Im Mittelpunkt: Die richtige Hilfe zur richtigen Zeit am richtigen Ort
Zum Auftakt der Veranstaltung begrüßte Torsten Barenborg, Leiter der vdek-Landesvertretung Bremen, die Gäste und skizzierte die Herausforderungen der Notfallversorgung. Dabei machte er deutlich, dass die Akzeptanz neuer Versorgungsstrukturen wesentlich davon abhängen wird, wie Patientinnen und Patienten diese erleben.
„Dazu gehört auch, dass Patienten, die kein Notfall im engeren Sinne sind, erfahren, was sie tun können. Denn letztlich wird die Akzeptanz des künftigen Systems auch stark davon abhängen, dass Hilfesuchende nicht abgewiesen werden, sondern Unterstützung erfahren. Das Nutzererlebnis muss positiv sein, ganz im Sinne von: ,Da wurde mir geholfen.'“
Rotterdam zeigt, wie integrierte Steuerung gelingen kann
Anschließend stellte Janina Hartmann anhand der Großleitstelle Rotterdam vor, wie eine sektorenübergreifende Notfallsteuerung bereits heute erfolgreich umgesetzt werden kann. Im niederländischen Modell arbeiten verschiedene Versorgungsbereiche eng zusammen. Klare Verantwortlichkeiten, durchgängige Prozesse und eine datenbasierte Patientensteuerung sorgen dafür, dass Hilfesuchende möglichst direkt in das passende Versorgungsangebot geleitet werden.
Darüber hinaus werden weitere Angebote wie die Spezialisierte Ambulante Palliativversorgung, psychologische Krisendienste oder die Pflege frühzeitig einbezogen. Hartmann betonte zugleich, dass der zunehmende Fachkräftemangel das Gesundheitswesen zwinge, vorhandene Ressourcen noch gezielter einzusetzen und Versorgungsprozesse stärker zu bündeln. Dazu gehöre auch, dass bei etwa einem Drittel der Einsätze der Rettungsdienst vor Ort behandelt. „Die Patienten sind zufrieden, wenn sie die passende Hilfe kriegen, auch wenn es nicht ins Krankenhaus geht.“
Digitalisierung und Primärversorgung stärker nutzen
Welche Rolle digitale Instrumente dabei spielen können, erläuterte Björn-Ingemar Janssen, Referatsleiter Ärzte beim vdek und Beauftragter für Digitale Versorgung. Er hob hervor, dass digitale Ersteinschätzungssysteme, Telemedizin und eine intelligente Patientensteuerung künftig dazu beitragen können, Menschen schneller in die für sie passende Versorgung zu führen. „Mit 9,7 Arztkontakten pro Jahr belegen die deutschen Patienten einen Spitzenplatz in Europa. Rund 20 Prozent suchen dabei sechs oder mehr verschiedene Ärztinnen und Ärzte auf“, sagte Janssen.
Aus seiner Sicht sollten zukünftige digitale Steuerungssysteme auch auf die elektronische Patientenakte zugreifen können, um im Notfall ein möglichst vollständiges Bild der Patientinnen und Patienten zu erhalten. Mit den auf den Weg gebrachten Digitalisierungsmaßnahmen und dem gerade im Bundestag eingebrachten Gesetz für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG), seien dafür wichtige Grundlagen geschaffen worden.
Notfallreform soll Sektorengrenzen überwinden
Den gesundheitspolitischen Rahmen der Diskussion stellte Dr. Stefan Poloczek vom Bundesministerium für Gesundheit vor. Er erläuterte die Ziele und den aktuellen Stand der geplanten Notfallreform, die kurz vor ihrer Verabschiedung steht.
Im Mittelpunkt stehen eine bessere Verzahnung der verschiedenen Versorgungsbereiche, die stärkere Integration von Leitstellen sowie eine gezieltere Steuerung von Patientinnen und Patienten. Ein zentraler Baustein sollen dabei Integrierte Notfallzentren (INZ) sein, die künftig gemeinsam von Krankenhäusern und dem ärztlichen Bereitschaftsdienst betrieben werden. „Der Hilfesuchende bestimmt zwar, was ein Notfall für ihn ist, aber er kann nicht das Hilfsmittel bestellen.“ Poloczek zeigte sich zuversichtlich, dass die Reform Ende 2026 in Kraft treten wird.
Bremer Perspektiven auf die Notfallversorgung der Zukunft
Im anschließenden Podiumsgespräch diskutierten Janina Hartmann, Björn-Ingemar Janssen und Dr. Stefan Poloczek gemeinsam mit Dr. Andreas Callies, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes Bremen, Dr. Bernhard Rochell, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Bremen, sowie Ole Laumann, Leiter der Abteilung Gesundheit bei der Senatorin für Gesundheit, Frauen und Verbraucherschutz Bremen, über die Konsequenzen der Reform für das Land Bremen.
Dabei wurde deutlich, dass bereits wichtige Elemente einer integrierten Notfallversorgung vorhanden sind. Als Beispiele wurden die digitale Überbrückung der Rufnummern 112 und 116 117 in der Integrierten Regionalleitstelle Unterweser-Elbe sowie das seit Jahren gemeinsam von Klinik und Kassenärztlicher Vereinigung Bremen betriebene Integrierte Notfallzentrum am St. Josef-Stift genannt.
Gleichzeitig waren sich die Diskutierenden einig, dass bei der weiteren Integration der Versorgungsstrukturen, der Digitalisierung und der Steuerung von Patientinnen und Patienten noch Entwicklungspotenzial besteht. „Doppelstrukturen können wir uns künftig nicht mehr leisten“, war sich Andreas Callies sicher, der auch Notfallmediziner am Klinikum Links der Weser ist. Bernhard Rochell von der KV zeigte sich überzeugt, dass die Notfallreform „ein Füllhorn an Möglichkeiten der Kooperation mit den verschiedenen Sektoren bietet. Aber die Finanzierung bleibt spannend.“
Bezüglich der Anzahl der künftigen INZ im Land Bremen betonte Ole Laumann, dass das Gesetz auch eine gewisse Beinfreiheit für die Umsetzung in den Ländern erlaube. Torsten Barenborg ergänzte in seinem Schlusswort: „Wenn später über Anzahl und Standorte der INZ im Land Bremen entschieden wird, müssen die Faktoren Qualität, Erreichbarkeit, Machbarkeit und Wirtschaftlichkeit, ausgewogen berücksichtigt werden. Nur wenn das gelingt, wird die Notfallreform von allen Beteiligten als Fortschritt wahrgenommen werden und ein Erfolg.“
Von Rotterdam lernen
Zum Abschluss zog Torsten Barenborg ein positives Fazit der Veranstaltung. Die Diskussionen hätten gezeigt, dass viele Ansätze für eine moderne und vernetzte Notfallversorgung bereits vorhanden seien. Nun komme es darauf an, diese konsequent weiterzuentwickeln und die unterschiedlichen Akteure noch enger zusammenzubringen.
Der gemeinsame Tenor der diesjährigen „Gespräche am Fluss“ lautete daher: Von Rotterdam lernen. Bremen bringt bereits gute Voraussetzungen mit, um die künftigen Veränderungen in der Notfallversorgung aktiv und erfolgreich mitzugestalten.