Studien zeigen eine deutliche Zunahme hinsichtlich der psychischen Belastung der Menschen in der Corona-Pandemie

Dr. Heike Winter

Dr. Heike Winter ist Präsidentin der Psychotherapeutenkammer Hessen. Im Interview sprach sie unter anderem über die Auswirkungen der Corona-Pandemie und die Herausforderungen der zunehmenden Digitalisierung auf die Psychotherapie.

Frau Dr. Winter, vor welche konkreten Herausforderungen stellt die Corona-Pandemie Sie aktuell? Welche Lösungsansätze gibt es aus Ihrer Sicht, um diese Probleme zu bewältigen?

Alle Umfragen und Studien zu den psychischen Folgen der Corona-Pandemie zeigen eine deutliche Zunahme hinsichtlich der psychischen Belastung der Menschen. Diese Belastung kann bis zum Auftreten des Vollbilds einer psychischen Erkrankung führen, die behandlungsbedürftig ist.

Welche Gruppen von Menschen sind von psychischen Erkrankungen im Zuge von Corona besonders betroffen und in welcher Form? 

Zum einen sind es Menschen, die bereits vor der Corona-Pandemie unter einer psychischen Erkrankung gelitten haben. Sie leiden nun häufig unter einem Wiederaufflammen der Symptomatik.

Zum anderen sind viele Menschen betroffen, die unter großen wirtschaftlichen Existenzsorgen und – ängsten leiden. Im Vordergrund der Symptome stehen dabei Angst und Depression, d.h. Antriebslosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Niedergeschlagenheit.

Bei Kindern und Jugendlichen sehen wir ebenfalls eine deutliche Zunahme von Zukunftsängsten bezüglich der eigenen Schulleistung, des Schulabschlusses und der Auswirkungen auf eine Lehrstelle oder einen Studienplatz. Ihnen fehlen in besonderem Maße die Kontakte zu Gleichaltrigen und Freunden; Einsamkeit und Hoffnungslosigkeit haben zugenommen.

Haben sich Ihrer Beobachtung nach die Sorgen und Ängste der Menschen im Vergleich zu den ersten Monaten der Pandemie verändert und wenn ja, wie?

Ja, wir nehmen eine deutliche Veränderung wahr. Im Vergleich zur ersten Welle sind alle müder und gereizter geworden. Die Nerven liegen viel schneller blank. Im letzten Frühjahr gab es eine Vielzahl sehr kreativer und schöner Unterstützungsangebote und -aktionen für die Gemeinschaft. Sie haben Betroffenen, aber auch den Akteuren gut getan. Mittlerweile wünschen sich alle nur noch, dass es endlich vorbei sein und Normalität einkehren möge. Mit den steigenden Erkrankungs- und Sterbezahlen haben Ängste und Sorgen zugenommen und hinzugekommen ist tiefe Trauer über den Verlust geliebter Familienangehöriger oder Freunde. In vielen Fällen kommen auch ausgeprägte Schuldgefühle hinzu, weil man keinen Beistand leisten und keinen Abschied von sterbenden Angehörigen nehmen konnte. 80.000 Menschen sind mittlerweile in Deutschland gestorben. Das ist eine sehr große und traurige Zahl.

Wie könnten und sollten die Betroffenen unterstützt werden, welche Interventions- und Behandlungsmöglichkeiten kann die Psychotherapie hierzu bereitstellen?

Bei Anzeichen psychischer Belastung gilt es, im Sinne einer guten Selbstfürsorge, sich genug zu bewegen, sich gut zu ernähren, auf ausreichend Schlaf zu achten und soziale Kontakte zu pflegen, auch wenn es gerade nur per Telefon oder Video-Call geht. Darüber hinaus ist es wichtig, katastrophisierende Grübelketten zu unterbrechen. Im Internet gibt es mittlerweile eine Vielzahl sehr guter Selbsthilfe-Tipps dazu. Wenn jedoch die Belastung so stark ist, dass eine psychische Störung vorliegt, sollte man sich professionelle Hilfe holen. In der Psychotherapeutensuche der Psychotherapeutenkammer Hessen oder der KV Hessen findet man die Adressen und Telefon-Nummern . Leider sind die Wartezeiten derzeit lang, deshalb ist es wichtig, sich nicht entmutigen zu lassen. Einen Termin für ein erstes Gespräch gibt es oft schon schneller. Hier kann abgeklärt werden, ob eine Behandlung empfohlen wird oder zunächst noch Selbsthilfemaßnahmen reichen.

Die meisten Psychotherapeut*innen bieten mittlerweile auch Video-Sprechstunden an, so dass das Ansteckungsrisiko aufgrund langer Anfahrtswege in öffentlichen Verkehrsmitteln vermindert werden kann.

Digitale Gesundheitsanwendungen als „Apps auf Rezept“, Videosprechstunden oder die elektronische Patientenakte – die Digitalisierung im Gesundheitswesen kommt allmählich voran. Welche Erfahrungen machen Ihre Mitglieder mit der Möglichkeit von digitalen Patientenkontakten während der Pandemie?

Im Bereich Video-Sprechstunde hat es einen großen Sprung innerhalb der Psychotherapie gegeben, der ohne die Corona-Pandemie sicher nicht in diesem Ausmaß stattgefunden hätte. Neun von zehn Psychotherapeut*innen führen mittlerweile erfolgreich videobasierte Psychotherapie durch. Die Erfahrungen sind überwiegend positiv und es zeigt sich, dass die psychotherapeutischen Inhalte auch per Video bearbeitet werden können. Einschränkend muss man allerdings sehen, dass diese Form der Videosprechstunde Grenzen hat: Nicht alle Patient*innen verfügen über die notwendige technische Ausstattung, nicht überall ist das Internet stabil genug, nicht alle Patient*innen haben zu Hause genügend Privatheit für die Therapiesitzung. Bei kleinen Kindern ist es oft auch nicht möglich, sie vor dem Bildschirm zu halten.

Was die DiGAs angeht, können diese von Nutzen sein, wir kritisieren aber die derzeitige Zulassung als Heilmittel ohne Wirksamkeitsnachweis und wir sehen Mängel beim Datenschutz.

Die elektronische Patientenakte begrüßen wir grundsätzlich, haben aber als Psychotherapeut*innen noch keine Erfahrung damit. Der dafür notwendige Heilberufsausweis kann noch nicht beantragt werden und wir befürchten, dass auch die Ausgabe auf sich warten lassen wird. Im Bereich der psychischen Erkrankungen ist der Datenschutz der elektronischen Patientenakte von ganz besonderer Bedeutung. Die Daten unserer Patient*innen dürfen nicht in falsche Hände gelangen.

Was wird aus Ihrer Sicht über die bisherigen Schritte hinaus am dringendsten benötigt?

Die Wartezeiten für einen Psychotherapieplatz waren schon vor der Corona-Pandemie zu lang, jetzt sind sie noch länger geworden. Wir sollten jetzt alle Möglichkeiten innerhalb des GKV-Systems nutzen, das Versorgungsangebot zu verbessern mit unbürokratischer Kostenübernahme der Behandlung durch Privatpraxen und zeitlich befristete Ermächtigungen durch die KV.

Vor welche konkreten Herausforderungen stellt die zunehmende Digitalisierung Sie aktuell? Welche Chancen und Risiken sehen Sie, welche Verbesserungen zeigen sich und welche neuen Probleme tauchen ggf. auf?

Zentrale Herausforderung der Digitalisierung ist einerseits die Weiterentwicklung und andererseits der Schutz und die Sicherung der Systeme. Hackerangriffe und Cyber-Kriminalität machen auch vor dem Gesundheitssystem bis hin zu Einzelpraxen nicht halt. Das ist eine riesige Herausforderung. Auf der anderen Seite hat die Corona-Pandemie gezeigt, welche Vorteile es hat, wenn Kommunikation und Behandlung auf digitalem Weg möglich ist. Es war von unschätzbarem Vorteil, dass wir bereits vor Beginn der Pandemie über zertifizierte Videosysteme für die Psychotherapie verfügten, bei denen die Psychotherapeut*innen sicher sein konnten, dass der Datenschutz gewährleistet ist. So ist es gelungen, die psychotherapeutische Versorgung aufrecht zu erhalten.

Kann die Corona-Pandemie bleibende psychische Beeinträchtigungen hinterlassen und wenn ja, unter welchen Umständen?

Ja, die ersten Studien zu den long-covid-Folgen nach einer Corona-Infektion belegen ganz eindeutig neben körperlichen auch psychische Langzeitfolgen. Das Beschwerdebild ähnelt dem des Chronischen Erschöpfungssyndroms. Die Patient*innen fühlen sich sehr schnell erschöpft, müde, antriebslos bis hin zur Depression und leiden auch unter kognitiver Einschränkung, d.h. Konzentrationsproblemen und verminderter kognitiver Leistungsfähigkeit. Die Ursachen sind bisher nicht genau geklärt, aber wir können jetzt schon davon ausgehen, dass uns die Folgen noch lange beschäftigen werden.