Veranstaltungen 2022

Gespräche am Wasser zur Kieler Woche 2022

Regionale Gesundheitszentren: Ein Zukunftsmodell für den ländlichen Raum?

Endlich wieder Kieler Woche – und damit nach über zwei Jahren Zwangspause auch endlich wieder „Gespräche am Wasser“ der vdek-Landesvertretung. Einerseits eine Tradition – andererseits auch eine Premiere, denn für Gastgeberin Claudia Straub war es die erste Veranstaltung in diesem Format, seit sie im Frühjahr 2020 die Leitung der vdek-Landesvertretung am Ufer der Kieler Förde übernommen hat.

Thematisch ging es um das Konzept der Regionalen Gesundheitszentren (RGZ), das der Verband der Ersatzkassen e. V. (vdek) als Antwort auf die Herausforderungen durch die demografische Entwicklung, den fortschreitenden Fachkräftemangel und die Versorgungsunterschiede zwischen Stadt und Land entwickelt hat.

Umfassende Versorgung unter einem Dach

Die zentrale Idee des vdek-Konzeptes besteht darin, ein breites, ambulantes, multiprofessionelles Behandlungsangebot unter einem Dach vorzuhalten. Jetzt geht es darum, das Konzept bekannt zu machen, das insbesondere für ländliche, unterversorgte Regionen gedacht ist, und mit potenziellen Trägern ins Gespräch zu kommen.

Auf dem Weg zur Umsetzung müsste aus Sicht des vdek in einem ersten Schritt der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Rahmenbedingungen definieren, damit bundesweit einheitliche Standards für die personelle Ausstattung und das Leistungsangebot der RGZ gelten. Zudem sollten Kriterien für die Regionen festgelegt werden, in denen ein RGZ errichtet werden kann. Auf dieser Grundlage würden die Landesausschüsse der Ärzte und Krankenkassen nach § 90 SGB V die RGZ ausschreiben.

Eine Frau im dunklen Blazer steht vor dem Logo des vdek
Claudia Straub, Leiterin der vdek-Landesvertretung Schleswig-Holstein

Der vdek sieht – bundesweit - ein Potenzial für 50 bis 100 RGZ. Claudia Straub erläuterte, wie so ein Zentrum aussehen soll: Die Grundpfeiler eines RGZ sind mindestens vier Hausärzte mit ebenso vielen nichtärztlichen Praxisassistentinnen, eine fachärztliche Grundversorgung und mindestens zwei weitere medizinische Fachberufe. Ein RGZ solle für Patienten der erste Ansprechpartner für alle gesundheitlichen Frage mit deutlich erweiterten Öffnungszeiten und einem Angebot für Videosprechstunden sein. Zudem sei ein Case Management ggf. in Kooperation mit den Krankenkassen geplant. Als sinnvolle Ergänzungen im selben Gebäude sind beispielsweise ein ambulantes OP-Zentrum mit Überwachungsbetten, eine Notfallversorgung, weitere Fachärzte, eine Apotheke, Heilmittelerbringer - aber auch eine Gemeindeschwester oder eine Kurzzeitpflegeeinrichtung vorstellbar.

Ärztenachwuchs will Interprofessionalität und Teamarbeit

Zwei Männer in dunklen Sakkos diskutieren an einem Stehtisch. Im Hintergrund das Logo des vdek.
Prof. Dr. Jost Steinhäuser von der Universität zu Lübeck (lrechts) im Gespräch mit Moderator Dirk Schnack

Prof. Dr. Jost Steinhäuser, Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin der Universität zu Lübeck, betonte, dass die Mehrheit der jungen Ärztinnen und Ärzte interprofessionell und im Team arbeiten wolle. Auch suchten viele Medizinerinnen und Mediziner eine Beschäftigung im Angestelltenverhältnis, weil sie aus Respekt vor dem Praxismanagement von einer Selbstständigkeit Abstand nähmen. Daher könne das RGZ-Konzept des vdek durchaus attraktiv sein für den ärztlichen Nachwuchs.

Wer soll wo ein RGZ betreiben?

In der anschließenden Diskussion ging es vor allem um die Fragen, wo die RGZ sinnvoll angesiedelt werden könnten – und wer sie betreiben soll. Die Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Schleswig-Holstein (KVSH), Dr. Monika Schliffke sagte, auch ihre Organisation denke schon seit mehreren Jahren über ein Modell der Regionalen Gesundheitszentren nach.

Wichtig für die Findung geeigneter Standorte sei die Ermittlung der Altersstruktur der Ärzteschaft in der Region, um auf Grundlage einer angenommenen Nachbesetzungsquote von 75 Prozent eine Hochrechnung zu erstellen, wie die ärztliche Versorgung in der Region in zehn Jahren aussieht. Dass Gemeinden im ländlichen Raum ein RGZ als kommunalen Eigenbetrieb betreiben werden, sieht sie nicht. Dazu fehle den Kommunen das fachliche Knowhow. Aber als Träger der Immobilie seien die Gemeinden sehr wohl ein guter Partner für die Umsetzung des RGZ-Konzeptes.

Ein Mann im dunklen Sakko steht mit verschränkten Armen zwischen zwei Frauen in hellen Blazern. Dei dunkelhaarige Frau links hält ein Mikrofon in der Hand.
Monika Schliffke, Vorstandsvorsitzende der KVSH (links) in der Diskussion mit Patrick Reimiund, dem Geschäftsführer der KGSH, und Ulrike Elsner, der Vorstandsvorsitzenden des vdek.

Diese Einschätzung teilten auch die vdek-Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner und Patrick Reimund, Geschäftsführer der Krankenhausgesellschaft Schleswig-Holstein (KGSH). Die Primärversorgung sei allerdings nicht das Kerngeschäft der Krankenhäuser, betonte Reimund. Er könne sich nicht vorstellen, dass eine Klinik ein RGZ an einem Ort eröffnen würde, an dem kein Krankenhaus vorhanden ist. Aber grundsätzlich könnten sich die Krankenhäuser dennoch in die Thematik einbringen, weil sie Gesundheit „organisieren“ können.

Prof. Dr. Henrik Herrmann, Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, betonte, es sei zukunftsweisend, die Versorgung in einem multiprofessionellen Team zu organisieren. Diesbezüglich bestehe weniger ein Erkenntnisproblem als vielmehr ein Umsetzungsproblem. Allerdings laufe allmählich die Zeit weg, warnte Prof. Herrmann. Genau hier wollten die diesjährigen „Gespräche am Wasser“ der vdek-Landesvertretung ansetzen. Es ging darum, gemeinsam über Zukunftskonzepte zu sprechen, potenzielle Partner zu finden und zusammenzubringen, um die gesundheitliche Versorgung im ländlichen Raum – nicht nur in Schleswig-Holstein – langfristig zu sichern und zu verbessern.