Wie gut schneidet das deutsche Gesundheitssystem im Vergleich zu Gesundheitssystemen anderer Länder ab und wie hoch ist das Vertrauen der Bevölkerung in jenes? Prof. Dr. Claus Wendt Das Leistungsniveau des deutschen Gesundheitssystems ist im internationa- len Vergleich auf einem mittleren Niveau. Wir haben ein sehr gut ausgebildetes ärztliches und pflegerisches Gesundheitspersonal. Die Kosten für Gesundheit sind in Deutschland mit mehr als 12 Prozent des Bruttoin- landsproduktes vergleichsweise hoch, das ist mehr als in den Niederlanden, Schweden oder in der Schweiz. Wir haben erhebliche organisatorische Defizite, die das Ganze teilweise teuer machen und dafür sorgen, dass unsere Gesundheitsleistungen nicht deutlich besser sind. Wir leisten uns beispielsweise Doppel- strukturen und bieten fachärztliche Leistungen ambulant in kleinen Praxen und stationär in Kran- kenhäusern an. In anderen Ländern werden die meis- ten fachärztlichen Leistungen dagegen ambulant und stationär in Krankenhäusern bereitgestellt. Das mit Abstand teuerste Gesundheitssystem der Welt ist das US-amerikanische System. Mehr als 17 Prozent des Bruttoinlandsproduktes wird in den USA für Gesund- heit ausgeben, und viele Menschen dort kommen gar nicht in den Genuss von Gesundheitsleistungen. Was das Vertrauen betrifft, so ist die Zufriedenheit mit Ärztinnen und Ärzten und dem Gesundheitsperso- nal hierzulande vergleichsweise hoch, da liegen wir im europäischen Durchschnitt, in Teilen auch etwas besser, etwa im Vergleich zu Großbritannien. Wenn es um das Vertrauen ins Gesundheitssystem geht, ste- hen wir ebenfalls ganz gut da, auch da scheinen wir von dem sehr ordentlichen Leistungsniveau zu pro- fitieren. Allerdings sinkt das Vertrauen sofort, sobald jemand schlechte Erfahrungen mit dem Gesundheits- system macht, zum Beispiel wenn man vom Zugang zu bestimmten Leistungen ausgeschlossen wurde oder man bestimmte Leistungen aufgrund hoher Eigenbeteiligung nicht zahlen kann. Sie haben organisatorische Defizite erwähnt. Welche sind das? Blicken wir auf den ambulanten Bereich. In Deutsch- land gehen die Menschen im internationalen Vergleich häufig zur Ärztin oder zum Arzt, eine ziel- gerichtete Patientensteuerung zur fachärztlichen Behandlung gibt es nicht. Dieses Problem will das Bundesgesundheitsministerium jetzt angehen mit »Was nicht funktioniert, ist eine Steuerung über finanzielle Anreize oder Bestrafungen wie eine Kon- taktgebühr.« einem Primärversorgungssystem, was richtig ist. Wir brauchen eine gute Primärversorgung, die viele andere Länder, beispielsweise die Niederlande und die skandinavischen Länder, bereits erfolgreich eta- bliert haben. Dort ist es so, dass man für einen län- geren Zeitraum, in der Regel für ein Jahr, bei einer Hausärztin oder einem Hausarzt bleiben muss. Die Steuerung zu Fachärztinnen und Fachärzten läuft über diese Hausarztpraxis. Das funktioniert gut und hat erhebliche positive Folgewirkungen. Was nicht funktioniert, ist eine Steue- rung über finanzielle Anreize oder Bestrafungen wie eine Kontaktge- bühr, und zwar, weil solche Zuzah- lungen nicht zwischen notwendigen und nicht notwendigen Leistungen unterscheiden. Personen mit einem höheren Einkommen interessiert das gar nicht, für diejenigen in den unteren Einkommensgruppen aber stellt das eine erhebliche Belastung dar, was dazu führen kann, dass wirklich notwendige Leistungen nicht in Anspruch genommen wer- den. Studien zeigen auch, dass die Verpflichtung, immer zuerst die Hausarztpraxis oder ein Primärversorgungszentrum aufzusuchen, sich auf keinen Fall negativ auf die Zufriedenheit mit dem Gesundheitssystem aus- wirkt. Die Personen bleiben meistens jahrelang bei ihrer Hausärztin oder ihrem Hausarzt. Ärzte-Hop- ping und Doppeluntersuchungen und damit auch Zusatzkosten werden vermieden. Es heißt immer, die Einschränkung der freien Arztwahl würde von der Bevölkerung abgelehnt und erhebliche negative Folgen für die Patientinnen und Patienten haben. Im internationalen Vergleich sehen wir das nicht. Was können wir von Vorreiterländern lernen? Dänemark hat ein gut funktionierendes Hausarzt- prinzip, wo es sich in der Regel um größere Haus- arztpraxen handelt. In den Niederlanden, Schweden, Norwegen und Finnland befinden sich die Haus- ärztinnen und Hausärzte in der Regel in Primärver- sorgungszentren, was aus meiner Sicht die Zukunft ist. Wir müssen weg von Einzelpraxen oder kleinen Gemeinschaftspraxen. Denn so eine Praxis muss organisiert werden, dafür braucht es Personal, dazu kommt die finanzielle Abwicklung. Das funktioniert E R S AT Z K A S S E M A G A Z I N . 2 . A U S G A B E 2 0 2 6 1 3