Über Probleme, Herausforderungen und Aussichten

Die Zukunft des Rettungsdienstes in Bremen

Porträt eines Mannes im blauen Hemd mit Brille

Marlon Konertz ist im Referat Rettungswesen bei der Senatorin für Inneres und Sport in Bremen tätig. Wir sprachen mit ihm über Rettungsdienst hier und in anderen Ländern, über die Herausforderungen, mit denen das Rettungswesen überall zu kämpfen haben, und die Aussichten, diese durch die anstehende Notfallreform und weitere Projektideen speziell in Bremen zu bewältigen.

vdek: Die Zahl der sogenannten Fehlfahrten ist allgemein gestiegen. Warum?

Konertz: Das muss man differenziert betrachten. Entscheidend ist, wo wir herkommen und wo wir heute stehen. Vor 15 oder 20 Jahren war das Anruf‑ und Einsatzaufkommen deutlich geringer. Es gab eine andere hausärztliche Versorgung, andere Demografie und andere medizinische Möglichkeiten. Menschen werden heute mit Erkrankungen wesentlich älter, an denen sie früher verstorben wären, und leben länger zu Hause. All das erhöht die Anforderungen an ein medizinisches Akutsystem.

Gleichzeitig gibt es unterschiedliche Sichtweisen auf den Rettungsdienst. Die eine sieht ihn klassisch als Transportdienst bei Herzinfarkt oder Verkehrsunfall – dort sind die Zahlen weitgehend konstant. Der andere große Bereich, etwa die Hälfte unserer Einsätze, betrifft die Akutmedizin. International ist der Rettungsdienst klar Teil des Gesundheitssystems. In Deutschland ist er noch ein Mix aus Gefahrenabwehr und Gesundheitsleistung. In Bremen haben wir uns schrittweise in Richtung Akutmedizin entwickelt.

vdek: Wie definieren Sie Fehlfahrten?

Konertz: Das ist nicht eindeutig. Es gibt eine rein kostenmäßige Definition. Bei uns liegen wir im RTW‑Bereich bei rund 25 Prozent ohne Transport. Dafür gibt es unterschiedliche Ursachen: soziale Problemlagen, vulnerable Gruppen, aber auch die gestiegene Qualifikation unserer Mitarbeitenden. Seit 2014 haben wir die dreijährige Berufsausbildung zur Notfallsanitäterin bzw. zum Notfallsanitäter. Dadurch können vor Ort viel differenziertere medizinische Entscheidungen getroffen werden.

Wenn man alles zusammennimmt, wird der Rettungsdienst heute für Dinge in Anspruch genommen, die man früher nicht als seine Aufgabe gesehen hätte. Gleichzeitig übernehmen wir medizinische Leistungen, die weit über den reinen Transport hinausgehen. Als ich anfing, wurden rund 98 Prozent der Patientinnen und Patienten in die Klinik gebracht. Das ist heute nicht mehr so – und das ist auch gut so, weil es das Gesundheitssystem entlastet.

Vor-Ort-Versorgung oder Kliniktransport?

vdek: Die Akutversorgung findet also häufiger schon vor Ort statt?

Konertz: Genau. Früher war das Schema: hinfahren, kurz prüfen, dann einladen und ab in die Klinik. Heute bleiben die Kolleginnen und Kollegen länger vor Ort, behandeln, beraten und entscheiden differenziert. Das entspricht auch internationalen Modellen, etwa in England, Schweden, Dänemark oder den Niederlanden. Die Probleme sind überall gleich: steigende Einsatzzahlen durch Demografie und soziale Faktoren. Die strategische Frage ist, wie man darauf reagiert. Wenn man einfach mehr Fahrzeuge vorhält, führt das zwangsläufig zu einer Kostenexplosion.

vdek: In Bremen sind die Notarzteinsätze rückläufig, wieso?

Konertz: Ja. In Bremen haben wir die Zahl der Notarzteinsätze seit 2017 trotz steigender Einsätze insgesamt und wachsender Bevölkerung mehr als halbiert. Gründe sind die bessere Qualifikation der Rettungskräfte, neue Kompetenzen wie die Gabe starker Schmerzmittel, die früher zwingend einen Notarzt erforderten, sowie die standardisierte Notrufabfrage seit 2021. Perspektivisch kommt Telemedizin hinzu. Dadurch konnten wir auch die Vorhaltung reduzieren: Von ursprünglich fünf Notarzteinsatzfahrzeugen rund um die Uhr besetzen wir nachts unter der Woche nur noch drei, am Wochenende dann vier.

vdek: Trotz all dieser Instrumente gibt es weiterhin Fehlfahrten.

Konertz: Ganz vermeiden lassen sie sich nicht. Aus der staatlichen Schutzpflicht heraus können wir niemandem Hilfe verweigern. Im Zweifel müssen wir schicken. Gerade bei Anrufen aus zweiter oder dritter Hand – etwa bei bewusstlos wirkenden Substanzkonsumenten – wird aus Vorsicht hoch priorisiert, auch wenn sich die Lage vor Ort anders darstellt.

Wir differenzieren dennoch stärker als viele andere. Über zeitliche Disposition, das Medical Desk und Rückrufe versuchen wir, nicht zeitkritische Einsätze anders zu steuern oder in andere Versorgungsstrukturen zu überführen. Wenn Zweifel bleiben, entsenden wir weiterhin ein Einsatzmittel. Der RTW ist dabei immer noch unser Universalwerkzeug.

HanseSani als Alternative

vdek: Sie haben Alternativen entwickelt.

Konertz: Ja. In Bremen haben wir den Notfalltransportwagen eingeführt, den HanseSani weiterentwickelt und arbeiten an Kooperationen mit dem sozialpsychiatrischen Krisendienst. Ziel ist ein flexibler Mix an Einsatzmitteln. Ich sehe auch klare Synergien mit dem ärztlichen Bereitschaftsdienst. Man könnte Akut‑Hausbesuche als gemeinsames System denken, inklusive Transportlösungen wie Taxi – oft zielführender und günstiger für alle Beteiligten.

vdek: Der HanseSani soll ja nun auch mit einer psychosozialen Fachkraft zusammenfahren, läuft das Projekt schon?

Konertz: Wir arbeiten sehr intensiv mit dem Gesundheitsamt daran. Noch in diesem Jahr wollen wir das Projekt auf die Straße bringen. Das Besondere ist, es ist eine Leistung, aber eine geteilte Finanzierung: Das Medizinische wird vom Rettungsdienst geleistet und von der GKV gezahlt, das Sozialpsychiatrische vom Gesundheitsamt. Für die Patienten ist das sehr gut. Meine Kollegen haben bereits im sozialpsychiatrischen Krisendienst hospitiert. Die Mitarbeiter dort geraten schnell an ihre Grenzen, sobald es in Richtung Somatik ging, und umgekehrt ist es bei uns. Wenn der Rettungsdienst zu psychiatrischen Patienten kommt, kann der damit nicht richtig umgehen, dann gibt es oft nur die Option Hospitalisierung, und das bringt keinem irgendetwas. Der Rettungsdienst ist bislang kein Teil der nicht-somatischen Hilfsnetzwerke, obwohl es für viele Patienten sinnvoll wäre.

Gemeinsame Leitstellen und Kooperationen

vdek: In Bremerhaven gibt es bereits technische Lösungen zur Weiterleitung von Anrufen zwischen der 112 des Rettungsdienstes und der 116117 des KV-Notdienstes – wie funktioniert das und wird das für Bremen überlegt?

Konertz: Das ist die UNCRI‑Schnittstelle. Sie wurde bislang mit der KV Niedersachsen getestet, da Bremerhaven auch angrenzende Landkreise bedient. Mit der KV Bremen gibt es noch Gespräche, die IT‑Seite ist dort noch nicht so weit. Mit Blick auf die Notfallreform wäre es am sinnvollsten, den Gedanken einer vernetzten Gesundheits- und Gefahrenabwehrleitstelle zu verfolgen, denn die beiden Bereiche sind an manchen Stellen stark verknüpft. Mit einer solchen gemeinsamen Leitstelle können Synergien im Gesundheitsbereich genutzt werden, mit einem gemeinsamen Erstabfrageprotokoll für alle Anrufe, der dann in die verschiedenen Optionen verzweigt. Das könnte von einem gemeinsamen Callcenter aus organisiert werden. Der steuernde Einfluss des Gesundheitssystems muss hier aber weit über die reine Mitfinanzierung hinausgehen.

vdek: Medical Desk – was ist das und was bringt das konkret?

Konertz: Das Vorbild kommt aus England („Clinical Hubs“), deutschlandweit sind wir meines Wissens einmalig. Wir rufen niedrig priorisierte Fälle zurück, re‑evaluieren sie und steuern falls möglich schon am Telefon um, z.B. zum Hausarzt oder zum KV-Notdienst. Etwa 10–15 Einsätze pro Tag können wir so ohne Ausfahrt lösen. Bei anderen Einsätzen des HanseSanis z.B. sind die Einsätze durchs Medical Desk zielführender, es muss weniger oft ein NTW oder RTW nachbestellt werden. Menschen wollen ernst genommen werden. Rückrufe und verlässliche Aussagen erhöhen die Akzeptanz auch von Wartzeiten bei nicht hoch prioritären Einsätzen enorm. Zusätzlich haben wir Telemediziner eingebunden, die insbesondere bei Verlegungen oder Klinik‑Anforderungen stark entlasten.

Reformauswirkungen auf Rettungsdienst

vdek: Welche Auswirkungen von Beitragsstabilisierung und Notfallreform erwarten Sie auf den Rettungsdienst?

Konertz: Ich habe volles Verständnis dafür, dass wir eine Beitragsstabilität haben müssen, um das Gesundheitssystem handlungsfähig zu halten. Aber die Vorschläge, die jetzt diskutiert werden, treffen besonders hart die Leistungserbringer, Kliniken und Versicherten. Aber Tarifsteigerungen und Sachkostensteigerungen sind nicht wegzudiskutieren. Wenn Kassen kein Ermessen mehr haben, führt das zwangsläufig zu Leistungskürzungen. Die Notfallreform sorgt hoffentlich dafür, dass vieles effizienter und günstiger, oder zumindest nicht teurer wird. Aber wenn man über Gesundheitsleitstellen spricht, sind erst einmal Investitionen nötig. Da wird auch der Rettungsdienst nicht mit zwei bis drei Prozent mehr Inflationsausgleich auskommen. Aber die in der Notfallreform geforderte Akutleitstelle ist mit politischem Willen machbar, trotz unterschiedlicher Interessenlagen.