Interview mit Dr. Gunnar Wagner, Bremerhaven

Doc-Treff stärkt Gesundheitskompetenz und entlastet Ärzte

Ein Mann mit blauem Anzug , Brille und Mikrophon schaut in die Kamera

Dr. Gunnar Wagner, ehemaliger Chefarzt der Hautklinik im Klinikum Reinkenheide in Bremerhaven, hat zusammen mit vier Kollegen die Initiative „Doc-Treff“ in der Seestadt gestartet. Im Interview mit der vdek-Landesvertretung Bremen erläutert er die Idee dahinter.

vdek: Woher haben Sie die Idee?

Dr. Wagner: Die Idee wurde ursprünglich in der Schweiz entwickelt. Dort wird das Konzept, dass Ärzte auch im Ruhestand für die Beratung von Patienten reaktiviert werden, bereits flächendeckend umgesetzt. Auch in Norddeutschland gibt es drei Standorte, an denen das bereits angeboten wird: in Münster, Warendorf und Bramsche. Als wir davon hörten, fanden wir die Idee sehr gut.

Warum?

Dr. Wagner: Viele von uns kommen aus dem niedergelassenen Bereich und wissen, dass die Ärzte in den Praxen zu wenig Zeit für Fragen und Beratung haben. Das ist kein Vorwurf, wir kennen das selbst aus unserer aktiven Zeit, aber es ist oft nicht anders zu schaffen. Andererseits ist der Bedarf an Informationen sehr groß. Jede Erkrankung, jede Diagnose kann zutiefst erschüttern und wirft viele Fragen bei den Patienten auf. Was kann ich selbst tun, welche Behandlungsmethoden gibt es, wo sind die Vor- und Nachteile. Wir als Ärzte im Ruhestand haben die Möglichkeit und die Zeit zu helfen, diese Fragen zu beantworten. Ich vergleiche das gern mit dem Gespräch über den Gartenzaun mit einem befreundeten Arzt. Diese Beratung und Hilfe war ja das, was viele von uns mit ihrem Medizinstudium wollten, aber die Wirklichkeit in der Praxis ist oft eine andere. Vielleicht ist daher auch das große Interesse aus der Ärzteschaft zu erklären.

Empfinden die aktiven Ärzte Ihr Angebot nicht als Einmischung?

Dr. Wagner: Wir haben das mit den drei norddeutschen Standorten besprochen, da ist es nie zu Problemen gekommen. Bei manchen Allgemeinmedizinern hier vor Ort gibt es Vorbehalte, weil sie problematische Erfahrungen gemacht haben mit der Beratung der Apotheken, die für Patienten mit mehr als fünf Medikamenten angeboten wird. Dort werden die Arzneien in ein Programm eingegeben, das besonders auf Wechselwirkungen hinweist. Das sorgt manchmal für Verwirrung, weil man als Arzt mitunter bewusst ein Medikament anders einsetzt, als es im Beipackzettel steht, und es dennoch lege artis ist, also der ärztlichen Kunst entspricht. Im Übrigen werden wir uns im Doc-Treff nicht in die Therapie einmischen, sondern nur erklären, dass es möglicherweise verschiedene Behandlungsmethoden gibt. Welche davon die beste für diesen Patienten ist, kann nur der behandelnde Arzt wissen. Wenn man denn einen behandelnden Arzt hat.

Da sprechen Sie ein wichtiges Thema an: die drohende Unterversorgung.

Dr. Wagner: Die Bedarfszahlen spiegeln da meiner Meinung nach nicht die Wirklichkeit wider. Ich setze mich bereits seit Jahren für eine medizinische Fakultät im Land Bremen ein. Und bis die ersten Studenten dort fertig sind, könnte Bremen Studienplätze für Bremer Abiturienten an Privatuniversitäten kaufen. Es gibt für Bremen seit zehn Jahren ein durchgerechnetes Modell einer medizinischen Fakultät. Aber die Politik schreckt bislang davor zurück. So wird es in Bremerhaven bald richtig dunkel aussehen. Aber klar ist auch, unsere Idee kann nicht den Ärztemangel auffangen. Sie soll nur die praktizierenden Ärzte entlasten und die Patienten beraten.

Ein Mann steht vor einem Publikum
Auf einer Informationsveranstaltug zum Doc-Treff Bremerhaven war das Interesse groß.

Sie haben mit der Initiative scheinbar einen Nerv getroffen, in kürzester Zeit haben sich viele Ärzte gemeldet, die beim Doc-Treff mitmachen wollen.

Dr. Wagner: Wir haben mittlerweile 21 Ärzte und acht MFA bzw. Pflegekräfte. Mit so einer hohen Zahl hätten wir nie gerechnet. Auch Gesundheitsdezernentin Andrea Toense und Sozialdezernent Martin Günthner unterstützen das Projekt. Uns sind bereits mehrere Räumlichkeiten angeboten worden, die aber nicht groß genug waren. Über eine ausreichende Anzahl von Räumen verfügen das Ameos Klinikum Mitte und die Seniorenzentren der Stadt Bremerhaven. Eine endgültige Entscheidung darüber steht noch aus. Geplant ist, dass wir erstmal mit zwei Terminen im Monat mit je zwei Stunden anfangen. Für jeden Patienten sollen zwanzig Minuten zur Verfügung stehen. Unsere MFAs planen gerade in einer Arbeitsgruppe, wie die telefonische Terminvergabe funktionieren kann, eine andere Arbeitsgruppe kümmert sich um die rechtlichen Probleme wie eine Vereinsgründung. Die Kosten sind überschaubar, vielleicht ein Telefon und ein PC für die Organisation. Ende November werden wir uns wieder treffen, hoffentlich dann schon mit Ergebnissen, so dass wir Anfang des neuen Jahres loslegen können.

Was planen Sie danach?

Dr. Wagner: Wir werden in Bremerhaven mit zwanzig Ärzten die größte Einrichtung dieser Art in Norddeutschland sein. In Bramsche zum Beispiel sind es acht Ärzte. Zusammen mit der Hochschule Bremerhaven und den Initiativen in Warendorf und Bramsche möchten wir eine wissenschaftliche Evaluation durchführen, um zu messen, was die Doc-Treffs bringen. Das ist bislang noch nicht erfolgt. Aber jetzt wollen wir erst einmal loslegen.

-> Zur Situation in der ambulanten Versorgung im Land Bremen und verschiedene Ideen, den Problemen zu begegnen, lesen Sie auch unseren Fokus zur „Sicherstellung ärztlicher Versorgung“.