Pflegealltag

Gewaltprävention gehört in die Pflegeausbildung

Gewalt stellt eine unerwünschte, aber nicht seltene Erscheinung im Kontext Pflege dar. Bereits 2017 hat das Deutsche Institut für angewandte Pflegeforschung e. V. (DIP) Angehörige der Pflege berufe zum Thema Gewalt in der Pflege befragt. Die Ergebnisse wurden breit diskutiert und legen auch heute noch Nachsteuerungsbedarfe offen.

Gewalt in der Pflege

Gewalt ist ein vielschichtiges Phänomen, das in allen Aspekten des Lebens auftreten kann und jedem Menschen bekannt ist. Laut Beck ist „Verletzt zu werden und andere verletzen zu können, […] eine der Grundbedingungen der menschlichen Existenz.“ (1) Aus neurologischem und phylogenetischem (stammesgeschichtlichem) Blickwinkel muss diese Aussage als richtig und zugleich wichtig eingeschätzt werden. Der Mensch als das am höchsten entwickelte Lebewesen verfügt über eine große Bandbreite an Möglichkeiten zur Kommunikation und damit auch zur Konfliktlösung. Dennoch kommt es unter Menschen immer wieder zu aggressivem oder gar gewalttätigem Verhalten. Insbesondere das nicht seltene Phänomen ein- oder wechselseitiger Gewalt zwischen formell oder informell Pflegenden und Pflegeempfängern ist in diesem Zusammenhang zu nennen.

Dabei kann Gewalt viele Formen annehmen. Aggression geht gewalttätigem Verhalten – vereinfacht gesagt – meist voraus und nimmt Einfluss auf dieses. Aggressionen und Gewalt sind je nach theoretischer Perspektive die Äußerungen von Trieben oder von Hilflosigkeit und Frustration, wobei sie nicht zwangsläufig in Gewalt münden müssen. Zwei Faktoren sind entscheidend dafür, ob und wie mit diesen Auslösern umgegangen wird. Zum einen sind die Erfahrungen und Kompetenzen eines Menschen für eine gelingende Deeskalation von großer Bedeutung. Der Grad der individuellen Resilienz gegenüber persönlichen und beruflichen Herausforderungen ist zugleich Ausdruck von Verhaltensprävention. Zugleich nimmt aber auch die Pflegesituation in ihrer Spezifität großen Einfluss auf die in sie involvierten Personen: Zeitdruck, personelle Überlastung, strukturelle Defizite usw. können den Handlungsspielraum Pflegender so weit einschränken, dass deren Erfahrungen und Kompetenzen nicht genügen, eine Gewaltanwendung zu verhindern. (2) Parallel kann auch bei Pflegeempfängern die Widerstandsfähigkeit gegenüber aggressiven Emotionen aufgrund von Überforderung, Schmerzen, Ängsten, Desorientierung oder Verlust der Autonomie sinken. Hier geht es dann vorbeugend um gezielte Strategien der Verhältnisprävention.

Gewalt ist Teil des Pflegealltags

Vor diesem Hintergrund befragte das DIP im Jahr 2017 in Zusammenarbeit mit der B. Braun-Stiftung 402 Pflegefachpersonen und -schüler mittels standardisierter Fragebögen zu deren persönlichen Gewalterfahrungen in der Pflege. Der Untersuchung wurde die Gewalt-Definition von Rupp und Rauwald zugrunde gelegt. Demnach ist Gewalt „[…] eine unangemessene (d. h. vermeidbare oder unverhältnismäßig heftige) bzw. nicht legitimierte Anwendung von Machtmitteln zur Durchsetzung einer Absicht gegen den Willen einer anderen Person.“ (3) Einbezogen wurden dabei auch jene Gewaltformen, welche in irgendeiner Form legitimiert vorlagen. Richterlich angeordnete Fixierungen oder Zwangsmedikationen beispielsweise sind juristisch legitimiert. Dennoch handelt es hierbei zweifellos um Formen der Gewaltanwendung.

Die Ergebnisse der Untersuchung decken sich mit denen der einschlägigen Literatur und offenbaren Gewalt als offensichtlichen Teil des Pflegealltags. Gefragt nach den Häufigkeiten bestimmter Gewalterfahrungen der vergangenen drei Monate, gab knapp ein Drittel der befragten Pflegenden an, sehr häufig bzw. eher häufig Pflegehandlungen gegen den Willen von Pflegeempfängern durchzuführen. Bezogen darauf, wie häufig die Pflegenden in den vergangenen drei Monaten selbst Opfer von Gewalt wurden, beantworteten lediglich 17,9 Prozent, keine derartigen Erfahrungen gemacht zu haben.

Obwohl Gewalt in der Pflege ein so verbreitetes Phänomen darstellt, gaben nur 23,1 Prozent der Pflegenden an, in ihrer Institution ein Deeskalationsmanagement vorzufinden. Das Vorliegen regelmäßiger Angebote zur Supervision beantworteten immerhin 31,1 Prozent positiv. Wie die Abbildung verdeutlicht, fühlt sich nur knapp die Hälfte der befragten Pflegenden sicher im Umgang mit selbst erlebter Gewalt. Etwas mehr Unsicherheit besteht bei Gewalt, die gegen Pflegeempfänger gerichtet ist. Ein ebenfalls auffallender Widerspruch liegt in der Vermittlung dieses Themenkomplexes in Aus-, Fort- und Weiterbildung. Nur knapp 30 Prozent der Pflegenden gaben an, dass benötigtes Wissen hierzu in ihrer Ausbildung vermittelt worden sei. Darüber hinaus konnte lediglich knapp ein Viertel der Pflegefachpersonen ausreichende Fort- und Weiterbildungsangebote zur Thematik durch deren Arbeitgeber bestätigen.

Grafik: Gewaltprävention

In der Gesamtschau wird deutlich, dass Pflegende und Pflegeempfänger in einer komplexen Beziehungsform mit situativ unterschiedlichem Machtgefälle agieren, in der Gewalt eine unerwünschte, aber nicht seltene Begleiterscheinung darstellt. Um dem zu begegnen, sind besonders aufseiten der Pflegenden dringend Kompetenzen und unterstützende Rahmenbedingungen und Strukturen geboten. Dem entgegen steht der mangelnde Raum für die Thematik innerhalb der Aus-, Fort- und Weiterbildung, aber auch ein Fehlen von Problembewusstsein und Wille zum Ausbau schützender oder unterstützender Strukturen für Beschäftigte wie auch für Pflegeempfänger seitens der Arbeitgeberseite. Eine zentrale Frage ist daher, wie in der Weiterentwicklung und Ausgestaltung des SGB XI und auch des SGB V Anreize zur Föderung von Gewaltprävention und der Bewältung von Erfahrungen mit unerwünschten Ereignissen sowohl seitens der Pflegenden als auch der zu Pflegenden geschaffen werden können. Eine weitere zentrale Thematik betrifft die konkrete Interaktionsebene in der formellen und informellen Pflegepraxis und die notwendigen Mechanismen zur Früherkennung von Aggressionen, zur Deeskalation von Gewaltsituationen und zur systematischen Aufarbeitung von Gewalterfahrungen.

(1)  Beck, T. K. 2015: Sozialwissenschaftliche Gewalt-theorie heute

(2)  Needham, I.; Sauter, D. 2011: Aggression und Gewalt. In: Sauter, D. et al. (Hrsg.) Lehrbuch Psychiatrische Pflege.

(3)  Rupp, M.; Rauwald, C. 2004: Von der Aggressivi-tät zur Eskalation: Klärung einiger Grundbegriffe. In: Ketelsen R. et al. (Hrsg.) Seelische Krise und Aggressivität: Der Umgang mit Deeskalation und Zwang.

Weitere Artikel aus ersatzkasse magazin. 5. Ausgabe 2020