Drei Fragen - drei Antworten

Prävention und Gesundheitsförderung in Zeiten von Corona

Wie beeinflusst die Corona-Pandemie Ihre aktuelle Arbeit?

Unsere Arbeitsweise als Landesvereinigung für Gesundheitsförderung Thüringen e.V. -AGETHUR- hat sich mit der Pandemie sehr stark verändert. Unser Hauptgeschäft war es, Akteure unterschiedlichster Handlungsfelder im Bereich Gesundheitsförderung und Prävention miteinander ins Gespräch zu bringen, gemeinsame Lernprozesse zu unterstützen und zu ermöglichen und vor allem Multiplikatoren (als unsere Hauptzielgruppe) themenspezifisch fort- und weiterzubilden.

Im Laufe der Jahre sind sowohl unsere Fortbildungsangebote als auch unsere Formen der Vernetzungstreffen immer methodenreicher, lebendiger und professioneller geworden.

Durch die Pandemiesituation wurde uns erstmals bewusst, wie sehr unsere Arbeit von persönlichen Kontakten abhängt und was es bedeutet, unsere bisherige Angebotspalette an gegebene Rahmenbedingungen anzupassen.

Viele bereits geplante Aktivitäten und Veranstaltungen mussten verschoben oder abgesagt werden. Viele unsere Zielgruppen wie bspw. der Öffentliche Gesundheitsdienst oder auch andere Kooperationspartner waren nun anderweitig eingebunden und für diverse geplante Vorhaben nicht mehr (aber wie lange noch?) verfügbar.

Wir mussten uns in der Art und Weise wie wir arbeiten im Team oder nach außen neu (er)finden und jede Menge über digitale Kommunikationswege und -formen lernen und selbst über diverse Schatten springen, weil gewohnte Wege zu verlassen eine große Kraft Anstrengung bedeuten.

Gleichzeitig bringt die Corona-Pandemie aber auch mit sich, dass wir über die Rolle und den Stellenwert von Gesundheitsförderung und Prävention in unserer Gesellschaft (stärker als zuvor) nachdenken müssen. Vermeintlich scheinen diese Themen in den Hintergrund zu geraten im Rahmen der akuten Pandemiebewältigung. In der ersten Reflexion der Erfahrungen aus der Pandemiebewältigung sehen wir aber, dass Gesundheitsförderung und Prävention zukünftig noch an Bedeutung gewinnen müssen.

Wir lernen gerade, dass das Virus ohne Einbeziehung der Menschen vor Ort in die Bekämpfung, ohne gemeindeorientiertes Handeln, ohne Gesundheitskompetenz, also ohne die klassischen Gesundheitsförderungsinstrumente, kaum einzudämmen ist.

Uta Maercker

Uta Maercker ist stellvertretende Geschäftsführerin der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung e. V. - AGETHUR und leitet die Geschäftsstelle der Landesgesundheitskonferenz in Thüringen.

Welche Wege gehen Sie, um Ihre Zielgruppen auch in Zeiten von Corona gut zu erreichen?

Im engen Austausch erfragen wir den eventuell veränderten Unterstützungsbedarf unserer bisherigen Mitstreiter, Zielgruppen und Ansprechpartner und entwickeln weiterhin passgenaue Angebote – das ist unser alter aber weiter gültiger Auftrag. Nur die Form der Unterstützung hat sich geändert und verlangt nach neuen Instrumenten. Neben dem höheren Umfang konzeptioneller Arbeit aufgrund der Anpassungen, ist das Maß an digitaler Kommunikation deutlich erhöht. Digitale Tools waren vor der Pandemie noch Fremdwörter, heute sind sie aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Videokonferenzen, Podcasts, einen Film drehen – alles neue Wege, die wir für die Bearbeitung gesundheitsförderlicher Themen kennenlernen durften und nun einsetzen. Jedoch wurde schnell und deutlich sichtbar, dass verschiedene Akteursgruppen oder Gesprächspartner für diese neuen Kommunikationsformen ganz unterschiedlich ausgestattet, legitimiert oder bereit sind.

Was planen Sie zukünftig für die Prävention und Gesundheitsförderung für Ihre Zielgruppe zu tun? Woran wollen Sie festhalten, was möchten Sie ausbauen?

Der Kerngedanke unserer Arbeit und damit verbunden das weitere Festhalten an unseren bisherigen Kompetenzen bleibt bestehen. Wir werden weiterhin als Verein mit all unseren Kräften Akteure zum Thema Gesundheitsförderung miteinander vernetzen, sie befähigen, die Qualitätsentwicklung von bedarfsgerechten Angeboten unterstützen, zwischen Theorie und der gelebten Praxis vermitteln, gute Ideen sowie Beispiele verbreiten, gesundheitspolitische Prozesse koordinieren und weiterhin dorthin Wissen vermitteln, wo es benötigt wird.

Um zukunftssicher handeln zu können, wollen wir die digitalen (Kommunikation-)Möglichkeiten ausbauen und an den Stellen verstärkt nutzen, wo es möglich und sinnvoll erscheint. Dabei dürfen wir die Grundprinzipien von Gesundheitsförderung, wie z.B. Empowerment und Partizipation, lebensweltbezogene und niedrigschwellige Ansätze sowie eine ressourcenorientierte Herangehensweise nicht aus den Augen verlieren.

Das Thema „Gesundheitliche Chancengleichheit“ wird uns weiter intensiv beschäftigen als eine Herausforderung, die im Zuge der Pandemie noch einmal deutlich an Stellenwert gewonnen hat, da sich gesundheitliche Ungleichheiten vergrößert haben. Die Pandemie zeigt uns gerade, dass Gesundheit in allen Politikbereichen „hergestellt“, also gefördert aber auch verschlechtert werden kann. Mit dem „health in all policies“ Ansatz haben wir seit Jahren ein Instrumentarium an der Hand, mit dem nun noch viel konsequenter gearbeitet werden muss.

Wir kennen die unterschiedlichen Einflussfaktoren auf Gesundheit, die wir vor allem in den Lebens- und Arbeitsbedingungen finden, aber auch in dem wie soziale und kulturelle Netzwerke ausgestaltet sind. Das Potential, diese Lebenswelten von Menschen gesundheitsförderlich zu gestalten, haben wir noch längst nicht ausgeschöpft. An diesen Themen werden wir in Zukunft weiterarbeiten und uns in Thüringen für die Umsetzung guter Praxisbeispiele, wie z.B. den Aufbau von kommunalen Präventionsketten, stark machen.