Interview

Corona, Reformbedarf und Digitalisierung in der Stationären Versorgung

Dr Gerald Gaß (Quelle Tobias Vollmer)

 

 

Dr. Gerald Gaß

zuletzt Geschäftsführer des Landeskrankenhauses Rheinland-Pfalz. Seit dem 01.04.2021 Vorstandsvorsitzender der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG)

 

Die Corona-Pandemie stellt in allen Lebensbereichen eine enorme Belastung dar. Welchen konkreten Herausforderungen standen/stehen die Krankenhäuser in diesem Zusammenhang gegenüber und welche Bilanz ziehen Sie hier nach circa einem Jahr der Pandemie?  

Gaß: Die Herausforderung für die Kliniken und für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren vielschichtig. Zum einen war für alle die Situation seit März vergangenen Jahres von einer extremen Belastung geprägt. Ihr Leben hat sich 24 Stunden an sieben Tagen die Woche nur um Corona gedreht. Das Thema war omnipräsent, bei der Arbeit und im Privaten. Ein Thema war immer auch die Sorge, sich selbst infizieren zu können.

Aber auch für die Organisationen der Krankenhäuser hat sich seit März vieles einschneidend verändert. Wir mussten viele planbare Leistungen aufschieben, Mehrbettzimmer zu belegen, war nicht mehr möglich. Wir mussten neue Infektionsstationen einrichten und die Kapazitäten der Intensivstationen erhöhen.  Hygienemaßnahmen mussten wir an die extreme Situation anpassen. 

In vielen Regionen haben wir neue Kooperationen aufgebaut, um die COVID-Versorgung ideal zu gestalten. Das heißt, dass wir Krankenhäuser hatten, die schwerpunktmäßig Corona-Patienten behandelt haben, andere Kliniken, die ihnen dafür den Rücken freihielten. Dass eben auch Krankenhäuser ohne Covid-Patientinnen und -Patienten einen immensen Beitrag geleistet haben, sollte man immer bedenken, wenn man über die Finanzierungsausgangsregelung spricht. Nach einem Jahr lässt sich nun Bilanz ziehen: Wir haben an die 200.000 COVID-Patienten versorgt, davon rund 30.000 auf Intensivstationen, in der Spitze knapp 5.800 gleichzeitig. Kliniken waren das Rückgrat der Versorgung. Ihre Kapazitäten waren trotz extremer Belastung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu keinem Zeitpunkt überlastet, wie wir es in andern Ländern sehen mussten.

 

Neben den Herausforderungen birgt Corona auch Chancen. So wurde beispielsweise die Digitalisierung vorangetrieben. Welche Chancen sehen Sie durch die Digitalisierung und den Krankenhauszukunftsfonds, um z.B. die Qualität der stationären Versorgung zu verbessern? 

Gaß: Digitalisierung ist ein zentrales Zukunftsthema, auch für Krankenhäuser. Das ist nicht erst während der Corona-Pandemie deutlich geworden. Sie hat – wie in anderen Bereichen – in vielen Kliniken digitale Projekte stark beschleunigt. So haben digitale Verfahren die Patientenversorgung teils sehr schnell unterstützt und ergänzt. Mit der Krise als Katalysator traten die Potenziale der Digitalisierung in den Fokus der Öffentlichkeit. Diese Chance gilt es zu nutzen, um Voraussetzungen für eine breite Digitalisierungswelle zu schaffen. Die digitale Vernetzung ermöglicht den Aufbau regionaler Versorgungsnetzwerke mit auch sektorenübergreifend abgestimmten Versorgungsaufgaben. Zentral ist auch der weitere Ausbau telemedizinischer Initiativen in der Versorgung, z.B. bei Tumorboards und bei Nachsorge und Überwachung im Anschluss an die stationäre Versorgung. Beispiele für Innovationen, die künftig eine Rolle spielen werden, sind die personalisierte Medizin, z.B. Gensequenzierung in der Onkologie, Robotik-Unterstützung der Pflege, die vollautomatisierte Medikation oder der Einsatz von Spracherkennungssystemen für medizinische Dokumentation. Letztlich stehen aber all diese Projekte unter dem Vorbehalt der Bereitstellung ausreichender Investitionsmittel.

 

Im März standen in Rheinland-Pfalz die Landtagswahlen an. Wie sehen Sie nun die Erfolgsaussichten für den Anstoß der notwendigen Krankenhausstrukturreform in Rheinland-Pfalz?Wo besteht aus Ihrer Sicht der größte Handlungsbedarf?

Gaß: Reformbedarf gibt es ja natürlich nicht nur bei der Krankenhausplanung. Ich würde gerne mit Reformbedarf allgemeiner Natur anfangen. Wir müssen uns vorrangig darum kümmern, dass wir das Fachkräfteproblem in den Griff bekommen. Die Pandemie hat gezeigt, dass ohne Personal gar nichts geht. Sie hat auch gezeigt, wie wichtig die Berufe für die Daseinsvorsorge sind und wie wertschätzend wir als Gesellschaft sie zu behandeln haben. Wir brauchen gute Arbeitsbedingungen, und da müssen wir Krankenhäuser auch selber unseren Anteil leisten. Trotzdem gibt es Baustellen, die nicht in der Macht der Krankenhäuser liegen. Bürokratie und Überregulierung haben einen großen Anteil am Fachkräftemangel. Unsere Pflegefachkräfte leisten drei bis vier Stunden pro Tag reine Dokumentationsarbeiten. Das sind Dokumentationspflichten, die zu einem großen Teil überflüssig sind und nur die Kontrollbürokratie im Gesundheitswesen befriedigen. Also ist die Entbürokratisierung eine ganz wesentliche Stellschraube.

Hinzu kommt das Thema Finanzierung und des verstärkten Blicks auf eine Vorhaltefinanzierung. Wir müssen die Daseinsvorsorge so aufstellen, dass sie immer sichergestellt ist. Bei der Finanzierung benötigen wir dafür fast revolutionäre Veränderungen. Vom Land benötigen die Krankenhäuser verlässliche Investitionsmittel. Für die Krankenhausplanung benötigen wir klare Zielsetzungen und einen Konsens über diese Ziele. Welche Rolle soll die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Stadt und Land spielen? Nicht nur in Rheinland-Pfalz, sondern bundesweit muss der kalte Strukturwandel in der Krankenhauslandschaft ein Ende haben. Krankenhausplanung muss konstruktiv sein. Wir haben schon vor zwei Jahren ein Modell vorgestellt, das die Stufung von Qualifikation und Spezialisierungen vorsieht und Parallelstrukturen abbauen will. Aber eine solche Veränderung muss eben zielgerichtet angegangen werden.

Nicht vergessen darf man die ambulanten Potenziale der Kliniken, die viel stärker genutzt werden sollten. Im niedergelassenen Sektor bleiben immer mehr Arztsitze gerade in Fläche unbesetzt. Damit nimmt die Versorgungssicherheit ab, die sich mithilfe der Krankenhäuser wiederherstellen ließe. Wer die Herausforderungen einer älter werdenden Gesellschaft im Kontext gleichwertiger Lebensbedingungen in allen Regionen lösen möchte, kommt an Krankenhausstandorten mit einem sektorübergreifenden Behandlungsauftrag nicht vorbei. Meine Prognose ist: Wir werden zu Strukturveränderungen im Land kommen, die mehr Kooperation und Abstimmung bei den Versorgungsaufgaben bringt, die die ambulanten Angebote der Kliniken stärken und damit auch dem Prinzip ambulant vor stationär folgen und wir werden auch noch einige Zusammenschlüsse erleben, die die Anzahl der Standorte insgesamt weiter leicht reduzieren.

 

In Rheinland-Pfalz wurde der bundesweit höchste Basisfallwert vereinbart. Dennoch haben viele der 100 Krankenhäuser im Land wirtschaftliche Probleme. Wo sehen Sie die Ursache hierfür? 

Gaß: Ich sprach ja schon die notwendige Reform des Finanzierungssystems an. Ich glaube, dass die aufwandsorientierte Pauschalvergütung der Behandlung nach wie vor der richtige Weg ist. Aber eben nicht ausschließlich. Viele Krankenhäuser werden in wirtschaftliche Nöte gebracht, weil die Erlöse der Behandlung die Vorhaltekosten nicht decken können. Und die Investitionsfinanzierung sollte man natürlich nie außer Acht lassen.

 

Aus Sicht des vdek muss die Qualität der Versorgung der Rheinland-Pfälzer stärker im Vordergrund der zukünftigen Krankenhausplanung stehen. Wie kann man aus Ihrer Sicht die Qualität der stationären Versorgung in Rheinland-Pfalz verbessern und welche Rolle können dabei Kooperationen und innovative Gesundheitskonzepte, wie Gesundheitszentren, spielen?

Gaß: Also grundsätzlich gilt erst einmal, dass die Qualität der stationären Versorgung in Rheinland-Pfalz und allen anderen Bundesländern auf höchstem Niveau liegt. Die Qualitätsberichte, die unabhängigen Bewertungen und ein Blick auf die Planungsrelevanten Qualitätsindikatoren zeigen, wie hochwertig die Versorgung ist. Wir sind der Auffassung, dass wir in einem gemeinsamen Ziel definieren müssen, was Grund- und was Spezialversorgung ist, und wie wir diese gestuft anbieten können. Kooperationen sind natürlich ganz wesentlicher Bestandteil der zukünftigen Versorgungsstrukturen. Die Abstimmung zwischen den Versorgungsstufen ist ein wesentlicher Schlüssel zu idealen Strukturen auch mit Blick auf die Qualität. Solche Kooperationen gehen über die bisherige Zusammenarbeit der Kliniken hinaus. Die Frage ist, wie wir das ambulante Potenzial der Krankenhäuser im Sinne der Versicherten ausschöpfen können. Stationsersetzende Leistungen, ambulante Operationen, all das kann die Versorgung deutlich verbessern und patientengerechter gestalten. Also werden wir die Kooperation über die Sektorengrenzen hinweg stärker in den Blick nehmen müssen.

 

Bleiben wir beim Thema Qualität: Mindestmengen, Personaluntergrenzen und andere Instrumente zur Qualitätssicherung wurden von Krankenhausseite oft kritisiert. Wo sehen Sie die relevanten Stellschrauben für eine qualitativ hochwertige stationäre Versorgung?

Gaß: Die Kliniken und die DKG haben immer konstruktiv an der Qualitätssicherung mitgearbeitet. Aber es muss eben auch rechtssicher sein. Gegen zielführende Mindestmengen wenden wir uns nicht, sondern gestalten den Prozess aktiv mit. Wir wenden uns aber gegen den ständigen Versuch, gerade auch von Kostenträgerseite, Qualitätssicherungsmaßnahmen zu missbrauchen, um Strukturpolitik zu betreiben. 

Die Personaluntergrenzen in ihrer jetzigen Form helfen weder dem Personal noch den Patientinnen und Patienten. Deswegen haben wir zusammen mit dem Pflegerat und ver.di ein Pflegepersonalbedarfsbemessungsinstrument entwickelt. Allein die Zusammenarbeit mit einer Gewerkschaft verdeutlicht, dass wir uns dem offenen Diskurs nicht verweigern, sondern vielmehr die qualitativ hochwertige stationäre Versorgung mit anderen gestalten wollen. Dabei würden wir uns die Unterstützung der Krankenkassen wünschen, zum Wohl der Beschäftigten und der Patientinnen und Patienten.

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Dr. Gerald Gaß war auch vertreten beim "vdek Zukunftsforum 2021: Zukünftige Krankenhauslandschaft - qualitätsorientiert und leistungszentriert!" und hat sich dort unter anderem zu den Themen "Krankenhausstandorte" und "Mindestmengen" geäußert. Mehr