Interview mit Mareike Sander-Drews, Frauengesundheit in Tenever

"Zeit, Kosten und Kinderbetreuung sind wichtig"

Handreichung für passgenaue bewegungsbezogene Gesundheitsförderungsangebote für alleinerziehende Frauen

Handreichung_FGT-Alleinerziehende

Mit dieser Handreichung, entstanden im Projekt "Neue Wege in der Gesundheitsförderung für alleinerziehende Frauen" von Frauengesundheit Tenever, sollen andere Einrichtungen und Quartiere für die besonderen Bedarfe und Bedürfnisse von alleinerziehenden Frauen sensibilisiert und motiviert werden, passgenaue und frauengerechte Bewegungsförderungsangebote für die Zielgruppe zu schaffen.

Das Anliegen ist es den Zugang und die Beteiligung von alleinerziehenden Frauen an (bewegungsfördernden) Angeboten der Prävention und Gesundheitsförderung zu verbessern und strukturelle Benachteiligungen zu minimieren.

Interview mit der Projektkoordinatorin

Frau in grauem Pulli mit verschränkten Armen

Mareike Sander-Drews ist Projektkoordinatorin des gerade abgeschlossenen Präventionsprojektes „Neue Wege in der Gesundheitsförderung für alleinerziehende Frauen“ von „Frauengesundheit in Tenever“ (FGT), das zwei Jahre von den Bremer Krankenkassen  gefördert wurde. Außerdem bewirbt sich das FGT mit einem Folge-Projekt zum Digital Empowerment alleinerziehender Frauen erneut um Förderung. Im Interview berichtet sie über beide Projekte und Erkenntnisse trotz Corona.

Worum ging es bei den „Neuen Wegen“, das Ende 2020 ausgelaufen ist?

Im Projekt „Neue Wege in der Gesundheitsförderung für alleinerziehende Frauen“ ging es darum, 2019 und 2020 den Zugang zu und die Beteiligung an insbesondere bewegungs- und entspannungsbezogenen Gesundheitsförderangeboten in Tenever für alleinerziehende Frauen zu verbessern. Wir haben insgesamt 120 Frauen erreicht,  zunächst haben wir etwa 100  Frauen mit Kindern im Haushalt nach ihren Bedürfnissen und Bedarfen gefragt, um besser an Gesundheitsfördermaßnahmen teilnehmen zu können. Dann haben wir die AnbieterInnen im Stadtteil kontaktiert und mit ihnen gemeinsam in einem Mitgestaltungsworkshop Angebote entwickelt, die zu den Bedürfnissen und Bedarfen der alleinerziehenden Frauen passten. In 2020 haben wir diese dann erprobt, allerdings durch Corona nur in eingeschränkter Weise. Aus den Ergebnissen stellen wir derzeit eine Handreichung zusammen, wie gesundheitsförderliche Angebote gestaltet sein müssen, damit Alleinerziehende besser daran teilnehmen können und was Kommunen dafür tun können, um Alleinerziehenden die Teilnahme zu ermöglichen.

Welche konkreten Angebote konnten stattfinden?

Zum Beispiel konnten wir in Kooperation mit der Integrationsabteilung des Landessportbundes Bremen einen Lauftreff durchführen, der vormittags während der Betreuungszeiten der Kinder in Kita oder Schule stattfand. Eigentlich hatten wir ein halbes Jahr Erprobungsphase geplant, durch Corona waren es nur 2-3 Monate. Außerdem konnten wir Anfang des Jahres verschiedene Angebote im OTe-Bad erproben. Z.B. gab es ein offenes Schwimmlernangebot während der Frauenbadezeit und auch einen Wassergewöhnungskurs für Frauen. Bislang gibt es in den Bädern nur Anfängerinnenschwimmkurse, aber es gibt doch viele Frauen im Stadtteil, die gar keine Schwimmerfahrungen und Angst im Wasser haben. Da ist ein noch niedrigschwelligeres Angebot wichtig, in dem sie das Element Wasser überhaupt erst einmal kennenlernen können. Durch den Lockdown mussten diese Angebote unterbrochen werden. So konnten sie nicht ausreichend erprobt sowie bewertet und ggf. modifiziert werden.

Ist eine Fortsetzung nach Corona geplant?

Die AnbieterInnen, der Landessportbund und das OTe-Bad haben uns signalisiert, dass sie die Angebote gern wieder aufnehmen wollen, sobald es wieder geht. Das Ziel, neue Angebote im Stadtteil zu etablieren, die zu den Bedürfnissen von Alleinerziehenden passen, haben wir trotz Corona gut erreicht, weil die Zusammenarbeit mit den Kooperationspartnern geklappt hat.

An wen richtet sich die Handreichung?

Die Handreichung richtet sich in erster Linie an Quartiere oder Kommunen, die in ihren Stadtteilen ebenfalls die Entwicklung von passgenauen bewegungsbezogenen Gesundheitsförderangeboten für alleinerziehende Frauen verbessern möchten. Darüber hinaus bietet sie auch Anregungen für andere Akteure und Einrichtungen, die Sport- und Bewegungsangebote oder Gesundheitsförderungs- und Präventionsmaßnahmen anbieten, wie diese Angebote für alleinerziehende Frauen besser zugänglich gemacht werden können.

Welche Erkenntnisse haben Sie gewonnen?

Es gibt drei Faktoren, die wichtig sind, damit Alleinerziehende gut teilnehmen können: der Zeitfaktor, der Kostenfaktor und der Kinderbetreuungsfaktor. Wichtig ist aber auch, sowohl die Frauen als auch mögliche AnbieterInnen zu befragen, was sie brauchen oder anbieten können. Diesen partizipativen Ansatz verfolgen wir im FGT bereits seit 30 Jahren.

Vor diesem Hintergrund hat sich das FGT jetzt mit einem neuen Projekt um Fördermittel der Krankenkassen beworben - was sind hier die Ziele?

Das Projekt Digital Empowerment will die Gesundheitskompetenzen von alleinerziehenden Frauen in Hinblick auf die Handlungsfelder Ernährung und Medienkompetenz verbessern. In unserer Bedarfsabfrage im Neue Wege-Projekt haben die Frauen neben Bewegung und Entspannung vor allem auch Ernährung als wichtiges Thema für ihre Gesundheitsförderung genannt. Durch die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie ist deutlich geworden, dass Medienkompetenz zunehmend wichtig ist. Die Idee ist also, dass alleinerziehende Frauen den Umgang mit digitalen Medien erlernen und auch erfahren sollen, wie sie gesundheitsrelevante Informationen insbesondere zum Thema Ernährung im Internet finden und für sich nutzen können.  

Wir haben in Tenever ganz unterschiedliche Frauen, die wir mit diesem Projekt erreichen möchten. Die Erfahrung zeigt, dass es nicht selbstverständlich ist, dass Frauen zwischen 20 und 50 gute Medienkompetenz haben und auch wissen, wie sie sich zu gesundheitsfördernden Themen im Internet informieren können. Gerade Menschen aus sozial benachteiligten Lebenslagen verfügen oft über weniger digitale Gesundheitskompetenz. Die Corona-Krise hat auch den digital gender gap noch verstärkt, der Frauen benachteiligt. Das Erlangen digitaler Gesundheitskompetenzen und der damit verbundene Zugang zu digitalisierten Gesundheitsförderangeboten ist eine wichtige Voraussetzung um Frauen insbesondere auch unter den aktuellen Bedingungen für Gesundheitsthemen zu gewinnen. Daher finden wir es sehr wichtig, dieses Projekt voranzutreiben.

Wie soll das konkret geschehen?

 Die Frauen werden auch einbezogen in die Digitalisierung von Angeboten, z.B. durch das Erstellen von Videos. Außerdem machen wir Workshops für Multiplikatorinnen zur Mediennutzung und Smartphone-Nutzung, und diese Frauen können dann ihr Wissen weitergeben an Familie und Freundinnen aus ihrer jeweiligen Community.

Außerdem versuchen wir, die neuen Angebote an bereits bestehende FGT-Angebote anzubinden oder auch zu kombinieren mit Angeboten aus dem Neue-Wege-Projekt. Beispielsweise kann der Lauftreff kombiniert werden mit einem regelmäßigen gesunden Frühstück, was die Frauen gemeinsam mit einer Ökotrophologin zubereiten werden. Das Ganze wird auch digitalisiert, damit sich die Frauen das auch zuhause anschauen können. Aber auch andere Angebote, die wir in der Einrichtung haben, wie  das Gastmahl bei Freundinnen – Internationale Suppen , können einbezogen werden: Dafür werden wir  die Köchinnen der Suppen, die ja auch aus Tenever kommen, digital begleiten beim Kochen einer gesunden Suppe und die Rezepte online stellen. Eine weitere Idee ist ein Urban Gardening Projekt, wo die Frauen den gesamten Prozess des Gärtnerns im Laufe des Jahres erleben und mit den Lebensmitteln hinterher selbst was zubereiten.

Wie lange ist das Projekt geplant?

Das Projekt soll vier Jahre laufen. Wir warten gerade noch auf die endgültige Bewilligung. Und im Anschluss wird die Handreichung, die wir jetzt im Zuge des Neue Wege-Projekts schreiben, ergänzt um die Ergebnisse aus dem Projekt Digital Empowerment.