Präventionsprojekt in Bremen und Niedersachsen

Online-Welt hinterfragen, Offline-Welt interessant machen

vdek: Das Thema des Projektes, der Umgang von Jugendlichen mit Medien, ist gerade in aller Munde. Überall werden Social Media-Verbote diskutiert. Was ist der besondere Ansatz Ihres Projektes?

Tanja Wilkens: Das Besondere bei uns ist, dass wir Medienbildung mit Tanz und Bewegung verbinden, also auf einen ganzheitlichen Zugang setzen. Bei uns werden Medien nicht verteufelt, sondern wir wollen sie zusammen mit den Schülerinnen und Schülern bewusst hinterfragen, ohne zu bewerten. Denn Medien haben ja nicht nur schlechte Seiten. Und wir wollen mit den Schülerinnen und Schülern zusammen reflektieren, was dahintersteckt, aber gleichzeitig die Offline-Welt durch Bewegung und Tanz wieder interessant machen.

In Ihrem Institut haben Sie bereits Erfahrungen gemacht mit Präventionsprojekten mit Tanz. Worum ging es da?

Seit 2006 haben wir das Projekt „Kribbeln im Bauch“, bei dem es um Gewalt- und Suchtprävention geht, aber ebenfalls mit dem Ansatz des Tanzens. Dabei haben wir die Erfahrung gemacht, dass es sehr wichtig ist, Schülerinnen und Schüler in Bewegung zu bringen. Neurowissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass Lernen nachhaltiger wird, wenn es mit Emotionen verbunden ist. Außerdem ist Tanzen ein leichter Zugang zu Jugendlichen. Man kann ihre Musik aufnehmen und sie dadurch schnell in Bewegung bringen, man kann auch ohne große Vorerfahrung schnell etwas auf die Beine stellen. Und es ist auch noch in der Gemeinschaft. Deshalb haben wir das Tanzen beibehalten, aber den Schwerpunkt in Richtung Medien gedreht. Wir hatten gemerkt, dass das ein Thema ist, das die Jugendlichen bewegt, über das man mit ihnen sprechen sollte.

Mögen die denn überhaupt noch darüber sprechen?

Solange man den Jugendlichen auf Augenhöhe begegnet, warum sie auf Social Media sind, aber auch, was sie daran nervt. Wenn man dabei immer ein bisschen Wissen einfließen lässt, dann hören die schon noch zu. Sie wissen ja, dass Medien Gefahren haben, dass es oft zu viel ist. Durch den Tanz erfahren sie dann, wie schön es sein kann, wenn man sich in echt begegnet und echte Reaktionen kriegt, ein Lächeln statt nur einem Daumen hoch wie im Internet.

An welche Schülerinnen und Schüler wendet sich das Projekt?

Mit dem Verband der Ersatzkassen ist besprochen, dass wir in drei Jahren 51 Klassen aus Bremen und 24 aus Niedersachsen erreichen möchten, vor allem von Schulen aus sozialen Brennpunkten. Die Jugendlichen dort sind bei Medienbildung oft benachteiligt, weil sie da nicht so viel von zuhause mitkriegen. Und es sind neunte Klassen, weil sich hier die digitale Kommunikation stark intensiviert und auch Identität und Selbstwert ein Thema ist. Für die Nachhaltigkeit und das Gruppengefühl ist es gut, wenn ganze Jahrgänge in einer Schule das Gleiche erleben. Nach den Osterferien starten wir mit der ersten Klasse.

Ist es nicht schwer, ausgerechnet in dieser Altersstufe Tanzen und Bewegung anzubieten?

Ja, absolut. Wenn Sie bei unserem Projekt „Kribbeln im Bauch“ montags ankommen, wollen 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler nicht tanzen.  Vor allem die Jungs denken, das ist nichts für sie. Aber wir kriegen sie relativ schnell begeistert. Das hat was mit Beziehungsarbeit auf Augenhöhe zu tun, aber auch damit, dass es beim Tanzen nicht um Bewertung geht. Bis jetzt haben wir von all den Schülerinnen und Schülern, die bei uns waren, die meisten zum Tanzen gebracht. Ich bin sicher, das wird auch bei Let’s move it funktionieren.

Das Projekt findet nicht in den Schulen statt, sondern in einer Tanzschule in Bremen-Oslebshausen. Warum?

Die ganze Projektwoche, auch der präventive oder Theorie-Teil, findet ganz bewusst an einem außerschulischen Lernort statt. Eine Woche raus aus der Schule, wo sie eine bestimmte Rolle haben, wo andere Parallelklassen vielleicht gucken und lachen. Das hat auch etwas damit zu tun, was ich vorhin sagte: Um zu lernen, ist es wichtig, etwas mit anderen Emotionen zu verknüpfen, hier eben in dem geschützten Raum in der Tanzschule.

Wie sieht so eine Projektwoche aus?

Die Klassen kommen von Montag bis Freitag, 9 bis 13 Uhr zu uns ins Projekt in die Driton Dance School  in Oslebshausen. Nach einem Morgenkreis gibt es jeden Tag einen Medien-Detox. Das heißt, wir legen alle gemeinsam die Handys in eine Box, um wirklich mal bewusst das Handy wegzulegen. Mittags holen wir sie wieder raus, dann kann jeder sehen: was habe ich denn eigentlich wirklich verpasst in dieser Zeit, und wie hat sich diese Zeit ohne Handy angefühlt. Danach fangen wir jeden Morgen mit einer Theorieeinheit an, in der wir uns zu verschiedenen Themen austauschen. Zum Beispiel mein digitales Ich und das eigene Medienverhalten, Fake News und Faktencheck, Cybermobbing und Folgen. Außerdem werden wir geschlechterspezifische Aspekte aufgreifen und in nach Geschlechtern getrennten Gruppen über Themen sprechen, die bei Jungs und Mädchen unterschiedlich sein können wie Leistungsdruck oder Schönheitsideale. Nach einer Pause gibt es dann Tanz und Bewegung. Um erst einmal warm zu werden, wird ein bisschen zur Musik gehüpft, ein bisschen Krafttraining. Und wenn dann alle schon in Bewegung sind, ist der Schritt zum Tanz gar nicht mehr weit. Am Ende der Woche steht in den meisten Fällen eine Choreographie, aber ohne Druck.

Wie soll das Thema und die Inhalte neben und nach der Projektwoche in den Alltag integriert werden?

Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema, denn wir wollen ja nicht nur eine Woche Spaß haben und dann wieder auseinander gehen. Bevor die Klassen zu uns kommen, lernen die Lehrerinnen und Lehrer in einer Fortbildung am eigenen Körper, was das Tanzen mit ihnen macht und was sie von dem Projekt in den Schulalltag mitnehmen können. Dann bieten wir niedrigschwellige Elternabende an den Schulen mit Tipps zum Medienkonsum an. Und schließlich machen wir nach ein paar Monaten Follow-Up-Besuche in den Schulen, wo wir mit den Klassen gucken, was hat sich verändert nach der Projektwoche, was hat gut funktioniert, was weniger. Vielleicht tanzen wir noch einmal die Choreo in ihrer Schule und schaffen dadurch noch einmal Erinnerungen.

Wann ist das Projekt ein Erfolg für Sie?

Unsere Arbeit ist immer schwer messbar. Wir wissen manchmal nicht so genau, was wir in den Köpfen anstoßen. Wir werden das Ganze natürlich wissenschaftlich begleiten lassen und eine Evaluation machen. Die Jugendlichen und Lehrkräfte bekommen Fragebögen. Durch die Follow-up-Besuche erhoffen wir uns, dass wir besser erfahren, wo wir vielleicht nachsteuern müssen. Langfristig geht es darum, dass die Jugendlichen lernen, digitale Medien nicht unbewusst, sondern bewusst zu konsumieren und zu gestalten, aber gleichzeitig auch erleben, dass die reale Welt mindestens genauso bereichernd ist, wenn man sie richtig nutzt. Und wenn sie am Freitag mit einem Lächeln auf dem Gesicht aus der Tanzschule gehen, obwohl sie am Montag überhaupt keine Lust hatten, dann haben wir schon viel erreicht.