Pro Retina Deutschland e.V. aus Trier
Frage 1:
Die neue Ausschreibungsrunde des Rheinland-Pfälzischen Selbsthilfepreises startet in Kürze.
Wie können Selbsthilfegruppen ermutigt werden, ihre Arbeit sichtbarer zu machen und würden Sie sich erneut auf eine Ausschreibung bewerben?
Ja, in jedem Fall und jederzeit würden wir uns wieder um den Selbsthilfepreis bewerben. Denn wir sind sehr dankbar, dass es solche Auszeichnungen gibt. Unser Engagement einer breiten Öffentlichkeit und so ausführlich präsentieren zu dürfen, ist für uns etwas Besonderes und die Teilnahme an der Feierstunde war eine Ehre. Eine solche Wertschätzung für unser Engagement haben wir in dieser Form noch nicht erhalten. Die Auszeichnung „beflügelt“ uns, auch in Zukunft viele unterschiedliche Wege zu nutzen, um noch mehr Menschen mit Seheinschränkung helfen zu können. Und natürlich ist auch das Preisgeld für uns als Selbsthilfe wertvoll. Es leistet einen wichtigen Beitrag zu unserer ehrenamtlichen Arbeit und ermöglicht es uns, unsere Vorhaben zu realisieren.
Eine solche Auszeichnung ist enorm wichtig, um sichtbarer zu werden. Sichtbarkeit ist ein ganz entscheidender Erfolgsfaktor für die Selbsthilfe. Denn nur, wenn wir sichtbar sind und die Menschen wissen, dass es uns gibt und sie zu uns kommen können, können wir ihnen helfen. Daher ermutigen wir alle ehrenamtlich Aktiven, die Möglichkeiten zu nutzen, um sichtbarer zu werden.
Menschen, die in der Selbsthilfe aktiv sind, sollten sich bewusst machen, wie wichtig ihre Arbeit ist, wie hilfreich es für Betroffene ist, miteinander in Kontakt zu treten und welche Chancen die Selbsthilfe für jeden Menschen birgt, der aufgrund welcher Problematik auch immer nicht alleine sein sollte. Denn gemeinsam ist vieles leichter. Zu erfahren, wie andere Menschen mit Herausforderungen umgehen, inspiriert und macht Mut. Diese Erfahrung der Gemeinschaft von Gleichbetroffenen und das Gefühl der Gemeinschaft machen die Einzigartigkeit der Selbsthilfe aus.
Eine besondere Möglichkeit für Selbsthilfegruppen, sichtbarer zu werden, bietet in Rheinland-Pfalz beispielsweise auch der Selbsthilfewegweiser. Unsere Empfehlung an alle anderen Selbsthilfegruppen ist es, sich hier einzutragen. Und natürlich wünschen wir uns, dass auch der Wegweiser selbst noch bekannter wird, damit Betroffene darüber zu der passenden Anlaufstelle finden.
Ein anderer wichtiger Weg ist die Einbeziehung der regionalen Presse. Denn mithilfe der Medien erreicht man Menschen, die Hilfe brauchen, aber nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Hier ermutigen wir aufgrund unserer Erfahrungen die ehrenamtlich Aktiven in den anderen Selbsthilfegruppen, immer wieder auf ihre Arbeit hinzuweisen. Das gilt übrigens auch in Bezug auf die politischen Entscheider, denn schließlich ist die Selbsthilfe eine starke und wichtige Säule unserer Gesellschaft. In diesem Zusammenhang sollte man unbedingt den Spruch beherzigen „Steter Tropfen höhlt den Stein“.
Frage 2:
Herzlichen Glückwünsch zur Auszeichnung!
Wie haben Sie und Ihre Selbsthilfegruppe die Auszeichnung aufgenommen? Und ganz konkret: Wofür konnten Sie das Preisgeld verwenden?
Wir waren überaus glücklich und sehr gerührt. Mit so viel Wertschätzung haben wir gar nicht gerechnet. Und auch nicht damit, den ersten Platz zu belegen. Schließlich gibt es in Rheinland-Pfalz so viele positive Beispiele für ehrenamtliches Engagement. Umso mehr hat es uns gefreut, dass durch diese Auszeichnung das Thema Seheinschränkung und Blindheit und die Bedeutung der Unterstützung Betroffener durch Selbsthilfearbeit mehr in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt wurde.
Denn die Betroffenen haben mit einer Vielzahl von Herausforderungen zu kämpfen: Sie müssen lernen, sich im Alltag zu orientieren, Hilfsmittel zu nutzen, aber auch Hilfen anzunehmen. Menschen, die ihr Augenlicht verlieren, können oft nicht mehr in der gewohnten Form arbeiten. Viele werden früh erwerbsgemindert oder erwerbsunfähig. Die Folge sind häufig finanzielle Probleme. Viele können die laufenden Kosten ihrer täglichen Verpflichtungen kaum tragen und müssen sehr genau prüfen, wofür sie das wenige verbleibende Geld ausgeben können.
Auch vor diesem Hintergrund freuen wir uns sehr über das Preisgeld. Das Preisgeld ermöglicht uns, den Betroffenen noch mehr kostenlose Angebote zu unterbreiten, zu denen auch uns ansonsten die Mittel gefehlt hätten. Zumal unsere Art der Selbsthilfearbeit sich in vielerlei Hinsicht von der Arbeit anderer Selbsthilfegruppen unterscheidet. Oftmals brauchen wir zusätzliche finanzielle Mittel, um wirklich optimal beraten zu können. Ein Beispiel hierfür ist unser Beratungskoffer. Er enthält zum unter anderem eine sprechende Küchenwaage, Markierungspunkte, die beispielsweise an der Waschmaschine oder dem Herd wichtig sind, Schreibschablonen, Gegenstände zur Kennzeichnung wie den Langstock, Blindenanstecker, eine Armbinde, aber auch Kartenspiele für Seheingeschränkte, große oder taktile Würfel und vieles mehr. Diese Alltagshelfer sind ein ganz wichtiger Baustein für ein selbstbestimmtes und eigenständiges Leben trotz nachlassender Sehkraft.
Der Selbsthilfepreis in Höhe von 2.500 Euro ermöglichte uns im Jahr 2025
- Workshops durchzuführen zu den Themen Sturzprophylaxe und Lebenspraktische Fähigkeiten;
- Einen Zuschuss zu einem gemeinsamen Ausflug zu gewähren, damit alle Betroffenen in der Region daran teilnehmen konnten;
- Flyer drucken zu lassen, damit noch mehr betroffene von unseren Angeboten erfahren. Diese Flyer haben wir zum Beispiel bei Augenärzten, Optikern und in Bibliotheken ausgelegt, um auf uns aufmerksam zu machen;
- einige kleinere Artikel für unseren Beratungskoffer zu erwerben. Dieser Beratungskoffer dient dazu, Betroffenen Alltagshelfer und deren Nutzungsmöglichkeit vorzustellen.
All das wäre ohne diesen Preis in dieser Form nicht möglich gewesen, da die Mittel der Pauschalförderung begrenzt sind und vieles nicht förderfähig ist. Daher danken wir auch im Namen all derer, denen wir durch das Preisgeld helfen konnten.
Das Preisgeld ermöglicht uns, den Betroffenen noch mehr kostenlose Angebote zu unterbreiten, zu denen auch uns ansonsten die Mittel gefehlt hätten.
Frage 3:
In der Laudatio wurde betont, wie aktiv und kreativ Sie Betroffene, zum Teil auch über soziale Medien, Gruppentreffen und Veranstaltungen erreichen.
Was ist Ihnen in der Selbsthilfe besonders wichtig und wie hat sich die Arbeit Ihrer Gruppe über die Jahre verändert?
Wenn ich mir die letzten zehn Jahre im Ehrenamt anschaue, hat sich vieles verändert. Da müssen auch wir uns in der Selbsthilfe anpassen. Ganz wichtig für unsere Arbeit für seheingeschränkte und blinde Menschen ist es, dass wir diese Menschen wohnortnah beraten und begleiten können. Seheingeschränkte und blinde Menschen sind, wenn sie nicht gerade sehr gut vernetzt sind und Freunde und Angehörige haben, auf den ÖPNV angewiesen. Dessen Nutzung gestaltet sich aber gerade im ländlichen Bereich mit schlechter Infrastruktur sehr schwierig. Daher bieten wir als PRO RETINA Deutschland e. V. gezielt und bewusst Gesprächskreise und Gruppentreffen sowie Hilfsmittelveranstaltungen auch abseits von größeren Städten an.
Speziell bedeutet das für die Regionalgruppe Trier, dass wir auch in Daun, Idar-Oberstein und Prüm präsent sind. Dort bieten wir auf Wunsch unter anderem von Gemeindeschwestern auch in deren „Arbeitsgebieten“ zum Beispiel Einmaltreffen an. Hierbei erfolgt eine Art Grundberatung der Betroffenen vor Ort. Zugleich können wir in den Gesprächen herausfinden, welche Unterstützung individuell benötigt wird, damit die Betroffenen mehr Lebensqualität erhalten. Das ist zum Beispiel möglich durch eine gezielte Hilfsmittel- oder Sozialberatung.
Ein weiterer wichtiger Arbeitsschwerpunkt von uns sind die Angehörigen. Die Arbeit mit Angehörigen liegt uns am Herzen, denn nach der Diagnosestellung verändert sich auch ihr Leben von Grund auf. Ein weiteres wichtiges Ziel der Beratung von Angehörigen ist es, dass sie die Krankheit verstehen. Daher haben wir bei dem PRO RETINA-Thementag am 6. Juni 2026 in Bitburg Angehörigen – und natürlich allen anderen Interessierten – die Möglichkeit geboten, mit Hilfe einer VR-Brille die Seheinschränkungen bei den verschiedenen Krankheitsbildern zu erleben. Für viele ist es eine Schlüsselerfahrung, weil sie so selbst erleben, wie ihr Angehöriger sein Umfeld sieht. Das ist wiederum eine wichtige Voraussetzung für ein verständnisvolles Miteinander und eine zielgerichtete Unterstützung.