vdek-Ersatzkassenforum 2026

Ambulante Versorgung steht vor Systemfrage: „Weiter so ist keine Option“

Die ambulante Versorgung steht vor großen Herausforderungen. Die demografische Entwicklung, steigende Versorgungsbedarfe, Fachkräftemangel und begrenzte finanzielle Ressourcen setzen das Gesundheitssystem zunehmend unter Druck. Gleichzeitig bleibt die ambulante Versorgung für die meisten Menschen der erste und wichtigste Zugang zur medizinischen Betreuung und übernimmt eine zentrale Rolle bei der Koordination von Behandlungsprozessen.

Wie eine bedarfsgerechte, sektorenverbindende und langfristig tragfähige ambulante Versorgung gestaltet werden kann, stand im Mittelpunkt des diesjährigen Ersatzkassenforums „Ambulante Versorgung 2040: patientenorientiert und sektorenverbindend“ der vdek-Landesvertretung Hessen am 11.08.2026 in Frankfurt. Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Selbstverwaltung und Gesundheitswirtschaft diskutierten über die Zukunft der ambulanten Versorgung und darüber, wie bereits heute die politischen und strukturellen Weichen gestellt werden müssen, um die Gesundheitsversorgung nachhaltig sicherzustellen.

„Die meisten Menschen werden ambulant betreut und dank eines starken ambulanten Sektors und des medizinischen Fortschritts ist immer mehr ambulant möglich. Den Patientinnen und Patienten wollen wir mehr Orientierung geben beim Zugang in die passende Versorgung. Eine medizinische Ersteinschätzung - online oder telefonisch - wird hier unterstützen“, betonte Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen e. V. (vdek). Sie ergänzte: „Mit dem Ausbau der Zusammenarbeit der Gesundheitsfachberufe eröffnen sich neue Chancen. Für eine neue Aufteilung der Verantwortlichkeiten und klare Rollen brauchen wir den Mut der Beteiligten und einen modernen gesetzlichen Rahmen.“

Internationale Perspektiven: Was Hessen von den Niederlanden lernen kann

Nach einem Grußwort für das Hessisches Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege von Stefan Sydow, Abteilungsleiter Gesundheit, zeigte Thomas Eckhardt, Leitender Arzt des Ambulance Coördinatie Centrum (GGD Haaglanden, Niederlande) und Medizinischer Leiter von USAR.NL, in seiner Keynote „Versorgungskoordination in den Niederlanden: Patientensteuerung und Kooperation“ , wie eine konsequent koordinierte Primärversorgung mit multiprofessionellen Teams dazu beitragen kann, Patientenströme effizient zu steuern und Brüche in der Versorgung zu vermeiden. Dabei machte er deutlich: „Versorgungskooperation bedeutet: die richtige Behandlung durch den richtigen Behandler an der richtigen Stelle.“

Im niederländischen Gesundheitssystem übernehmen Hausärztinnen und Hausärzte eine zentrale Lotsenfunktion. Gleichzeitig arbeiten unterschiedliche Gesundheitsberufe eng und verantwortungsbewusst zusammen. Die Erfahrungen aus den Niederlanden zeigen, dass erfolgreiche Gesundheitsversorgung klare Verantwortlichkeiten, aufeinander abgestimmte Prozesse und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit braucht.

Neue Berufsbilder gewinnen an Bedeutung

Einen weiteren Schwerpunkt bildete die Frage, wie Aufgaben künftig sinnvoll zwischen den Gesundheitsberufen verteilt werden können. In ihrem Impulsvortrag „Team statt Tradition: Physician Assistants als Produktivitätsfaktor“ verdeutlichte Daria Hunfeld, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Physician Assistants e. V., das Potenzial neuer Berufsbilder und Kooperationen für die ambulante Versorgung und machte deutlich, dass hierfür verlässliche rechtliche und fachliche Rahmenbedingungen erforderlich sind: „Ein bundeseinheitliches Berufsgesetz und eine bundeseinheitliche Ausbildungs- und Prüfungsverordnung sind die Grundlage für ein klares, qualitätsgesichertes Berufsbild. Einheitliche Standards schaffen Vertrauen und ermöglichen den flächendeckenden Einsatz von Physician Assistants in der ambulanten Regelversorgung.“

Der Reformbedarf ist erkannt – jetzt kommt es auf die Umsetzung an

Im Anschluss an die Vorträge diskutierten Ulrike Elsner, Frank Dastych, Prof. Dr. Christian Höftberger, Thomas Eckhardt, Daria Hunfeld und Stefan Sydow im Rahmen einer Podiumsrunde über die politischen und strukturellen Voraussetzungen für eine zukunftsfähige ambulante Versorgung. Im Mittelpunkt stand die Frage, wie bestehende Erkenntnisse baldmöglichst in konkrete Reformschritte umgesetzt werden können.

„Am Ende zahlen die Patienten die Zeche, wenn an der ambulanten Versorgung gespart wird, um Krankenhäuser und Pharmaindustrie zu schützen“, sagte Frank Dastych, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen.

Prof. Dr. Christian Höftberger, Präsident der Hessischen Krankenhausgesellschaft e. V., betonte: "Der Hilfe- und Versorgungssuchende Bürger ist kein Abrechnungsexperte, er will schnell, sicher und gut versorgt werden, so oft es geht in seiner Region. Wir müssen daher bei der anstehenden und notwendigen Transformation des Gesundheitswesens diese Sichtweise anwenden und heutige Hürden für eine durchgängige, flächendeckende, nachhaltig sichere und finanzierbare Versorgung überwinden."

Stefan Sydow, Abteilungsleiter Gesundheit im Hessischen Ministerium für Familie, Senioren, Sport, Gesundheit und Pflege, stellte fest: „Die Gesundheitsversorgung der Zukunft entscheidet sich nicht an Sektorengrenzen, sondern an der Qualität ihres Zusammenspiels. Unser Ziel in Hessen ist eine Versorgungskette, die den Menschen mit seiner individuellen Erkrankung in den Mittelpunkt stellt – digital vernetzt, menschlich und sektorenübergreifend.“

Versorgung neu denken: Zusammenarbeit stärken, Versorgung vernetzen

In der Diskussion wurde deutlich, dass die Herausforderungen der kommenden Jahre nicht durch isolierte Teilreformen bewältigt werden können. Die Zusammenarbeit zwischen den verschiedenen Versorgungsbereichen muss konsequent weiterentwickelt und die Versorgung stärker an den tatsächlichen Bedürfnissen der Patientinnen und Patienten ausgerichtet werden. Im Mittelpunkt standen dabei Fragen der Patientensteuerung, der Verzahnung von ambulanter und stationärer Versorgung, neue Aufgabenverteilungen in multiprofessionellen Teams sowie die Potenziale digitaler und telemedizinischer Angebote.

Es bestand Einigkeit darüber, dass die Gesundheitsversorgung der Zukunft nicht mehr von institutionellen Zuständigkeiten und historisch gewachsenen Strukturen geprägt sein sollte, sondern von einer professionellen Zusammenarbeit aller Beteiligter auf Augenhöhe. Neue Kooperationsformen sollen dazu beitragen, Versorgungsabläufe effizienter zu gestalten, Fachkräfte zu entlasten und Patientinnen und Patienten besser durch das Gesundheitssystem zu begleiten.

„Ein ,Weiter so‘ ist keine Option mehr. Die ambulante Versorgung braucht mehr Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe, eine bessere, patientenzentrierte Steuerung und vor allem den politischen Willen, gewachsene Strukturen unabhängig von Partikularinteressen weiterzuentwickeln“, erklärte Claudia Ackermann, Leiterin der vdek-Landesvertretung Hessen. Sie ergänzte: „Wir haben kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Es sind bereits viele gute Ansätze vorhanden. Jetzt müssen die Reformen konsequent und zeitnah in der Praxis umgesetzt werden.“ Abschließend betonte Ackermann: „Eine zukunftsfähige Gesundheitsversorgung entsteht durch mehr Kooperation, nicht durch Abschottung. Wir müssen jetzt gemeinsam die Weichen für das Jahr 2040 stellen.“

Hintergrund

Bei den Veranstaltungen der vdek-Landesvertretung Hessen treffen sich regelmäßig wichtige Player der hessischen Gesundheitswirtschaft, u.a. Vertreter:innen von Politik, Wirtschaft, Kommunen, Verbänden. Krankenkassen und deren Selbstverwaltung, (Zahn-)Ärzt:innen Vertreter:innen von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen und aus weiteren Gesundheits­berufen, um über aktuelle Themen der Gesundheitsversorgung zu diskutieren. Am 11.08.2026 fand die Veranstaltung in der Evangelischen Akademie in Frankfurt statt.

 

Kontakt

Heike Kronenberg
Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek)
Landesvertretung Hessen

Tel.: 0 69 / 96 21 68 - 20
E-Mail: heike.kronenberg@vdek.com