Projekt „Pflege schafft Partnerschaft“ will Gewalt enttabuisieren

„Pflege auf Augenhöhe mit Bewohnern und Angehörigen ist unser Ziel“

Porträt einer lächelnden Frau mit langen blonden Haaren
Heike Bülken

Gewalt in der Pflege ist ein Thema, das häufig tabuisiert wird, sagt Heike Bülken, Fachbereichsleitung Stationäre Altenpflege bei der AWO Bremerhaven, wobei der Begriff „Gewalt“ weit zu fassen ist. In der Pflege kommt es immer wieder zu Situationen, in denen nicht alle Beteiligten gleichzeitig zufriedengestellt werden können. So kann es schon als sehr einschränkend wahrgenommen werden, wenn die persönlichen Bedürfnisse eines Bewohners oder einer Bewohnerin in einer Pflegeeinrichtung nicht in dem Maße befriedigt werden können, wie es im häuslichen Umfeld der Fall war, es also z.B. feste Essenzeiten gibt. Die Emotionen können schnell hochkochen, und so kann es ebenso schnell zu Konfliktsituation in der Einrichtung kommen.

Porträt eines jungen Mannes mit Brille und kariertem Hemd
Tillmann Hauenstein

Die AWO Bremerhaven hat sich der Herausforderung gestellt, diese Situationen genau zu betrachten und Lösungswege aufzuzeigen. Heike Bülken: „Das Projekt ‚Pflege schafft Partnerschaft’ hat das Ziel, die Thematik ‚Gewalt in der Pflege’ zu enttabuisieren und den Begriff ‚Gewalt’ konkret für uns und unsere Klienten zu definieren.“ Wann werden persönliche Grenzen überschritten und wie lässt sich das vermeiden? Welche Handwerkszeuge lassen sich für alle Beteiligten entwickeln, um auch in schwierigen Situationen partnerschaftlich miteinander umzugehen?

Im Rahmen des Präventionsgesetzes machen sich die Ersatzkassen Bremen und Niedersachsen für das Thema stark und unterstützen das AWO-Projekt finanziell. Es geht darum, Gewalt gegen BewohnerInnen und auch gegen Pflegende zu erkennen und Auswege aus der Situation aufzuzeigen. Das Projekt soll bis Juni 2023 in allen voll- und teilstationären Einrichtungen der AWO Bremerhaven durchgeführt werden.

Interview mit Heike Bülken, Fachbereichsleiterin für den Bereich Stationäre Altenpflege bei der AWO Bremerhaven und verantwortlich für fünf Pflegeeinrichtungen, vier Tagespflegen und eine Pflegeschule, und Tillmann Hauenstein, examinierter Gesundheits- und Krankenpfleger, Student der Pflegewissenschaften, Projektleiter des Projektes „Pflege schafft Partnerschaft“.

Corona veränderte Projektpläne

Wann und wie ist das Projekt gestartet?

Bülken: Das Projekt begann im Dezember 2019 mit Workshops für Pflegende aus drei Einrichtungen. So haben wir viele spannende Ergebnisse zusammengetragen, die sich mit dem deckten, was wir erwartet hatten. Dann erkrankte allerdings die erste Projektleitung, und Corona ließ die Workshop-Formate so nicht mehr zu. Nach Rücksprache mit Frau Dr. Jacobs vom vdek haben wir das Ganze ein halbes Jahr ausgesetzt. Es hat mir aber keine Ruhe gelassen, so haben wir im Laufe des Sommers beschlossen, trotz widriger Rahmenbedingungen weiterzumachen. Herr Hauenstein, der neue Projektleiter, hat sich dann Gedanken gemacht, wie man das Format verändern könnte. An diesem Punkt stehen wir jetzt.

Welche spannenden Ergebnisse wurden in den Workshops genannt?

Hauenstein:  Meine Vorgängerin hatte nach den ersten Workshops Fragebögen verteilt, welche die KollegInnen anonym ausfüllen konnten. Da ging es darum, in welchem Kontext sie Erfahrungen mit Gewalt im Pflegesetting gesammelt hatten. Die Auswertung zeigte, dass die Pflegenden einerseits eigene Gewalterfahrungen gemacht hatten, d.h. von den BewohnerInnen ausgehend körperliche oder emotionale Gewalt erlebt haben. Andererseits haben sie aber auch Gewalt von KollegInnen an BewohnerInnen wahrgenommen. Besonders häufig wurden Handlungen gegen den Willen von BewohnerInnen genannt wurden. Darunter fällt z.B. die Körperpflege oder auch die Mobilisation von BewohnerInnen. Pflegende haben auch angegeben, dass sie selbst Situationen erlebt hätten, in denen Medikamente zur Ruhigstellung verabreicht worden seien. Die Ergebnisse decken sich mit Erfahrungen aus der vom DBFK durchgeführten Studie zu "Gewalt in der Pflege" (Eine fast alltägliche Erfahrung, Die Schwester/Der Pfleger, 09/2017). Für unsere weitere Maßnahmenplanung haben wir wertvolle Hinweise erhalten.

Personalmangel als eine Ursache

Wurden auch die Gründe für Gewalt in der Pflege abgefragt? Wie offen haben die Pflegenden reagiert?

Bülken: Das wurde vor allem in den persönlichen Gesprächen in den Workshops abgefragt. Die Mitarbeitenden haben hier vor allem Personalmangel benannt, daran hängt nach deren Einschätzung vieles andere, wie z.B. zu seltene Fallbesprechungen, Supervisionen und kollegiale Beratung, weil im Alltag keine Zeit dafür bleibt. Andererseits wurde immer wieder Aggression von Seiten der Angehörigen gegen die Pflegenden benannt. Da ging es vor allem um verbale Angriffe. Wir konnten feststellen, dass es oft eine Erwartungshaltung durch die Angehörigen gibt, die die Pflegenden nicht leisten erfüllen können. Wenn jemand vorher zuhause 1:1 gepflegt wurde, kann das eine Pflegeeinrichtung natürlich nicht leisten. Und es spielt manchmal auch das schlechte Gewissen der Angehörigen eine Rolle, die eigene Mutter oder Vater in die Altenpflegeeinrichtung gebracht zu haben. Das wird häufig an vermeintlichen Kleinigkeiten festgemacht: Wenn der Pullover schmutzig ist, aber die Mutter sich nicht daran stört, weil sie dement ist und es ihr ansonsten gut geht, reagieren Angehörige manchmal sehr emotional, weil sie befürchten, dass die Mutter nicht gut versorgt sein könnte. Die Pflegenden können sich dann ungerecht behandelt fühlen, denn sie versuchen ihr Bestes und empfinden, dass Angehörige das manchmal nicht wertschätzen, sondern nur den schmutzigen Pullover sehen. In Stresssituationen kann daraus eine hitzige Debatte entstehen. Hier wollen wir unsere Pflegenden fit machen, damit sie solche Gespräche gelassen führen können und sich nicht angegriffen fühlen.

Welche konkreten Maßnahmen sind im Projekt geplant?

Hauenstein: Den ursprünglichen Projektplan aus Vorpandemie-Zeiten haben wir angepasst. Natürlich wäre es schön, in Präsenzsitzungen beispielsweise gemeinsames Brainstorming mit den KollegInnen durchführen zu können, aber das ist aktuell einfach nicht möglich. Deshalb versuchen wir nun stärker digitale Mittel zu nutzen, um die Projektziele zu erreichen. Für die Mitarbeitenden haben wir eine Software angeschafft, über die wir die Pflegenden, perspektivisch die Angehörigen und unter Umständen auch die Bewohner einbinden können. Mit dieser Software können wir den Fortschritt und die bisherigen Ergebnisse des Projektes transparent machen. Wir können damit auch Kursinhalte in Online-Seminaren vermitteln oder Fallbeispiele einstellen - das alles möglichst niedrigschwellig auf einer Plattform. Trotzdem lässt sich solch ein Projekt nicht komplett digitalisieren. Um bei den BewohnerInnen Bedarfe und Bedürfnisse zu erheben, wollen wir jetzt qualitative Interviews führen, wo wir anhand eines Leitfadens mit den BewohnerInnen über ihre konkreten Gewalt-Erfahrungen sprechen. Und dabei geht es auch um die Frage, was konkret die zu Pflegenden individuell als Gewalt empfinden – fängt das schon beim sprachlichen Umgang an oder bei der wiederholten Bitte um die nötige Flüssigkeitsaufnahme? Das ist natürlich nicht mit allen BewohnerInnen möglich, aber wir werden eine möglichst heterogene Gruppe befragen.

Ehrenkodex soll Umgang festhalten

Wie sollen die Angehörigen eingebunden werden?

Hauenstein: Das ist gerade auch erschwert. Aber ich versuche, über das Besuchermanagement, das wir wegen Corona aufgebaut haben, mit den Angehörigen ins Gespräch zu kommen, wenn sie in den Einrichtungen sind. Ich will sie über unser Projekt informieren und auch auf unser Software-Angebot hinweisen.

Was ist das Ziel des Projekts?

Bülken: Der Titel des Projektes „Pflege schafft Partnerschaft“ beschreibt es passend: Wir möchten gern Hand in Hand arbeiten, auf Augenhöhe, sowohl mit den Angehörigen als auch mit den Bewohnern. D.h. keine befehlende Pflege von oben herab, sondern Pflegeplanung so weit wie möglich gemeinsam mit den BewohnerInnen und den Angehörigen. Am Ende möchten wir in einem Ehrenkodex festhalten, wie wir mit BewohnerInnen und mit Angehörigen umgehen wollen, und dass wir uns als Partner unserer BewohnerInnen sehen. Denn im Mittelpunkt unseres Handelns stehen die Bedürfnisse unserer BewohnerInnen. Diese Bedürfnisse unterliegen permanenten Änderungen, weil wir uns auch in den Einrichtungen mitten in einem Generationswechsel befinden. Zukünftig werden wir eher Rockmusik als Volkslieder auf den Fluren hören. Ich bin davon überzeugt, dass zufriedene BewohnerInnen einen großen Einfluss auf die Zufriedenheit der Pflegenden haben – und umgekehrt.  Im besten Fall lässt sich so auch der Krankenstand senken.

Pflegende nicht allein lassen

Wie soll das erreicht werden?

Bülken: Es ist wichtig, die Pflegenden in schwierigen Situationen nicht allein zu lassen. Dafür brauchen wir die Führungskräfte im Boot. Kollegiale Beratung, Supervision und andere Entlastungsangebote müssen selbstverständlich sein. Die Selbstreflexion sollte sofort einsetzen. Es ist kein Makel, Überlastungssituationen aufzuzeigen, sondern ein Zeichen von Pflegequalität. Absolutes Tabuthema ist es bislang auch, wenn junge Pflegekräfte sexuelle Übergriffe durch BewohnerInnen erleben und von manchen KollegInnen nicht ernst genommen werden. Nach dem Motto: „Daran musst du dich gewöhnen, sonst bist du falsch im Job.“ Da wünsche ich mir einen anderen Umgang. Aber das dauert.

Hauenstein: Wir werden AnsprechpartnerInnen in den Einrichtungen haben, die nicht nur allgemein für Prävention, sondern speziell für Prävention von Gewalt zuständig sind, so dass unsere Mitarbeitenden geschult werden, mit gewaltsamen Situationen umzugehen, diese ansprechen können und wissen, wir ergreifen bei einem konkreten Vorfall ganz klar definierte Maßnahme, damit sich so etwas nicht wiederholt. Maßnahmen aus BewohnerInnensicht werden derzeit noch geplant, aber eines wurde bereits benannt und zum Teil schon umgesetzt: BewohnerInnen möchten einen „Kummerkasten“, mit dem sie die Möglichkeit haben, auch anonym Probleme zu melden, und sicher sein können, dass ihre Rückmeldungen an die richtige Stelle weitergegeben werden.

Bülken: Wir möchten, dass sich unsere BewohnerInnen mehr einbringen. In die Altenpflege gehört sehr viel mehr Selbstbestimmung. Zudem wünsche ich mir, auch die Angehörigen mit im Boot zu haben. Ich glaube, wenn wir das schaffen, sind auch die Pflegenden zufriedener, was die Attraktivität des Berufs und die Zufriedenheit mit der AWO als Arbeitgeber steigert.

Soll das Projekt auch in den anderen AWO-Einrichtungen stattfinden?

Bülken: Wir haben ca. 450 MitarbeiterInnen und noch einmal so viele BewohnerInnen. Damit es wirksam wird, starten wir mit drei Einrichtungen, die anderen sollen dann folgen. In der Steuerungsgruppe des Projektes sitzen aber alle Einrichtungs- und Pflegedienstleitungen, sind also von Anfang an eingebunden. Das Interesse ist groß.

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    Gewalt stellt eine unerwünschte, aber nicht seltene Erscheinung im Kontext Pflege dar. Bereits 2017 hat das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (DIP) Angehörige der Pflege berufe zum Thema Gewalt in der Pflege befragt. Die Ergebnisse wurden breit diskutiert und legen auch heute noch Nachsteuerungsbedarfe offen. » Lesen