Es besteht ein ganz deutlicher Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Infektionsgeschehen!

Portrait Quer Boehm_2020_copyright HAGE e. V.

Dr. Katharina Böhm ist Geschäftsführerin der HAGE – Hessische Arbeitsgemeinschaft für Gesundheitsförderung e. V.. Im Interview sprach sie unter anderem darüber, wie gesundheitliche Ungleichheit in der Pandemie adressiert werden kann.

Vor welche konkreten Herausforderungen stellt die Corona-Pandemie Sie aktuell?

Die größte Herausforderung aktuell und auch für die Zukunft ist, der durch die Pandemie noch einmal deutlich angewachsenen gesundheitlichen Ungleichheit entgegenzuwirken. Es hieß ja lange, Corona trifft alle gleich, aber dem ist nicht so, es besteht ein ganz deutlicher Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Infektionsgeschehen, wie die neue Datenauswertung des RKI ja eindrücklich zeigt. Aber nicht nur die Infektionen sind sozial ungleich verteilt. Auch die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie treffen Menschen in schwierigen sozialen Lagen viel stärker als Menschen mit gutem Einkommen und hoher Bildung: Stressbelastung durch beengten Wohnraum, Arbeitsplatzunsicherheit, der Wegfall von sozialen Unterstützungsangeboten, um hier nur einige Beispiele zu nennen, wirken sich negativ auf die Gesundheit der Menschen aus und werden die gesundheitliche Ungleichheit noch weiter verstärken. Dem versuchen wir in unserer Arbeit entgegenzuwirken.

Welche Lösungsansätze gibt es aus Ihrer Sicht, um diese Probleme zu bewältigen?

In der Pandemie wurden viele gute Maßnahmen entwickelt. Die Koordinierungsstelle Gesundheitliche Chancengleichheit (KGC) Hessen hat für hessische Multiplikator*innen und Akteure in der Kommune mit geeignetem Zugang oder Verantwortung für Menschen in schwierigen Lebenslagen, eine Übersicht mit themenrelevanten Artikeln sowie hilfreichen Webseiten und Unterstützungsangeboten zusammengestellt.

Ein konkretes Beispiel wie gesundheitliche Ungleichheit in der Pandemie adressiert werden kann, sind die stadtteilbezogenen Unterstützungsangebote in Bremen. Hier werden seit kurzem in den besonders betroffenen Stadtteilen Gesundheitsfachkräfte eingesetzt, die als Anlaufstelle für alle pandemiebezogenen Fragen fungieren und helfen sollen, die Gesundheitskompetenz der Bewohner*innen zu verbessern.

Grundsätzlich geht es darum, die Resilienz gegenüber gesundheitlichen Krisen – und da ist die COVID-19-Pandemie nur ein Beispiel - zu stärken. Ziel darf es aber nicht alleine sein, die Individuen widerstandsfähiger zu machen. Auch die Strukturen müssen angepasst werden, um auf gesundheitliche Herausforderungen, sei dies eine akute Infektionslage oder die wachsende Zahl chronischer Erkrankungen, besser reagieren zu können.

Laut Leitbild der HAGE knüpfen Maßnahmen der Gesundheitsförderung und Prävention an vorhandene Potenziale an, stärken individuelle und kontextbezogene Ressourcen und verbessern damit die Gesundheitschancen der Menschen. Wie gelingt es Ihnen konkret, dies umzusetzen?

Die Ressourcenorientierung ist eines der Kernmerkmale von Gesundheitsförderung und ist die Grundhaltung unserer Arbeit. Wir schauen dabei, wie können wir die Menschen befähigen gesundheitsförderlich zu leben. Aus diesem Grund ist auch die Partizipation ein ganz wichtiger Bestandteil unserer Arbeit. Wir versuchen die Menschen bei jedem Schritt, d. h. schon bei der Bestandserhebung und Bedarfsanalyse mit einzubeziehen.

Was planen Sie zukünftig für die Prävention und Gesundheitsförderung in Hessen? Woran wollen Sie festhalten, was möchten Sie ausbauen?

Die HAGE hatte schon immer einen starken kommunalen Fokus. Das sieht man auch daran, dass Kommunen fast ein Drittel unserer Mitglieder ausmachen. Diesen Fokus wollen wir auch in Zukunft beibehalten und wo möglich noch weiter ausbauen. Denn es geht uns darum, gesundheitsförderliche Lebenswelten zu schaffen und die Kommunen haben mit ihrer Zuständigkeit für die allgemeine Daseinsfürsorge die Entscheidungsmacht über viele gesundheitsrelevante Bereiche, von der Kinderbetreuung über die Stadtplanung bis hin zur Vereinsförderung. Sie können daher Gesundheitsförderung als Querschnittsaufgabe, im Sinne von Health in All Policies, umsetzen. Voraussetzung hierfür sind natürlich entsprechende personelle Ressourcen und der politische Wille zur Umsetzung. Darum sehen wir eine unserer Aufgaben auch in der Interessenvertretung für Gesundheitsförderung und gesundheitliche Chancengleichheit. Zu unseren Aufgaben gehört es auch, die Kommunen bei der Umsetzung von Gesundheitsförderung und Prävention zu begleiten und zu beraten, ihnen entsprechende Unterstützungsmöglichkeiten aufzuzeigen und die Akteure miteinander zu vernetzen.

Die COVID-19 Pandemie hat eindrücklich gezeigt, dass Gesundheit ein Thema jedes Politikbereiches und nicht nur des Gesundheitswesens ist. In Zukunft wird es daher noch viel stärker darum gehen, Gesundheit als Thema in den anderen Politikfeldern zu verankern und es noch viel enger mit anderen Themen wie z. B. Umweltschutz zu verknüpfen.

Digitale Gesundheitsanwendungen als „Apps auf Rezept“, Videosprechstunden oder die elektronische Patientenakte – die Digitalisierung im Gesundheitswesen kommt allmählich voran. Gilt das auch für die Gesundheitsförderung und Prävention in Hessen und wenn ja, wo und wie wird dies sichtbar?

Ja, auch in der Gesundheitsförderung und Prävention ist die Digitalisierung angekommen. Durch die Corona-Pandemie hat es noch einmal einen zusätzlichen Digitalisierungsschub gegeben. So wurde zum Beispiel der GKV-Leitfaden Prävention um digitale Angebote erweitert. Auch wir haben alle unsere Angebote pandemiebedingt auf ein digitales Format umgestellt bzw. neue digitale Formate entwickelt. Damit haben wir sehr viele gute Erfahrungen gemacht, sodass wir viele der digitalen Angebote auch dann beibehalten werden, wenn Präsenzformate wieder möglich sein werden.

Was wird aus Ihrer Sicht über die bisherigen Schritte hinaus am dringendsten benötigt?

Der Fokus der Digitalisierung in der Gesundheitsförderung und Prävention liegt bislang hauptsächlich auf individualpräventiven Maßnahmen. Aus meiner Sicht ist es im nächsten Schritt wichtig, die Digitalisierung auch bei der Verhältnisprävention voranzubringen. Hier gibt es schon gute Ansätze und Modellvorhaben, aber diese sind noch nicht weit verbreitet. So ermöglicht die Digitalisierung u. a. bei der Bestandsanalyse und Bedarfserhebung ganz neue Wege: Bürger*innen können zum Beispiel mithilfe ihres Smartphones Lärmbelastungen oder Bewegungshindernisse in geographischen Karten eintragen und so dazu beitragen, entsprechende Maßnahmen bedarfsorientierter zu planen und umzusetzen.

Vor welche konkreten Herausforderungen stellt Sie die zunehmende Digitalisierung aktuell? Welche Chancen und Risiken sehen Sie, welche Verbesserungen zeigen sich und welche neuen Probleme tauchen ggf. auf?

Die Digitalisierung ermöglicht ganz neue Formen der Partizipation, gleichzeitig muss uns aber bewusst sein, dass wir nicht alle Zielgruppen gleichermaßen erreichen. Der Zugang zur digitalen Welt und die digitale Medienkompetenz sind höchst ungleich in der Bevölkerung verteilt. Damit wir diese digitale Spaltung nicht noch vergrößern, sollten digitale Maßnahmen entsprechend der Bedarfe der Nutzer*innen geplant und diese bei der Entwicklung von Anfang an mit einbezogen werden. Oft ist es auch hilfreich, digitale Maßnahmen mit bestehenden Maßnahmen zu verbinden und so, die Nutzer*innen schrittweise an die neuen Angebote heranzuführen.