Gesundheitsförderung und Prävention in Zeiten der Corona-Pandemie

„Die gesündere Wahl muss für jeden die einfachere Wahl sein“

Dr. Martin Oldenburg LVGFSH

Dr. Martin Oldenburg

zum Zeitpunkt des Interviews Geschäftsführer der Landesvereinigung für Gesundheitsförderung in Schleswig-Holstein e. V. (LVGFSH)

vdek: In der Präventionsarbeit ist die „gesundheitliche Chancengleichheit“ ein zentraler Begriff. Wie hat sich die Corona-Pandemie nach Ihren Erfahrungen auf die gesundheitlichen Chancen ausgewirkt?

Dr. Martin Oldenburg: Die Corona-Pandemie hat sozial benachteiligte Menschen häufiger und schwerer getroffen. Die Ungleichheit hat sich also unmittelbar ausgewirkt: „Wer arm ist, erkrankt häufiger“. Menschen, die auch vor der Pandemie in ihrer Gesundheitskompetenz nicht so weit entwickelt waren, sind jetzt erheblich mehr beeinträchtigt.

vdek: Haben Sie eine Erklärung dafür?

Dr. Martin Oldenburg: Durch die notwendigen Kontaktbeschränkungen waren viele Zugangshilfen zu Gesundheitsangeboten deutlich reduziert und viele Unterstützungsmöglichkeiten standen nicht zur Verfügung. Dadurch werden viele gesundheitliche Probleme jetzt nicht zeitgerecht behandelt. Das wird bei den Betroffenen vermutlich zu schlechterer Gesundheit führen. Die deutlich zunehmenden Unterschiede in der Gesundheitskompetenz erfordern viel mehr Anstrengung bei der Verbesserung des Zugangs und der Förderung der Inanspruchnahme zu gesundheitlichen Leistungen.

vdek: An was denken Sie dabei ganz konkret?

Dr. Martin Oldenburg: Beispielsweise an die Verbesserung der Gesundheitskompetenz bei der Vorbereitung eines Arztbesuchs und die  bessere Selbstwahrnehmung von Symptomen oder die Unterstützung bei der Umsetzung eines gesundheitsförderlichen Lebensstils im Bereich der Ernährung. Ganz praktisch zum Beispiel im Alltag der Menschen,  dass sie vielleicht direkt beim Einkaufen erfahren wie sie auch kostengünstig eine schmackhafte, gesunde Mahlzeit zubereiten können. Unser Gesundheitssystem bietet viel und ist auf hohem Niveau entwickelt. Es ist der Zugang, der sozial Benachteiligten schwerfällt.

vdek: Wie gelingt es, die sozial bedingten Ungleichheiten von Gesundheitschancen in Schleswig-Holstein bzw. die gesundheitlichen Folgen trotz der Krise nicht weiter wachsen zu lassen?  

Dr. Martin Oldenburg: Nach der ersten Verunsicherung im Frühjahr 2020 sind die Netzwerke für gesundheitliche Chancengleichheit wieder sehr aktiv geworden. Es wurde viel getan, um die Verfügbarkeit und Zugänglichkeit zu gesundheitsbezogenen Angeboten (wieder) herzustellen. Spezielle Angebote verbessern die Möglichkeiten des Einzelnen, etwas für seine Gesundheit zu tun. Ein positives Beispiel ist die Verknüpfung von Arbeits- und Gesundheitsförderung in einem Projekt des GKV-Bündnisses für Gesundheit, durch die die Betroffenen dort erreicht werden, wo sie sind.

vdek: Und darüber hinaus?

Dr. Martin Oldenburg: Grundsätzlich bleibt die Berücksichtigung von Gesundheit in allen Politikbereichen- „Health in all Policies“ - wichtig. Die gesündere Wahl muss für jeden die einfachere Wahl sein. Dadurch verringert sich deutlich die soziale Ungleichheit in der gesundheitlichen Lage. In unserem solidarischen Gesundheitssystem dürfte es keinen wesentlichen sozial bedingten Unterschied geben.

vdek: In einer Krise liegt oft auch eine Chance. Welche Chancen sehen Sie für Prävention und Gesundheitsförderung durch die Corona-Krise?

Dr. Martin Oldenburg: Wer hätte gedacht, dass ein Gesundheitsthema einmal das dominierende Thema in der Gesellschaft sein würde? Über eine direkte Ansprache und Angebote in den Lebenswelten wie Schule, Arbeitsplatz, Jobcenter, Stadtteil und vielen anderen mehr sollten wir allen Menschen verdeutlichen, dass es klüger wäre, nicht zu einer Risikogruppe zu gehören. Dadurch sollte das Interesse an Gesundheitsförderung und Prävention wachsen, zumal es in Deutschland einfach ist, etwas für seine Gesundheit zu tun.

vdek: Hat sich nach Ihrer Einschätzung auch in den Institutionen die Wahrnehmung von Prävention und Gesundheitsförderung durch die Pandemie geändert?

Dr. Martin Oldenburg: Es wurde sichtbar, wie stark die unterschiedlichen Säulen unseres Gesundheitswesens aufeinander angewiesen sind. Alle Bereiche, sowohl der Versorgungsbereich als auch der öffentliche Gesundheitsdienst, die Selbsthilfe, als auch Jugend, Bildung und Soziales sollten in die Lage versetzt werden, ihren Teil für die Gesundheit aller beizutragen.