Pflegeausbildung wird immer teurer – doch wohin fließt das Geld?
Die Ausbildung von Pflegefachkräften ist eine zentrale Voraussetzung für die gesundheitliche Versorgung der Zukunft. Ihre Finanzierung erfolgt jedoch über ein System, dessen Kosten seit Jahren steigen und dessen Wirkungsweise nur begrenzt nachvollziehbar ist. In Sachsen-Anhalt werden 2026 nahezu 190 Millionen Euro für die Pflegeausbildung bereitgestellt. Finanziert wird der größte Teil davon durch Krankenhäuser sowie die gesetzliche Kranken- und Pflegeversicherung. Vor dem Hintergrund knapper Finanzmittel stellt sich deshalb die Frage, ob die derzeitige Ausgestaltung der Ausbildungsfinanzierung noch zukunftsfähig ist.
Ausbildungsfinanzierung der Pflegefachkräfte
Früher war die Pflegeausbildung separiert und berufsspezifisch auf die drei Bereiche: Kinderkrankenpflege, Krankenpflege und Altenpflege ausgerichtet. Seit 2020 gibt es die generalistische, dreijährige Pflegeausbildung mit dem Ziel den Pflegeberuf mit mehr Wahlmöglichkeiten attraktiver zu machen. Die examinierten Pflegefachkräfte können nun in allen Pflegebereichen arbeiten.
Die Finanzierung der generalistischen Pflegeausbildung erfolgt über ein Umlagesystem mittels Ausgleichsfonds, die von den jeweiligen Bundesländern eingerichtet werden. Die Fondslösung wurde gewählt, um Betriebe ohne Ausbildung mit denjenigen, die ausbilden, finanziell gleich zu stellen. In diese Fonds zahlen alle Krankenhäuser und alle Pflegeeinrichtungen ein. In geringerem Umfang beteiligen sich die Länder sowie die soziale Pflegeversicherung und die private Pflegepflichtversicherung. Aus den Fonds werden die Ausbildungskosten finanziert und entsprechende Mittel an die ausbildenden Krankenhäuser, Pflegeheime und ambulanten Pflegedienste ausgezahlt. Auch die Pflegeschulen erhalten Geld aus den Fonds.
Gesetzlich ist einheitlich geregelt, dass:
- Krankenhäuser mit einem Anteil von 57,238 Prozent,
- Ambulante und stationäre Pflegeeinrichtungen mit einem Anteil von 30,1274 Prozent,
- das Land mit 8,9446 Prozent und
- die Pflegeversicherung mit 3,6 Prozent an der Finanzierung aufkommen.
Das Gesamtbudget (Gesamtfinanzierungsbetrag) setzt sich aus dem errechneten Gesamtausbildungsbudget für das Kalenderjahr sowie einer Liquiditätsreserve von drei Prozent und einer Verwaltungskostenpauschale von 0,6 Prozent für die zuständige Stelle zusammen.
Diese Kosten müssen im Wesentlichen gemäß den Vorschriften des Pflegeberufegesetzes (PflBG) seit 2020 von den Kranken- und Pflegekassen übernommen werden. Die einheitliche Finanzierung dieser Ausbildung ist im Gesetz über die Pflegeberufe (Pflegeberufegesetz - PflBG) und der Verordnung über die Finanzierung der beruflichen Ausbildung nach dem Pflegeberufegesetz sowie zur Durchführung statistischer Erhebungen (Pflegeberufe-Ausbildungsfinanzierungsverordnung - PflAFinV) geregelt. In Sachsen-Anhalt verwaltet die Investitionsbank als zuständige Stelle diesen Ausbildungsfonds. In anderen Bundesländern übernehmen oftmals Landesbehörden diese Verwaltungsaufgabe.
Pflegeausbildung verursacht hohe Kosten in Sachsen-Anhalt
Der Ausbildungszuschlag nach Pflegeberufegesetz (PflBG) ist in Sachsen-Anhalt für das Jahr 2026 mit 212,92€ je Krankenhausfall überdurchschnittlich hoch (Bundesdurchschnitt: 198,00€). Das Gesamtfinanzierungsvolumen in Sachsen-Anhalt der Pflegeausbildung beläuft sich im Jahr 2026 auf fast 190 Millionen Euro.
Legt man die Gesamtfinanzierungsvolumina der einzelnen Bundesländer auf die Einwohner des Bundeslandes um, zeigen sich erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern (Tabelle 1). Während in Bayern rechnerisch 46 Euro pro Einwohner für die Pflegeausbildung aufgewendet werden, sind es im Saarland 122 Euro. Sachsen-Anhalt liegt mit 89 Euro im oberen Drittel. Die verfügbaren Daten lassen derzeit nicht erkennen, welche Faktoren diese Unterschiede verursachen. Dies unterstreicht den Bedarf nach mehr Transparenz über Kostenstrukturen und Mittelverwendung.
Bundesland |
Einwohnerzahl (31.12.2024) |
Gesamtfinanzierungsvolumen Pflegeausbildung (2026) in € |
Kosten pro Einwohner in € |
Bayern |
13.248.928 |
613.711.878,52 |
46 |
Schleswig-Holstein |
2.959.517 |
154.396.669,00 |
52 |
Rheinland-Pfalz |
4.129.569 |
245.406.727,53 |
59 |
Brandenburg |
2.556.747 |
169.750.162,3 |
66 |
Baden-Württemberg |
11.245.898
|
771.955.363,75 |
69 |
Hessen |
6.280.793 |
450.688.615,66 |
72 |
Berlin |
3.685.265 |
283.246.527,55 |
77 |
Thüringen |
2.100.277 |
169.445.590,20 |
81 |
Hamburg |
1.862.565 |
152.012.041,04 |
82 |
Mecklenburg-Vorpommern |
1.573.597 |
139.098.897,95 |
88 |
Niedersachsen |
8.004.489 |
711.715.552,96 |
89 |
Sachsen-Anhalt |
2.135.597 |
189.928.667,62 |
89 |
Nordrhein-Westfalen |
18.034.454 |
1.667.253.700,64 |
92 |
Sachsen |
4.042.422 |
374.020.929,81 |
93 |
Bremen |
704.881 |
73.135.691,64 |
104 |
Saarland |
1.012.141 |
123.032.037,53 |
122 |
Quellen: Destatis / Ausbildungsfonds der Bundesländer (eigene Berechnung)
Die Zahl der Pflegeschulen in Sachsen-Anhalt ist seit 2024 von 45 auf 49 gestiegen. Gleichzeitig entwickeln sich die Ausbildungszahlen nicht im gleichen Umfang (Tabelle 2 ). Dies wirft die Frage auf, welche Auswirkungen die Ausweitung schulischer Kapazitäten auf die Finanzierung der Ausbildung hat.
Die Zahl derer, die sich für eine Pflegeausbildung entscheiden schwankt. Betrachtet man in Sachsen-Anhalt die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in allen Branchen so nahm die Zahl im Jahr 2025 generell um 1,5 Prozent ab.
Im Bundesländervergleich hatte Sachsen-Anhalt mit 34,1 Prozent im Jahr 2024 die zweithöchste Lösungsquote bei Ausbildungsplätzen. Diese lag deutlich über dem ostdeutschen Durchschnitt (31,1 Prozent) und besonders dem bundesweiten Durchschnitt von 29,7 Prozent.
Jahr |
2020 |
2021 |
2022 |
2023 |
2024 |
2025 |
Anzahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge in der generalistischen Pflegeausbildung in Sachsen-Anhalt |
1671 |
1644 |
1347 |
1545 |
1593 |
1899 |
Quelle: Statistisches Bundesamt, Genesis-Online-Datenbank, Pflegeausbildungsstatistik, versch. Jahrgänge
Die Gründe für Ausbildungsabbrüche sind vielfältig. Neben den Anforderungen des Berufs und den Arbeitsbedingungen spielen auch individuelle Faktoren sowie schulische Voraussetzungen eine Rolle. Eine Überarbeitung der Zulassungskriterien bei den Pflegeassistenzausbildungen, sowie den Pflegefachberufen könnte die Lösungsrate im Vorfeld verringern.
Warum sind die Ausbildungszuschläge und Kosten hierzulande so hoch?
Die Zahl derer die eine generalistische Ausbildung beginnen, schwankt seit 2020. Obwohl ein erheblicher Teil der Ausbildungsverhältnisse vorzeitig beendet wird, steigen die Finanzierungsvolumina der Ausbildungsfonds kontinuierlich an. Die Gründe hierfür sind bislang nicht ausreichend transparent.
Um den Ausbildungsberuf zu stärken, wurde die Tariftreueregelung ab 01.05.2026 auf die Auszubildenden erweitert. Die Ausbildungsvergütung wird für den theoretischen Unterricht für 12 Monate im Voraus bezahlt. Der praktische Unterricht wird monatlich abgerechnet und bei Abbrüchen entsprechend ausgeglichen. Somit ergibt sich ein komplexes Abrechnungssystem.
Zu viel gezahlte Umlagen z.B. durch vorzeitige Lösung des Ausbildungsverhältnisses werden nach zwei Jahren rückwirkend zurückerstattet und vom aktuellen Finanzierungsbedarf abgezogen.
Neue Regelungen zur Pflegeassistenzausbildung
Am 01.11.2025 trat das Gesetz über die Einführung einer bundeseinheitlichen, generalistischen Pflegefachassistenzausbildung in Kraft. Dadurch soll die Attraktivität der Pflegehelfer- bzw. Pflegeassistenzberufe gesteigert werden.
Ab 01.01. 2027 läuft die Finanzierung der Ausbildung der Pflegeassistenz wie beim Pflegeberufegesetz über den Ausbildungsfonds des Landes Sachsen-Anhalt. Die 12-monatige Pflegehelferausbildung wird auf eine 18-monatige, generalistische Pflegeassistenzausbildung umgestellt. Dadurch verlängert sich die Ausbildungszeit um weitere sechs Monate. Das führt zu einem weiteren Kostenanstieg für die Krankenkassen. Die Finanzierungsanteile spiegeln die tatsächliche Verteilung der Auszubildenden auf die Versorgungsbereiche nur eingeschränkt wider. Von den circa. 1.100 Auszubildenden im Bereich Pflegeassistenz verteilen sich ca. 10 Prozent auf das Krankenhaus und 90 Prozent auf Pflegeeinrichtungen. Den größten Teil der Ausbildungsfinanzierung stemmen somit die Krankenhäuser und über die Umlagefinanzierung also die Kassen.
Forderungen der GKV in Sachsen-Anhalt
Für die Kranken- und Pflegekassen als wesentliche Geldgeber der millionenschweren Ausbildungsfonds besteht keine Transparenz über die Verwendung der Ausgaben. Es fehlt eine valide Datengrundlage über die tatsächliche Mittelverwendung. In der derzeit angespannten Finanzsituation fordert die Landesvertretung eine Darlegung einzelner Finanzierungsposten, um den Einsatz der begrenzten Mittel wenigstens nachvollziehen zu können. Die Investitionsbank als Verwalter der Mittel hat einen solchen differenzierten Nachweis für die Mittelverwendung für Ende 2026 in Aussicht gestellt. Dabei kann es aber nicht bleiben, denn die Bandbreite von durchschnittlich 46 bis 122 Euro pro Kopf der Bevölkerung in den Ländern ist rein ökonomisch nicht zu erklären. Dieser Klärungsbedarf betrifft nicht nur Sachsen-Anhalt.
Aus Sicht des vdek Sachsen-Anhalt besteht politischer Handlungsbedarf
Erstens müssen die Finanzierungsströme der Ausbildungsfonds transparenter werden. Die Kranken- und Pflegekassen benötigen belastbare Informationen darüber, wie die eingezahlten Mittel verwendet werden und wodurch die erheblichen Kostenunterschiede zwischen den Bundesländern entstehen.
Zweitens sollte überprüft werden, ob die Finanzierung von Berufsausbildungen dauerhaft eine Aufgabe der gesetzlichen Kranken- und Pflegeversicherung sein kann. Ausbildung dient der gesamtgesellschaftlichen Sicherung von Fachkräften und ist damit eine staatliche Aufgabe. Vor diesem Hintergrund sollte eine stärkere Steuerfinanzierung geprüft werden.
Drittens müssen neue Finanzierungsregelungen daraufhin bewertet werden, ob sie dem Wirtschaftlichkeitsgebot entsprechen und einen effizienten Mitteleinsatz fördern.
Die Sicherung des Pflegenachwuchses ist eine zentrale gesellschaftliche Aufgabe. Sie erfordert jedoch ein Finanzierungssystem, das transparent, nachvollziehbar und generationengerecht ausgestaltet ist.