Interviews: Fünf Fragen an...

Herzgrafik mit Schreibheft

Hier gibt es Kurz-Interviews mit verschiedenen Persönlichkeiten rund um unser Herzensthema Organspende. Natürlich immer mit der Gretchenfrage: Wie halten Sie es mit der Organspende?

5 Fragen an... Katharina Schenk

Thüringer Ministerin für Soziales, Gesundheit Arbeit und Familie

Katharina Schenk

Foto: Paul-Philipp Braun

vdek: Liebe Katharina Schenk, die Gretchenfrage gleich zuerst: Wie halten Sie es mit der Organspende?

Die Organspende ist für mich vor allem eine Frage gesellschaftlicher Solidarität und individueller Verantwortung. Viele schwer kranke Menschen warten auf ein lebensrettendes Organ – gleichzeitig gibt es weiterhin deutlich zu wenige Spenderinnen und Spender. Deshalb ist es mir wichtig, dass sich möglichst viele Menschen bewusst mit dem Thema auseinandersetzen und eine informierte, selbstbestimmte Entscheidung treffen.

Mir geht es dabei nicht um moralischen Druck, sondern um Aufklärung und Transparenz. Wer sich informiert entscheidet – egal in welche Richtung – entlastet im Ernstfall auch Angehörige. Gleichzeitig müssen wir als Politik die Rahmenbedingungen so gestalten, dass Leben gerettet werden können. Ich habe mehrfach deutlich gemacht, dass ich es schwer nachvollziehen kann, wenn Menschen auf Wartelisten sterben, obwohl strukturelle Verbesserungen, wie etwa die Widerspruchslösung, möglich wären.

vdek: Ihr Ministerium beherbergt auch das Referat für Transplantationsmedizin. Welche Aufgaben nimmt das Land konkret bezogen auf das Thema Organspenden wahr?

Das Land Thüringen übernimmt im Bereich der Organspende vor allem koordinierende und aufsichtsrechtliche Aufgaben. Das zuständige Referat übt die Rechtsaufsicht darüber aus, wie die Vorgaben des Transplantationsrechts in den Krankenhäusern umgesetzt werden. Dazu gehört die Bearbeitung rechtlicher Fragestellungen ebenso wie die Mitwirkung an Stellungnahmen zu Bundesgesetzgebungsverfahren in enger Abstimmung mit den anderen Ländern.

Ein weiterer Schwerpunkt ist die Zusammenarbeit mit allen beteiligten Akteuren. Wir stehen im engen Austausch mit den Transplantationsbeauftragten der Thüringer Kliniken sowie mit der Deutsche Stiftung Organtransplantation. Information und Aufklärung verstehen wir als Gemeinschaftsaufgabe – gemeinsam mit medizinischem Personal, Transplantierten und Selbsthilfeorganisationen.

Zudem zeichnen Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt jährlich Krankenhäuser aus, die sich bei der Organspende besonders engagieren. Damit würdigen wir ausdrücklich die Mitarbeitenden in den Entnahmekrankenhäusern, denn ohne ihr professionelles Handeln kann keine Organvermittlung stattfinden.

vdek: Wie sehen Sie Thüringen hinsichtlich unserer Herzenssache Organspende aufgestellt? Ist Thüringen ein guter Standort für Patientinnen und Patienten, die auf eine Spende angewiesen sind?

Thüringen ist bei der Organspende insgesamt gut aufgestellt. Entscheidend ist die enge Zusammenarbeit aller Beteiligten – von den Transplantationsbeauftragten über das Klinikpersonal bis hin zu den bundesweiten Koordinierungsstrukturen. Diese abgestimmten Abläufe sind eine wichtige Voraussetzung dafür, dass mögliche Organspenden erkannt und umgesetzt werden können.

Ein besonderer Schwerpunkt liegt für uns auf Information und Aufklärung. Denn Organspende setzt voraus, dass Menschen sich bewusst mit dem Thema auseinandersetzen und eine informierte, selbstbestimmte Entscheidung treffen. Deshalb haben wir das Schulprojekt „Wissen vermitteln, zur Entscheidung befähigen“ entwickelt. Es umfasst Fortbildungs- und Unterrichtsangebote für Lehrkräfte, die dabei unterstützen, das Thema ergebnisoffen im Unterricht zu behandeln und Schülerinnen und Schüler frühzeitig sachlich zu informieren.

Für Patientinnen und Patienten auf der Warteliste gilt zugleich: Die Organvermittlung erfolgt nach bundesweit einheitlichen gesetzlichen Kriterien und ist unabhängig vom Wohnort. Thüringen bietet darüber hinaus mit dem Universitätsklinikum Jena ein leistungsfähiges Transplantationszentrum, in dem alle vermittlungspflichtigen Organe transplantiert werden können. Damit bestehen sehr gute medizinische Voraussetzungen für Menschen, die auf ein Spenderorgan angewiesen sind.

vdek: Sie haben 2025 der Gesundheitsministerkonferenz vorgesessen, also der Fachkonferenz der amtierenden Gesundheitsminister:innen der Länder. War Organspende dort während Ihrer Amtszeit ein Thema?

Während des Thüringer Vorsitzes der Gesundheitsministerkonferenz stand vor allem die Krankenhausreform im Mittelpunkt der Beratungen. Das hat aber eine direkte Verbindung zur Organspende: Organspenden sind nur möglich, wenn eine leistungsfähige intensivmedizinische Versorgung vorhanden ist und komplexe operative Strukturen gesichert bleiben.

Die Sicherstellung einer starken Krankenhauslandschaft ist daher auch eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Organspende überhaupt stattfinden kann.

vdek: Immer wieder in der Diskussion steht das Thema Widerspruchslösung. Die Befürworter:innen meinen, dass wir die Wartelisten auf Spenderorgane damit drastisch verkürzen könnten – Beispiele im europäischen Ausland gibt es da einige. Ethiker:innen halten dagegen, dass eine freiwillige Spende und ein Automatismus sich widersprechen. Wo verorten Sie sich in dieser Diskussion?

Ich sehe in der Widerspruchslösung vor allem die Chance, die Zahl der Organspenden deutlich zu erhöhen und damit konkret Leben zu retten. Internationale Erfahrungen zeigen, dass Länder mit einer solchen Regelung häufig höhere Spenderzahlen erreichen. Gleichzeitig bleibt die individuelle Entscheidungsfreiheit gewahrt, denn jede Bürgerin und jeder Bürger kann einer Organspende ausdrücklich widersprechen.

Gerade weil weiterhin viele Menschen auf Wartelisten sterben, obwohl medizinisch geholfen werden könnte, halte ich es für notwendig, neue Wege zu gehen. Thüringen setzt sich deshalb gemeinsam mit anderen Ländern im Bundesrat aktiv für die Einführung der Widerspruchslösung ein. Ziel ist es, Organspende stärker zum gesellschaftlichen Regelfall zu machen, ohne das Selbstbestimmungsrecht einzuschränken.

Vielen Dank für das Gespräch!