Hier gibt es Kurz-Interviews mit verschiedenen Persönlichkeiten rund um unser Herzensthema Organspende. Natürlich immer mit der Gretchenfrage: Wie halten Sie es mit der Organspende?
Hier gibt es Kurz-Interviews mit verschiedenen Persönlichkeiten rund um unser Herzensthema Organspende. Natürlich immer mit der Gretchenfrage: Wie halten Sie es mit der Organspende?
Psychologen am Universitätstumorzentrum (UTC) am Universitätsklinikum Jena
vdek: Was ist Psychosoziale Medizin eigentlich und welche Rolle spielt sie hinsichtlich des Themas Organspende?
Psychosoziale Medizin beschäftigt sich mit der Behandlung von Erkrankungen, bei deren Entstehung oder Verlauf psychosoziale Faktoren wie Stress, Krisen oder soziale Konflikte eine zentrale Rolle spielen. Sie ist auch bei primär körperlichen Erkrankungen relevant, die zu psychischen Belastungen führen.
Das Ziel besteht darin, medizinisches Wissen mit psychologischen und sozialen Aspekten zu verbinden. Insbesondere im Zusammenhang mit Organtransplantationen profitieren die Patienten von dieser ganzheitlichen Sichtweise.
vdek: Was ist der Schwerpunkt bei der psychologischen Begleitung von Transplantationspatienten? Wie sieht Ihre Arbeit bei diesem Thema aus?
Nach dem Transplantationsgesetz haben Patienten in Deutschland das Recht auf psychologische Betreuung vor und nach ihrer Transplantation. In Jena stehen hierfür erfahrene Psychologen bereit. Im Rahmen der Voruntersuchungen für eine Transplantation wird jedem Patienten ein psychologisches Erstgespräch angeboten. Während der Wartezeit melden sich Patienten bei Bedarf selbständig und vereinbaren ein psychologisches Gespräch, das in der Regel mit einem der Kontrolltermine in der jeweiligen Transplantationsambulanz verbunden wird. Unmittelbar nach der erfolgten Transplantation werden die Patienten aktiv aufgesucht und bei der Verarbeitung des Erlebten aktiv unterstützt und begleitet. Auf Wunsch und bei Bedarf erfolgt die psychologische Weiterbetreuung lebenslang.
vdek: Wie unterscheidet sich die Begleitung vor einer Transplantations-OP (Wartezeit, u.a.) und danach?
Vor der Transplantation:
Nach der Transplantation:
vdek: Spielen Schuldgefühle oder moralische Zweifel eine Rolle bei Transplantierten?
Patienten setzen sich nach einer Transplantation selten offen mit dem moralischen Dilemma auseinander und richten ihren Fokus eher auf die Zukunft mit dem neuen Organ. Die Belastung scheint so groß, dass sie oft verdrängt oder bagatellisiert wird. Zwar besteht Interesse am Spender, doch konkrete Informationen wie Alter oder Todesursache führen häufig zu Verunsicherung und Anpassungsstörungen. Gleichzeitig zeigen Erfahrungen, dass viele Patienten vor allem dankbar sind, überlebt zu haben, und weniger über das „fremde“ Organ nachdenken. Mitunter besteht jedoch der Wunsch, dem Spender bzw. dessen Angehörigen zu danken. Da ein direkter Kontakt in Deutschland nicht erlaubt ist, ermöglicht die DSO anonymisierte Kommunikation, was vielen Empfängern hilft, Schuldgefühle zu verarbeiten und emotionale Entlastung zu finden.
vdek: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Organspende ist ein sehr emotionales Thema. Können Sie uns von einer Situation in Ihrer Arbeit mit Transplantationspatienten berichten, die für Sie selbst besonders eindrücklich oder berührend war?
Ein Student Anfang 20 erlitt nach einem nicht auskurierten Infekt eine Herzmuskelentzündung. Zum Zeitpunkt der Listung zur Herztransplantation (HTX) hatte er eine Herzleistung von weniger als 10 %. Der Patient beschrieb selbst alltägliche Tätigkeiten wie morgendliches Zähneputzen als so erschöpfend wie einen Marathonlauf. Er berichtete zu diesem Zeitpunkt von einem hohen psychischen Leidensdruck, ausgelöst durch diverse Ängste, Panikattacken, Hilf- und Hoffnungslosigkeit sowie die Ungewissheit bzgl. seines Überlebens. Nach kurzer Zeit auf der Hochdringlichkeits-Liste erfolgte eine komplikationslose Herztransplantation. Die postoperative Erholung verlief rasch und verhältnismäßig kurz nach der Rehabilitation konnte der Patient sein Studium wieder aufnehmen. Zwei Jahre später begann er erneut mit Fußball als Freizeitsport. Etwa 15 Jahre nach HTX ist der Patient in einem gutem Allgemeinzustand, berufstätig und hat eine eigene Familie gegründet.
Landesgeschäftsführer der BARMER in Thüringen
Foto: Kai Eisentraut
vdek: Lieber Robert Büssow, die Gretchenfrage gleich zuerst: Wie halten Sie es mit der Organspende?
Fragen, die das Leben und den Tod berühren, sind niemals einfach. Es gibt hier kein richtig oder falsch, das möchte ich vorweg schicken. Ich selbst habe meine Entscheidung getroffen und trage meinen Organspendeausweis immer bei mir. Und das schon seit Studienzeiten. Im Organspenderegister habe ich meine Entscheidung ebenfalls dokumentiert. Das ist leider noch etwas umständlich.
vdek: Welche Haltung hat die BARMER zum Thema Organspende? Welche Informationsmöglichkeiten bietet die Krankenkasse?
Für viele schwerkranke Menschen ist eine Organspende die einzige Chance, weiterzuleben. Deshalb stehen wir bei der BARMER klar dahinter. Gleichzeitig wissen wir, wie schwer diese Entscheidung sein kann. Niemand soll sich gedrängt fühlen – aber alle sollen die Informationen bekommen, die sie brauchen, um aus Überzeugung Ja oder Nein sagen zu können. Die BARMER bietet umfangreiche, qualitätsgesicherte Informationen auf ihren Webseiten und thematisiert das Thema auf ihren Social-Media-Kanälen. Bei jedem Versand einer Versichertenkarte liegen Infos und Organspendeausweise bei.
vdek: Immer wieder zur Debatte steht das Thema Widerspruchslösung. Die Befürworter:innen meinen, dass wir die Wartelisten auf Spenderorgane damit drastisch verkürzen könnten – Beispiele im europäischen Ausland gibt es da einige. Ethiker:innen halten dagegen, dass eine freiwillige Spende und ein Automatismus sich widersprechen. Wo verorten Sie sich in dieser Diskussion?
Die BARMER als Körperschaft öffentlichen Rechts wird sich hierzu nicht auf eine Seite schlagen, denn die Entscheidung ist nicht einfach und muss letztlich politisch getroffen werden. Für uns als Kasse steht im Mittelpunkt, dass Menschen aktiv aus Überzeugung entscheiden können. Nach meiner persönlichen Meinung gefragt, tendiere ich eher zu einer Widerspruchslösung. Ich denke, wer wirklich nicht spenden möchte, hat sich mit der Frage aktiv beschäftigt und kann eine Spende daraufhin ausschließen. Eine solche Regelung, die Schweigen als Zustimmung wertet, sollte natürlich sehr sorgfältig geprüft werden.
vdek: Welchen Eindruck haben Sie aus Kassensicht vom Transplantations-Standort Thüringen? Wie sind wir aufgestellt?
Thüringens einziges Transplantationszentrum in Jena leistet großartige Arbeit. Transplantationen erfordern viel Erfahrung. Da sollte der Fokus aber nicht nur auf Thüringen liegen, sondern länderübergreifend. Die Mindestmengen für Transplantationen sind vergleichsweise niedrig, nach meiner Einschätzung.
vdek: Zum Schluss noch eine persönliche Frage, die sich bei einem emotionalen Thema wieder Organspende einfach anbietet. Haben Sie einen persönlichen Bezug zu dem Thema?
Vor einigen Jahren war ich Teil der Aktion „Ein Herz für Organspende“. Einer der Höhepunkte war das Verteilen von 200 Lebkuchenherzen auf dem Erfurter Weihnachtsmarkt gemeinsam mit Bodo Ramelow. Mit jedem Lebkuchenherz wurde auch ein Organspendeausweis überreicht. Auf diese Weise habe ich viele tolle Gespräche führen und Eindrücke gewinnen können. Nicht erst seitdem, aber auch aufgrund dieser schönen Erfahrung, ist mir das Thema eine Herzensangelegenheit.
Thüringer Ministerin für Soziales, Gesundheit Arbeit und Familie
Foto: Paul-Philipp Braun
vdek: Liebe Katharina Schenk, die Gretchenfrage gleich zuerst: Wie halten Sie es mit der Organspende?
Die Organspende ist für mich vor allem eine Frage gesellschaftlicher Solidarität und individueller Verantwortung. Viele schwer kranke Menschen warten auf ein lebensrettendes Organ – gleichzeitig gibt es weiterhin deutlich zu wenige Spenderinnen und Spender. Deshalb ist es mir wichtig, dass sich möglichst viele Menschen bewusst mit dem Thema auseinandersetzen und eine informierte, selbstbestimmte Entscheidung treffen.
Mir geht es dabei nicht um moralischen Druck, sondern um Aufklärung und Transparenz. Wer sich informiert entscheidet – egal in welche Richtung – entlastet im Ernstfall auch Angehörige. Gleichzeitig müssen wir als Politik die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Leben gerettet werden können. Ich habe mehrfach deutlich gemacht, dass ich es schwer nachvollziehen kann, wenn Menschen auf Wartelisten sterben, obwohl strukturelle Verbesserungen, wie etwa die Widerspruchslösung, möglich wären.
vdek: Ihr Ministerium beherbergt auch das Referat für Transplantationsmedizin. Welche Aufgaben nimmt das Land konkret bezogen auf das Thema Organspenden wahr?
Das Land Thüringen übernimmt im Bereich der Organspende vor allem koordinierende und aufsichtsrechtliche Aufgaben. Das zuständige Referat übt die Rechtsaufsicht darüber aus, wie die Vorgaben des Transplantationsrechts in den Krankenhäusern umgesetzt werden. Dazu gehört die Bearbeitung rechtlicher Fragestellungen ebenso wie die Mitwirkung an Stellungnahmen zu Bundesgesetzgebungsverfahren in enger Abstimmung mit den anderen Ländern.
Ein weiterer Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit allen beteiligten Akteuren. Wir stehen im engen Austausch mit den Transplantationsbeauftragten der Thüringer Kliniken sowie mit der Deutsche Stiftung Organtransplantation. Information und Aufklärung verstehen wir als Gemeinschaftsaufgabe – gemeinsam mit medizinischem Personal, Transplantierten und Selbsthilfeorganisationen.
Zudem zeichnen Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt jährlich Krankenhäuser aus, die sich bei der Organspende besonders engagieren. Damit würdigen wir ausdrücklich die Mitarbeitenden in den Entnahmekrankenhäusern, denn ohne ihr professionelles Handeln kann keine Organvermittlung stattfinden.
vdek: Wie sehen Sie Thüringen hinsichtlich unserer Herzenssache Organspende aufgestellt? Ist Thüringen ein guter Standort für Patientinnen und Patienten, die auf eine Spende angewiesen sind?
Thüringen ist bei der Organspende insgesamt gut aufgestellt. Entscheidend ist die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten – von den Transplantationsbeauftragten über das Klinikpersonal bis hin zu den bundesweiten Koordinierungsstrukturen. Diese abgestimmten Abläufe sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass mögliche Organspenden erkannt und umgesetzt werden können.
Ein besonderer Schwerpunkt liegt für uns auf Information und Aufklärung. Denn Organspende setzt voraus, dass Menschen sich bewusst mit dem Thema auseinandersetzen und eine informierte, selbstbestimmte Entscheidung treffen. Deshalb haben wir das Schulprojekt „Wissen vermitteln, zur Entscheidung befähigen“ entwickelt. Es umfasst Fortbildungs- und Unterrichtsangebote für Lehrkräfte, die dabei unterstützen, das Thema ergebnisoffen im Unterricht zu behandeln und Schülerinnen und Schüler frühzeitig sachlich zu informieren.
Für Patientinnen und Patienten auf der Warteliste gilt zugleich: Die Organvermittlung erfolgt nach bundesweit einheitlichen gesetzlichen Kriterien und ist unabhängig vom Wohnort. Thüringen bietet darüber hinaus mit dem Universitätsklinikum Jena ein leistungsfähiges Transplantationszentrum, in dem alle vermittlungspflichtigen Organe transplantiert werden können. Damit bestehen sehr gute medizinische Voraussetzungen für Menschen, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind.
vdek: Sie haben 2025 der Gesundheitsministerkonferenz vorgesessen, also der Fachkonferenz der amtierenden Gesundheitsminister:innen der Länder. War Organspende dort während Ihrer Amtszeit ein Thema?
Während des Thüringer Vorsitzes der Gesundheitsministerkonferenz stand vor allem die Krankenhausreform im Mittelpunkt der Beratungen. Das hat aber eine direkte Verbindung zur Organspende: Organspenden sind nur möglich, wenn eine leistungsfähige intensivmedizinische Versorgung vorhanden ist und komplexe operative Strukturen gesichert bleiben.
Die Sicherstellung einer starken Krankenhauslandschaft ist daher auch eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Organspende überhaupt stattfinden kann.
vdek: Immer wieder in der Diskussion steht das Thema Widerspruchslösung. Die Befürworter:innen meinen, dass wir die Wartelisten auf Spenderorgane damit drastisch verkürzen könnten – Beispiele im europäischen Ausland gibt es da einige. Ethiker:innen halten dagegen, dass eine freiwillige Spende und ein Automatismus sich widersprechen. Wo verorten Sie sich in dieser Diskussion?
Ich sehe in der Widerspruchslösung vor allem die Chance, die Zahl der Organspenden deutlich zu erhöhen und damit konkret Leben zu retten. Internationale Erfahrungen zeigen, dass Länder mit einer solchen Regelung häufig höhere Spenderzahlen erreichen. Gleichzeitig bleibt die individuelle Entscheidungsfreiheit gewahrt, denn jede Bürgerin und jeder Bürger kann einer Organspende ausdrücklich widersprechen.
Gerade weil weiterhin viele Menschen auf Wartelisten sterben, obwohl medizinisch geholfen werden könnte, halte ich es für notwendig, neue Wege zu gehen. Thüringen setzt sich deshalb gemeinsam mit anderen Ländern im Bundesrat aktiv für die Einführung der Widerspruchslösung ein. Ziel ist es, Organspende stärker zum gesellschaftlichen Regelfall zu machen, ohne das Selbstbestimmungsrecht einzuschränken.