VAHRschule des Lebens

Suchtprävention ganzheitlich gedacht

Der Bremer Stadtteil Vahr ist ein sozial benachteiligtes Viertel. Die Kinder, die hier aufwachsen, erleben oft viele Herausforderungen: Arbeitslosigkeit der Eltern, Alkoholprobleme im Umfeld, ein hoher Migrationsanteil und andere Probleme. Gerade hier ist es wichtig, dass die Heranwachsenden innerlich gestärkt werden.

Dies ist das Ziel des Präventionsprojektes „VAHRschule des Lebens“. Geleitet wird das Projekt von der Psychotherapeutin Saher Khanaqa-Kükelhahn und dem Theaterpädagogen und Koordinator Alexander Steding. Gefördert werden die primärpräventiven Aspekte des Projektes im Rahmen der Gesundheitsförderung und Prävention gemäß § 20a SGB V seit Dezember 2021 vom Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) im Auftrag der Ersatzkassen für drei Jahre.

Eine Frau und ein Mann schauen freundlich in die Kamera
Saher Khanaqa-Kükelhahn (links) und Alexander Steding leitet das Projekt.

vdek: Was hat es mit der VAHRschule des Lebens auf sich?

Khanaqa-Kükelhahn: Das Projekt läuft seit Dezember 2021 an der Kurt-Schumacher-Allee (KSA) mit allen vier 6. Klassen. Wir arbeiten schon etwas länger mit dieser Schule zusammen, mittlerweile in allen Jahrgängen, und wir entwickeln die Projekte immer aus der Beobachtung und aus den Teamgesprächen heraus, wo wir sehen, was notwendig ist. In unserem interdiszplinären Team vom Bürgerzentrum Neue Vahr war klar, dass wir für den Stadtteil Vahr ein Projekt für Suchtprävention brauchen. Hier im Stadtteil ist das Potenzial zur Sucht im Vergleich zu anderen Stadtteilen sehr groß, die Kinder kommen oft in der zweiten, dritten Generation aus Familien mit Suchtgefährdung. Wir haben uns gefragt, in welcher Altersgruppe wir mit Prävention am meisten erreichen und warum wir mit den üblichen Projekten nicht weiter kommen.

Aufgrund unserer Erfahrungen wurde klar, wir brauchen für ein Projekt, das wirklich wirkt, Langfristigkeit und Individualität - Individualität der einzelnen Teilnehmer:innen, aber auch der Peergroup und der Sozialisation. Wenn wir ein Schulprojekt anbieten, ist es wichtig zu schauen, was wollen die Eltern, was die Schüler:innen und was auch die Lehrer:innen? Wo können wir unterstützt werden vom Netzwerk für Gesundheit in der Neuen Vahr? Das Tolle ist: Wir wurden tatsächlich von dieser Schule drei Jahre lang befugt, in deren Regelunterricht hineinzugehen. Das ist also keine zusätzliche AG, sondern wir sind richtig im Regelunterricht drin.

Ein Mädchen liegt auf einem Sofa, eine Frau mit Kamera nimmt die Szene auf

Was bedeutet Individualität bei einem solchen Gruppenprojekt?

Khanaqa-Kükelhahn: Ich kann zum Beispiel ein Projekt mit Theaterspielen anbieten, aber wenn die Lehrerin Theater hasst, dann kann das Projekt nicht gut werden. Es geht darum zu gucken, wo sind die Kompetenzen, wie kann man die Ressourcen der einzelnen, aber auch der Gemeinschaft nutzen und mit ins Boot bringen. So haben wir ein Konzept entwickelt, das sehr individuell ist. Das Problem: Konzepte, die immer wieder verändert werden, sind oft nicht förderfähig. Deshalb haben wir überlegt, wie kann man das trotzdem hinkriegen? Wir haben natürlich Themen, die wichtig sind für Jugendlichen, aber wir brauchen auch die Flexibilität der Methoden und Wege. Dementsprechend haben wir eine Steuerungsgruppe, die sich alle 3 bis 4 Monate trifft. Die schaut, was hat geklappt, was ist umgesetzt worden und was kann noch besser umgesetzt werden.

Wer sitzt in dieser Steuerungsgruppe?

Khanaqa-Kükelhahn: Das sind Frau Dr. Jacobs als Vertreterin der Krankenkassen und Fördermittelgeber, Lehrer:innen, Schüler:innen und Leute von unserem Team vom Bürgerzentrum Neue Vahr, ich als Psychotherapeutin und Psychologin und Kinder- und Jugendpsychotherapeutin und meine Kollegin als Psychiaterin und Kinderärztin und Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. Ein interdisziplinäres Team.

Ich-Stärkung steht im Mittelpunkt

Wie sind Sie vorgegangen?

Khanaqa-Kükelhahn: Unser Fokus war immer Ich-Stärkung, Achtsamkeit, gesunde Ernährung – gesundes Ich, weil wir der Meinung sind, ein starkes Ich kann sich auch mit suchtgefährdenden Stoffen umgeben, ohne süchtig zu werden. Wir sind also in jede Klasse hineingegangen und haben mit den Kindern besprochen, was ist gerade deren Thema. Dabei hatte jeder eine Stimme.

Steding: Wir haben geschaut, welche Stärken und Kompetenzen liegen in der Klasse und welche Interessen. Da haben wir relativ schnell gemerkt, dass eine Klasse gern zum Thema Kochen und Ernährung etwas machen möchte, da haben wir in unserem Netzwerk die Menschen geholt, die das mit ihnen machen können.

Kinder sitzen beim Mittagessen an langen Tischen

Saher: So hatten wir eine Köchin, die geholfen hat. Die Kinder haben jede Woche zu fünft für die ganze Klasse gekocht. Sie haben sich vorher überlegt, was sie kochen, ein Rezept rausgesucht, die Kosten berechnet - die Mathelehrer waren völlig begeistert, dass plötzlich doch gerechnet werden kann –, die sind selbst einkaufen gegangen, haben auch Tischmanieren gelernt, den Tisch mit Blumen decken. Es gehört eben dazu, dass man sich das schön macht beim Essen und achtsam damit und mit sich umgeht.

Jungen sprühen Grafittis auf eine Sitzbank

Steding: In einer anderen Klasse haben wir gemerkt, dass sie gern etwas künstlerisch aufbauen möchten. Das Thema „Was kann man für den Stadtteil tun?“ war wichtig. Da haben wir uns einen Graffitti-Künstler dazu geholt und planen mit ihm in der Schule, aber auch außerhalb eine Geschichte für einen Helden für die Vahr, der auf die Themen Achtsamkeit, Gesundheitsförderung und Suchtprävention eingeht. Eine andere Klasse will gern einen Film machen, und eine andere möchte Theater machen und mehr wissen zum Thema Gesundheit. Da teilen wir die Projektzeit:  eine Stunde Theater, eine Stunde wissenschaftlichen Zugang zu gesunder Ernährung.

Individuelles Konzept für jede Klasse

Vier Mädchen und ein junger Mann tanzen in einer Turnhalle eine Choreographie

Saher: Wir haben also für jede Klassen ein individuelles Konzept entwickelt und die entsprechenden Coaches reingeschickt. Sie sind verlässliche außerschulische Bezugspersonen in der Schule und die Kids entwickeln dadurch schnell Vertrauen zu ihnen. Die Coaches gehen nebenbei auch darauf ein, was gerade akut ansteht. Wenn das zum Beispiel ein Konflikt in der Klasse ist, wird darüber gesprochen, denn auch das Erlernen von Konfliktlösungsstrategien kann zur Ich-Stärkung beitragen.

Das heißt, Sie organisieren, je nach den Wünschen der Klasse, was oder wen brauchen die dafür?

Steding: Ja. Darüber hinaus schauen wir ganz individuell für jedes Kind, was es braucht. Wenn ein Coach vor der Klasse steht, allein oder zusammen mit der Lehrkraft, kann es sein, dass nicht die Zeit ist, sich genau auf eine Schülerin oder Schüler zu fokussieren und ins Gespräch zu gehen. Es ist aber wichtig, dass im Klassenverbund nicht das Individuum verloren geht. Dafür haben wir psychologisch-psychotherapeutische Erstgespräche eingeführt.

Saher: Wir führen mit jedem Kind ein Erstgespräch, also 80 bis 90 Gespräche, und wir haben dann für jedes Kind eine Art Ordner, wo es steht und wie es weitergehen sollte. Z.B. wenn jemand ein Elternteil verloren hat, oder ein Kind ritzt, wollen wir genau hinschauen, wo Förder- oder Hilfebedarf ist. Den leisten wir nicht selbst, sondern delegieren, sprechen die Eltern an oder die Kinder. Manche Lehrer:innen sind überrascht, was wir ihnen über ihre Kids erzählen können. Sie selbst sind so beschäftigt mit dem Unterricht und der gesamten Situation in der Klasse, da möchten wir ihnen helfen. Es ist sehr wichtig, das Umfeld zu schulen, damit kein Kind verloren geht und aus dem Sichtfeld rutscht. Da sind oft 22 Kinder mit großer Not in einer Klasse, und die Lehrkräfte sollen auch noch Unterricht machen. Es hilft, wenn wir schauen, was die Lehrkräfte benötigen, um den Stress für alle in der Klasse zu reduzieren. Wenn wir die Lehrerin unterstützen, unterstützen wir damit auch die Kinder und ihre Ich-Stärkung.

Steding: Die Lehrkräfte sind oft eher mit der Symptombekämpfung beschäftigt, weil es so viel Bedarf gibt. Wir haben das große Glück, dass wir von außen draufschauen können und so einen systematischen Ansatz haben können. Es ist nicht so, dass die Lehrkräfte kein Interesse daran hätten, sie schaffen es nur nicht.

Eltern sind wesentlicher Erfolgsfaktor

Ein Mädchen fotografiert andere Kinder in einem Klassenraum

Neben den Kindern und den Lehrkräften unterstützen Sie auch die Eltern, wie sieht das aus?

Steding: Wir organisieren Informationsabende mit den Eltern zusammen, um den ganzen systematischen Ansatz zu Ende zu denken. Und neulich hatten wir einen Elternworkshop an einem Sonntag, zu den 105 Menschen kamen, die ganzen Familien. Gesunde Ernährung - gesundes Leben wird ja in der Familie vorgelebt. Es bringt wenig, wenn wir in der Schule etwas besprechen, was zuhause nicht umgesetzt werden kann, weil ein Sechstklässler nicht bestimmt, was zuhause gegessen oder eingekauft wird. Und die Eltern haben manchmal nicht den Blick dafür, dass sie Vorbilder sind und die Kids alles imitieren, auch was unbewusst getan wird, wie ungesunde Lebensweisen. Dementsprechend versuchen wir die Eltern so gut es geht einzubinden.

Saher: Nach dem Elternabend hatte ich auch Emails von Eltern, die fragten, wie soll ich denn die gesunde Ernährung durchsetzen? Die haben gemerkt: Wenn ich jetzt den Cola- und Chips-Konsum nicht kontrollieren kann, kann ich später nicht das Kiffen und Saufen kontrollieren. Die holen sich jetzt Erziehungsberatung, um zu lernen, wie kann ich mein Kind überzeugen ohne Geschrei. Wir können auch nicht alles leisten, aber es gibt ja genügend Expert:innen in der Vahr.

Der Stadtteil Vahr ist sehr gemischt und das, was man vulnerabel nennt. Welchen Einfluss kann dieses Projekt auf den Stadtteil haben?

Saher: Es hat schon einen unheimlich großen Einfluss auf die Gemeinschaft an der Schule der Kurt-Schumacher-Allee. Wir werden super unterstützt durch den Beirat und das Netzwerk Gesundheit in der Vahr. Auch finanziell gibt es da Unterstützung, denn wir können nicht alles aus Projektmitteln zahlen, was nötig wäre. Ich finde es wichtiger zu sehen, was notwendig ist, als zu sagen, wir haben das Geld dafür nicht. Da müssen wir gucken, dass wir zusätzliche Mittel aus anderen Quellen auftreiben können.

Leuchtturm mit Strahlkraft ins Viertel

Ein Junge tritt einen Ball weg, andere schauen zu

Steding: Unser Projekt ist ein Leuchtturm im Stadtteil. Darüber wird gesprochen. Wenn bei einem Elternworkshop die ganze Familie eingeladen wird, kommen auch die älteren und jüngeren Geschwister, die wiederum einen Freundeskreis haben, in dem darüber gesprochen wird. Wir versuchen also in den Peergroups Zeichen zu setzen, und dadurch, dass wir den kompletten sechsten Jahrgang an der KSA betreuen, streut es gut in alle Richtungen im Stadtteil und auch in alle Kulturen.

Wie wird das Projekt evaluiert?

Saher: Wir haben mit einer Wissenschaftlerin von der Uni Bremen eine Kooperationspartnerschaft. Zusammen mit einer Studentin macht sie regelmäßig Befragungen, die hinterher ausgewertet werden.

Stedig: Wir fragen nach der Selbsteinschätzung der Sechstklässler, in Bezug auf Gesundheitsförderung, gesundes Verhalten, Suchtpotenzial und Suchtprävention. Das haben wir vor Projektbeginn abgefragt und werden das in regelmäßigen Abständen abfragen bis zum Ende des Projekts. Dadurch sehen wir, wie stark es sich durch unser Einwirken verbessert hat. Dazu gehören auch Eltern– und Lehrerfragebögen. Außerdem tragen wir in der Steuerungsgruppe nicht nur die Ergebnisse zusammen, sondern wir wollen immer wieder gemeinsam Ziele formulieren und dann kontrollieren, wie sind wir dorthin gekommen, was haben wir geschafft, was nicht, und wie können wir uns helfen, um noch besser zu werden.