"Sepsis ist ein lebensgefährlicher Notfall, der sofort behandelt werden muss"

Prof. Dr. Jürgen Graf ist Ärztlicher Direktor und Vorstandsvorsitzender am Universitätsklinikum Frankfurt und Vorsitzender des Kuratoriums der Sepsis-Stiftung. Im Interview spricht er u.a. über die hohe Sepsis-Sterblichkeit in Deutschland, was Deutschland von anderen Ländern in Bezug auf Sepsis-Prävention und Aufklärung lernen kann und welche Zusammenhänge es zwischen Covid-19 und Sepsis gibt.

 

UKF Graf, Jürgen_copyright Foto Frank Blümler

Herr Prof. Graf, bei einer Sepsis muss schnell gehandelt werden, doch die Gefahren und Anzeichen einer Sepsis sind immer noch vielen Menschen unbekannt. Was muss getan werden, damit möglichst viele Bürgerinnen und Bürger Sepsis erkennen?

Im ambulanten Bereich entwickelt sich Sepsis oft als akute Verschlechterung einer vorhandenen Infektion, z.B. der Atemwege, des Magen-Darm-Traktes, der Harnwege, der Haut oder von Wunden. Das muss den Menschen bekannt sein. Sepsis wird oft verspätet und nicht im Frühstadium diagnostiziert, wenn sie meistens noch leicht reversibel ist.

Das liegt daran, dass wir Deutschen nur wenig wissen über Sepsis. Eine repräsentative Befragung bei über 60-Jährigen im Jahr 2017 ergab, dass zwar 88 % den Begriff Sepsis kannten. Doch Ursachen und Symptome der Erkrankung sind weitgehend unbekannt. Nur wenige sind sich bewusst, dass Sepsis ein lebensgefährlicher Notfall wie Herzinfarkt und Schlaganfall ist, der sofort behandelt werden muss. Zudem wissen nur 17 Prozent der Bundesbürger, dass Sepsis durch Infektionen ausgelöst wird, gegen die man sich beispielsweise durch Impfungen gegen Pneumokokken und Influenza schützen kann.

Im internationalen Vergleich hat Deutschland eine hohe Sepsis-Sterblichkeit. Was sind die Hauptursachen hierfür?

Die Impfquoten sind in Deutschland bis zu zwei Drittel geringer als in Australien, England und den USA. In den meisten deutschen Krankenhäusern fehlt es an Sepsis-spezifischen Qualitätsinitiativen, um die Sepsis-Früherkennung und -behandlung zu verbessern. Aus diesem Grund fordert ein breites Bündnis von Fachgesellschaften und Experten einen Nationalen Sepsisplan.

Welche Möglichkeiten gibt es, die hohe Sepsis-Sterblichkeit in Deutschland zu reduzieren?

 Es gibt verschiedene Möglichkeiten:

  1. Aufklärungsarbeit der Öffentlichkeit zur Stärkung der Gesundheitskompetenz der Bevölkerung und besonders gefährdeter Risikogruppen, Beratung von Betroffenen und Angehörigen in der Akutsituation und hinsichtlich der nötigen Folgebehandlungen.
  2. Die Unterstützung der Fort- und Weiterbildung von Ärzten und Pflegekräften an Krankenhäusern und im ambulanten Bereich zur Verbesserung der Prävention, Früherkennung und Behandlung.
  3. Die Kooperation mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA), der als höchstes beschlussfähiges Organ für das Gesundheitswesen eine wesentliche Rolle bei der Qualitätssicherung spielt.
  4. Schaffung von verbindlichen Qualitätsindikatoren für die richtige Diagnostik und Therapie der Sepsis durch das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen (IQTIG).
  5. Die Durchsetzung der seit 2013 an das Bundesgesundheitsministerium (BMG) gerichteten Forderung für einen Nationalen Sepsisplan.

Gibt es Best-Practice-Beispiele aus anderen Ländern, an denen sich Deutschland orientieren könnte?

Sehen Sie sich bitte Australien oder England an: In diesen Ländern gibt es seit vielen Jahren breite Kampagnen, sowohl zur Sepsis, als auch zur Patientensicherheit im Gesundheitswesen. Hier sind es verbindliche Regelungen auf nationalem Niveau die über Strukturvorgaben und Ergebniskontrolle gezielt und verbindlich umgesetzt werden.

Überdies kommt in Deutschland der Aspekt der Prävention und Aufklärung aus meiner Sicht zu kurz – hier könnte sowohl im Gesundheitswesen durch Anreize der Leistungserbringer als auch in Schulen und anderen Bildungseinrichtungen mehr getan werden. Für den Erfolg solcher Maßnahmen gibt es ein gutes Beispiel aus dem State New York in den USA: Dort wurde eine Schulstunde pro Jahr und Schulklasse eingeführt um über Hygiene, Impfung, Infektionen und Sepsis zu sprechen. Die Kinder tragen ihre Erkenntnisse nach Hause und berichten den Eltern davon.

Wie wird eine Sepsis derzeit diagnostiziert?

Die Diagnose basiert

a) auf dem Nachweis bzw. dem Verdacht einer Infektion. Allgemeine Zeichen für eine Infektion sind Fieber, ggf. Schüttelfrost und Abgeschlagenheit. Lokale Infektionszeichen können in Abhängigkeit vom Infektionsort variieren. Ein weiteres Zeichen sind Laborwerte, wie z.B. eine erhöhte Anzahl weißer Blutkörperchen.

b) auf den Anzeichen für eine akut auftretende Organfunktionsstörung, die fern vom Infektionsort auftritt, z. B. Verwirrung, Atemnot, Blutdruckabfall, Kreislaufschock.

Insbesondere bei Kindern und Neugeborenen können die Anzeichen und Symptome unspezifisch sein, z.B. Apathie, Wesensveränderung, schnelle schwere Atmung, schneller Puls.

Was ist Ihrer Ansicht nach für eine bessere und schnellere Diagnose einer Sepsis notwendig? Wie kann medizinisches Fachpersonal in Krankenhäusern besser über Vorbeugung und Früherkennung von Sepsis informiert werden?

Wissen, Wissen, Wissen.

Sepsis muss als Erkrankung sowohl in der Ausbildung, als auch in der Fort- und Weiterbildung sowohl von Ärztinnen und Ärzten, als auch von Pflegekräften und Gesundheitsfachberufen grundsätzlich eine Rolle spielen.

Beispiele für erfolgreiche Wissensvermittlung gibt es auch in Deutschland, wenn Sie sich die öffentliche Wahrnehmung beispielsweise von Tumorerkrankungen, Schlaganfall und Herzinfarkt ansehen.

Welche Qualitätsverbesserungsoffensiven in Gesundheitseinrichtungen gibt es bereits? Was fehlt aus Ihrer Sicht?

Es fehlt eine Struktur. Am Universitätsklinikum Greifswald hat PD Dr. Matthias Gründling beispielsweise mit Kolleginnen und Kollegen verschiedener Berufsgruppen die Sepsis „zu seiner Sache“ gemacht und den Sepsisdialog aufgebaut.

Die direkten Ziele dieses Qualitätsmanagementprojekts sind:

  1. Die Senkung der Sterblichkeit von Patienten mit Sepsis
  2. Fortbildung und Einbeziehung aller am Behandlungsprozess beteiligten Mitarbeiter (Pflege, Ärzte, Funktionsdienst)
  3. Eine Qualitätssteigerung in den Bereichen Prävention und Hygiene, Wissen um das Krankheitsbild, Diagnose und Therapie
  4. Eine Verbesserung der Sepsis-Diagnosestellung durch besondere Screeningmaßnahmen und bettseitige Schnelldiagnostik
  5. Die Umsetzung der aktuellen Leitlinien zur Sepsistherapie im gesamten Klinikum
  6. Analyse der Versorgungsqualität anhand von Qualitätsindikatoren
  7. Fortbildung von Mitarbeitern regionaler Partnerkrankenhäuser
  8. Klinische Forschung in nationaler und internationaler Kooperation
  9. Beiträge zur Entwicklung von Leitlinien der Fachgesellschaften (Deutsche Leitlinien zur Diagnostik und Therapie der Sepsis) und Beiträge zu Lernkonzepten internationaler Fachgesellschaften
  10. Verbesserung der Patientenorientierung

So etwas könnte auch über IQTIG oder G-BA verpflichtend aufgenommen werden, ein funktionales und etabliertes Beispiel existiert.

Seit mehr als einem Jahr leben wir mit Corona. Welche Zusammenhänge gibt es zwischen COVID-19 und Sepsis?

COVID-19 ist eine durch ein Virus – SARS-CoV-2 – ausgelöste Infektionskrankheit. Grundsätzlich kann jede Infektion zu einer Sepsis führen. Allerdings scheinen Patienten mit einem schweren Krankheitsverlauf von COVID-19 besonders häufig eine Sepsis und die schwerwiegenden Verlaufsformen bis hin zum septischen Schock zu entwickeln.