilfskräfte vornehmlich aus Osteuropa gleichsam über Nacht das Land verlassen haben. Tagespflegen konnten trotz behördlichem Betretungsverbot mit ihren Pflege- und Betreuungskräften die Tagespflegegäste teils zuhause betreuen oder das Pflegepersonal unbürokratisch an ein Heim bzw. einen Dienst mit Personalengpässen oder coronabedingten Mehrbedarfen ausleihen. Eine in der Pflege geradezu absurd anmutende Kurzarbeit konnte so weitgehend vermieden werden. Insbesondere für die Tagespflegen, solitären Kurzzeitpflegen sowie Dienste und Häuser mit Ausbruchsgeschehen zeigt sich aber, dass ein erheblicher Einnahmeausfall bei den investiven Aufwendungen nicht unbegrenzt ohne Schaden an der pflegerischen Infrastruktur verkraftbar sein wird. Wir sind dankbar, dass das Land Hessen hier mit einer Förderung helfen will, es ist auch dringend nötig. Ebenso dankbar sind wir auch dem vdek für seine Unterstützung, ohne den das vom bpa aufgelegte Programm zur Beschaffung von Schutzausrüstung für die Mitgliedseinrichtungen nicht möglich gewesen wäre. Denn der bpa hat bundesweit sehr schnell und mit großen Risiken behaftet umfassend Verantwortung für seine Mitgliedseinrichtungen übernommen, indem wir dringend benötigte Schutzausrüstung beschafft und flächendeckend verteilt haben. Damit konnten wir unseren Mitgliedseinrichtungen, deren Mitarbeitern, den pflegebedürftigen Menschen sowie deren Angehörigen und den Verantwortlichen vor Ort große und berechtigte Sorgen nehmen. Wir beobachten auch einen nicht ganz unerwarteten Zusammenhang zwischen der zügigen Ausstattung mit Schutzausrüstung und der begrenzten Zahl an Infektionen.

Was können wir aus der Corona-Pandemie für künftige Viruswellen lernen?

Es ist grundsätzlich gut gelaufen, zukünftig könnte aber einiges schneller und passgenauer gehen. Insbesondere sollten wir bei der nötigen Schutzausrüstung Abhängigkeiten von den Nachschubwegen reduzieren und die Bevorratung als eine lohnende Investition und nicht als gebundenes Kapital begreifen. Und als Gesellschaft haben wir sicherlich gemeinsam gelernt, dass eine gut ausgebildete professionelle Pflege systemrelevant ist, wie man neuerdings so schön sagt.