ersatzkasse report 7/2020

Im Eiltempo pragmatische Lösungen für die Pflege

Die Corona-Pandemie stellt das Gesundheitssystem vor eine nie dagewesene Herausforderung. Eine Reihe von Schutzmaßnahmen soll Krankenhäuser, Ärzte und Pflegeeinrichtungen unterstützen. In der Pflege sind die Krankenkassen besonders gefordert, die Versorgung zu sichern.

Fast schien es, man habe das Geschehen nach den ersten Corona-Fällen Ende Januar in den Griff bekommen. Bis einen Monat später in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg neue Infektionen festgestellt werden. Von da an stiegen die Zahlen, das Coronavirus verbreitete sich über Deutschland. Anfang März gab es den ersten bestätigten Fall in Sachsen.

Auf Bundes- und Landesebene wurden umfangreiche Schritte eingeleitet, die Patienten als auch das Gesundheitsversorgungsystem schützen sollen. Viele Akteure sind beteiligt, die herausfordernde Situation zu bewältigen. Auch die Kranken- und Pflegekassen. In der Pflege sind sie besonders in der Pflicht, sie haben hier den gesetzlichen Sicherstellungsauftrag.

In Sachsen koordiniert der Verband der Ersatzkassen (vdek) auf Seiten der Kassen die Maßnahmen. „Als es in Nordrhein-Westfalen losging, war klar, die Länder bekommen ein Problem“, sagt rückblickend Annett Lotze, die in der Landesvertretung den Pflegebereich leitet. „Im Eiltempo mussten wir in den Ländern pragmatische Regelungen finden.“ Etwa zur Frage, wie die Notversorgung gewährleistet wird, wenn Personal ausfällt oder Einrichtungen schließen müssen. Oder wie die Abrechnung erbrachter Leistungen gesichert werden kann.

Ein erstes Infoschreiben an die Pflegedienstleister verschickten die sächsischen Pflegekassen Mitte März. Darin legten die Kassen unter anderem fest, die medizinischen Behandlungspflege gegebenenfalls an geeignete Pflegekräfte und Auszubildende im dritten Ausbildungsjahr zu delegieren. Trägern von Pflegeeinrichtungen wurde gestattet Personal einrichtungsübergreifend sowohl in ambulanten als auch stationären Einrichtungen einzusetzen, um eine größere Flexibilität der Dienstplanung zu ermöglichen. Beratungsbesuche durch Pflegedienste sollten ausgesetzt werden, um freie Kapazitäten für die Versorgung zu gewinnen. Auch über erste Kostenregelungen wurden informiert. Viele der Vorschläge aus den Ländern fanden in späteren bundesgesetzlichen Bestimmungen und Verordnungen Eingang.

Zu Ostern nahm ein gemeinsamer Bereitschaftsdienst der Pflegekassen die Arbeit auf. An diese koordinierende Stelle können sich Pflegeanbieter wenden, wenn sie Probleme mit der Versorgung haben. Dahinter steht ein Notfallplan mit verteilten Rollen und Aufgaben, der mit dem Sozialministerium und der Heimaufsicht abgestimmt ist. Dass sich etwa das Sozialministerium um die Bedarfsermittlung und Verteilung von Desinfektionsmitteln und Schutzausrüstung kümmert. Die meisten der über 100 Anfragen betrafen Schutzausrüstungen, die anfangs schwer zu beschaffen waren. Lotze: „Eine Notevakuierung hatten wir glücklicherweise nicht. Dafür erlebten wir sehr viele engagierte Pflegeanbieter.“

Eine zentrale Rolle im Krisenmanagement der sächsischen Pflegekassen spielen die regionalen Pflegekoordinatoren. Über ihre Aufgabe in den regionalen Pflegenetzwerken bringen sie örtliche Pflegedienstleister, weitere Leistungserbringer, Kassen und viele andere rund um die Pflege Beteiligte zusammen. „Sie sind für die Pflegekassen der verlängerte Arm in die Region“, betont die vdek-Fachfrau. „Wir haben bei vielen Problemfällen zusammen Möglichkeiten beraten, die Versorgung sicherzustellen.“

Parallel zur organisatorischen Sicherung des Pflegealltags erfolgt die finanzielle Sicherung. Einen finanziellen Ausgleich für geschlossene Einrichtungen und Mehraufwendungen für Schutzausrüstungen brachte das vom Bund beschlossene Krankenhausentlastungsgesetz. Die Krankenkassen in Sachsen teilen sich in die Bearbeitung der Anträge. Für die Ersatzkassen hat die BARMER die Landkreise Mittelsachsen und Vogtlandkreis sowie die Stadt Chemnitz übernommen. Ende Mai waren für Gesamtsachsen bereits 7,5 Millionen Euro ausgezahlt, bis Ende September können die Einrichtungen Hilfen beantragen.

Mittlerweile ist Sommer. Die Kooperation mit den Akteuren der Pflegenetzwerke habe sich prinzipiell bewährt, resümiert Lotze. Sie müsse aber weiterentwickelt werden, weil es keine Einheitlichkeit in deren Aufstellung gebe. „Ein bunter Flickenteppich“. Das führe zu Informationsverlusten. Häufig sei unklar gewesen, ob eine Aufgabe doppelt oder vielleicht noch nicht erledigt werde.

Konkret sieht der Ersatzkassenverband Potential bei der Regelung der Kompetenzen der Pflegekoordinatoren. Die Koordinatoren sind unterschiedlichen Ressorts zugeordnet, nicht alle sind in die regionalen Krisenstäbe eingebunden. Wenn Pflegekassen oder Pflegedienste dann selbst suchten, fehlen ihnen häufig konkrete Ansprechpartner in den Kommunen.

Beispielsweise in den Gesundheitsämtern, wie ein Beispiel zeigt: Wegen infizierter Mitarbeiter war ein ambulanter Pflegedienst ausgefallen. Ein Pflegeheim hätte die von dem Dienst betreuten Pflegebedürftigen aufnehmen können, doch nur bei Vorlage eines Corona-Schnelltests mit negativem Befund. Weil in dem zuständigen Amt am Wochenende niemand zu erreichen war, wurden die Menschen ins Krankenhaus verlegt.

„Wir müssen aus diesen Schnittstellenproblemen lernen und uns besser verzahnen“, sagt Lotze.

Die erste Corona-Welle ist überstanden. Lokale Ausbrüche wie in Gütersloh oder in Mittelsachsen zeichnen eine dynamische Situation.