Patientensicherheit: Wer kann es am besten?

Das diesjährige vdek-Fachforum im Rahmen des 18. Europäischen Gesundheitskongresses stand ganz im Zeichen der Patientensicherheit und der Frage, was lässt sich aus den bisherigen Erfahrungen – auch in anderen Ländern – für die Weiterentwicklung des Patientenschutzes lernen.

Schon in seiner Begrüßung der Gäste wies Dr. Ralf Langejürgen, der Leiter der vdek-Landesvertretung Bayern, auf zwei Themen hin, die für die Patientensicherheit von elementarer Bedeutung sind. Das eine ist die Fehlermeldekultur und das andere die Einbettung der Patientensicherheit in die Studienpläne.

 

Ralf Langejürgen: Bei den Ersatzkassen steht die Patientensicherheit hoch auf der Tagesordnung.

Kein Anlass zur Zufriedenheit

Nach der Meinung von Dr. Max Skorning, Leiter des Sachbereichs Qualität und Patientensicherheit im Medizinischen Dienst des Spitzenverbandes Bund der Krankenkassen,  Hat das deutsche Gesundheitswesen durchaus einiges in Sachen Patientensicherheit vorzuweisen. Und dennoch, so Max Skorning, liefert die aktuelle Lage der Dinge keinen Anlass zur Zufriedenheit.

Die Patientensicherheit ist eine komplexe Querschnittsaufgabe, die nur im engen Zusammenwirken der handelnden Personen, der betroffenen Berufsgruppen, der einschlägigen Behandlungsteams sowie der Organisationen und Verbände des Gesundheitswesens bewältigt werden kann. Entscheidend dabei ist, dass in Diagnose und Therapie die Perspektive der Patienten eingenommen wird. Dabei geht es realistischerweise nicht um totale Fehlervermeidung, sondern um die Herstellung eines Gesamtzustandes, in dem unerwünschte Ereignisse möglichst selten auftreten, das Sicherheitsverhalten gefördert wird und die Risiken beherrscht werden. Zu den Eigenschaften eines solchen Systems gehört die Anerkenntnis der Sicherheit als erstrebenswertes Ziel und die Umsetzung von realistischen Optionen zu ihrer Verbesserung. Von den Akteuren in solch einem System wird erwartet, dass sie ihre Innovationskompetenz in den Dienst der Verwirklichung von Sicherheit stellen.

Deutschland befindet sich auf eine langen Weg zur Sicherheitskultur, die Max Skorning auf die Formel bringt: Erkenntnis + Einsicht + Regelung + Kontrolle = Sicherheitskultur. Erkenntnis heißt, erst die valide Erfassung von Never Events ermöglicht die Einordnung der Zahlenverhältnisse. Einsicht heißt, ein offener Umgang mit Fehlern führt zur Ent-Skandalisierung und macht die Fehlerprävention erst glaubhaft. Die Umsetzung der Regelungen führt zur Verringerung der Fehlerzahl und erhöht das Vertrauen weiter. Und das positive Feedback festigt ein sicheres Verhalten. Aus dieser Formel leitete er resümierend die Forderung ab, die Patientensicherheit zur Chefsache zu erklären.

Max Skorning: Die Patientensicherheit zur Chefsache erklären!

Österreich: Ressourcen für die Patientensicherheit freisetzen und nutzen

Die Präsidentin der Österreichischen Plattform Patientensicherheit (ANetPaS), Dr. Brigitte Ettl, berichtete über den Stand der Patientensicherheit in der Alpenrepublik. Die ANetPas ist bereits seit 10 Jahren aktiv und konnte zahlreiche Ideen und Initiativen umsetzen. Zu den vier zentralen Themenbereichen der Plattform gehören das Patient-Empowerment, die Kommunikation, die Medikamenten-Sicherheit und die Hygiene. Die Vision der österreichischen Patientensicherheitsaktivisten ist, dass es bis 2040 keinerlei Todesfälle durch unerwünschte Ereignisse mehr gibt und alle Anstrengungen von Politik und Gesundheitsanbietern unternommen werden, um dieses Ziel zu erreichen. Dass dies ein sehr ehrgeiziges Ziel ist, ist Brigitte Ettl bewusst, dennoch stellte sie optimistisch fest, dass die dafür notwendigen Ressourcen im Gesundheitswesen vorhanden sind, sie müssen nur freigesetzt und genutzt werden.

Brigitte Ettl: Ein optimistischer Blick in die Zukunft

Schweiz: Das Problem der dezentralen Struktur

Dr. René Schwendimann, der Leiter der Abteilung Patientensicherheit am Universitätsspital Basel, berichtete über die Situation in der Schweiz. Auch in diesem Land ist die Patientensicherheit eine Aufgabenstellung, deren Umsetzung komplexe Herausforderungen an die Akteure stellt. Eine der Hauptschwierigkeiten besteht in der dezentralen Struktur des schweizerischen Gesundheitswesens, die auf das föderale System des Landes zurückzuführen ist. Im Jahr 2013 wurden „Die gesundheitspolitischen Prioritäten des Bundesrates - 2020“ veröffentlicht. Das Papier definierte die Sicherung und Erhöhung der Versorgungsqualität als eines der Gesundheitsziele. Das Problem aber besteht darin, dass die Qualität der Gesundheitsversorgung in der Schweiz weder systematisch erfasst noch einheitlich gemessen wird. Wichtige Daten werden nicht erhoben oder sind für die Behörden nicht zugänglich. So können weder das Verbesserungspotenzial noch die erzielten Verbesserungen erfasst werden. Es fehlt ein echter Qualitätswettbewerb.

Selbstkritisch zog René Schwendimann sein Fazit: In der Schweiz existieren zur Patientensicherheit viele wertvolle Einzelaktivitäten verschiedener Akteure. Was jedoch fehlt, sind eine gesamtheitliche Strategie, Prioritätensetzung und Wirksamkeitsprüfung unter Einbindung und Vernetzung aller Beteiligten sowie Institutionen, die eine solche Strategie nachhaltig etablieren könnten.

René Schwendimann: Es fehlt an einer Strategie

Bayern: Einig über das strategische Ziel

An der Podiumsdiskussion nahmen führende Standesvertreter der bayerischen Ärzteschaft teil, die sich zum Stand der Patientensicherheit im Freistaat äußerten. Siegfried Hasenbein, der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft vertrat unter anderem die Auffassung, dass die Patientensicherheit schon aus Wettbewerbsgründen unter den Kliniken in den letzten Jahren zur Chefsache geworden ist. Die Idee von einem Patientensicherheitsbeauftragten fand Unterstützung seitens des Vizepräsidenten der Bayerischen Landesärztekammer, Dr. Andreas Botzlar. Der Patientensicherheitsbeauftragte soll unabhängig finanziert werden und eigenständig sein. Allerdings, meinte Andreas Botzlar, bei einer offenen Kommunikation und Transparenz in den Krankenhäusern bräuchte man diese Stelle nicht. Der Geschäftsführer der Freien Allianz der Länder-Kassenärztlichen Vereinigungen (FALK), Martin Degenhardt, nannte für die mangelnden Fehlermeldeaktivitäten der niedergelassenen Ärzte zwei Gründe: die Skandalisierung der bekanntgewordenen Behandlungsfehler in den Massenmedien und die geltende Rechtslage in Bezug auf die Haftung.

Einig über das strategische Ziel (v.l.n.r.): Siegfried Hasenbein (BKG), Dr. Brigitte Ettl (ANetPaS), Dr. Max Skorning (MDS), Dr. Andreas Botzlar (BLÄK), Dr. Ralf Langejürgen (vdek), Martin Degenhardt (FALK), Dr. Schwendimann (Universitätsspital Basel), Nikolaus Nützel (BR).

Im Resümee waren sich alle Teilnehmer des Fachforums einig, dass Patientensicherheit nur als Chefsache gelingen kann und dass es im Endresultat um einen kontinuierlichen Verbesserungsprozess geht. Mehr Patientensicherheit geht nur, wenn alle verantwortlichen Akteure an einem Strang ziehen und Fehler nicht primär als Sanktionsgrund, sondern als Grundlage für Lernprozesse interpretiert werden. Ein gelungenes Fachforum mit vielen neuen Impulsen für eine breit angelegte Patientensicherheitskultur.