Statement anlässlich der Pressekonferenz zum Start von „Deutschland erkennt Sepsis“ am 16.02.2021

„Eine Vorahnung, dass etwas Schwerwiegendes mit meinem Körper passiert“

von Arne Trumann

Portraitfoto Arne Trumann

Arne Trumann ist 2. stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Sepsis-Hilfe e. V. und Betroffener. Das nachfolgende Statement trug er auf der Pressekonferenz zum Kampagnenstart von „Deutschland erkennt Sepsis“ am 16. Februar 2021 vor. Es gilt das gesprochene Wort.

Guten Tag meine sehr verehrten Damen und Herren,

mein Name ist Arne Trumann und ich habe im Alter von 44 Jahren einen septischen Schock überlebt. Ich sitze hier stellvertretend für mehr als dreihunderttausend Menschen, die jährlich allein in Deutschland an einer Sepsis erkranken. Und für etwa fünfzehntausend Tote jedes Jahr, die noch leben könnten, wenn die Sepsis früher erkannt worden wäre.

Wie fühlt es sich an, wenn man einen septischen Schock erleidet?

Ich war mit einem grippalen Infekt Anfang Februar von meinem Hausarzt ein paar Tage krankgeschrieben. Über das Wochenende und den Montag und Dienstag.
Als alleinverdienender Familienvater mit drei Kindern im Alter von 16, 13 und 9 Jahren und einem Haus fühlt man sich sehr verantwortlich und geht auch schon einmal nicht so ganz auskuriert wieder ins Büro. Das habe ich dann am Mittwoch wieder gemacht, merkte aber, dass ich mich noch nicht wieder 100prozentig fit und gesund fühlte.

Am Freitag fühlte ich mich schon am Vormittag nicht gut und beschloss gegen Mittag Feierabend zu machen. Bis alle Dinge erledigt waren wurde es dann doch 16 Uhr. Ich fuhr mit dem Auto nach Hause. Dort so gegen 17:00 Uhr eingetroffen, legte ich mich gleich im Wohnzimmer aufs Sofa. Meine Familie war gerade nicht zu Hause. Obwohl ich mich hingelegt hatte, stellte sich kein Gefühl der Besserung ein. Ich fühlte mich sehr krank.

Automatische Bewegungen funktionierten nicht

Wir wohnen in einem kleinen Ort zwischen Hamburg und Bremen. Am Freitagnachmittag würde es schwierig werden, einen Arzt zu konsultieren.
Gegen 18:00 Uhr kam meine Frau mit den Kindern zurück vom Einkauf. Sie sprach mich auf dem Sofa an und fragte nach meinem Befinden. Ich sagte ihr, dass ich mich sehr schlecht fühlte und wir besser einen Arzt rufen sollten. Obwohl ich schon eine Stunde dort lag, wurde es einfach nicht besser. Da um diese Uhrzeit kein Arzt mehr Sprechstunde hatte und ich mich auch außerstande sah, irgendwo hinzufahren, rief meine Frau unter 116 117 den ärztlichen Notdienst.

Die diensthabende Praxis war eine Hausarztpraxis in einem 15 km entfernten Ort.
Den Vorschlag, mich in die Praxis zu bringen, verneinte meine Frau mit dem Hinweis auf meinen kritischen Zustand. Ich selbst stellte bei mir fest, dass ich gar keinen klaren Gedanken fassen konnte. Automatische Bewegungen funktionierten nicht und mussten sozusagen richtig gedacht werden, um sie auszuführen.

So krank wie niemals zuvor

So traf dann der niedergelassene Arzt etwa 45 Minuten nach dem Telefonat bei uns ein. Nicht sonderlich motiviert und die Anamnese des grippalen Infektes vor Augen, befragte er hauptsächlich meine Frau hinsichtlich meines Zustandes. Er erhielt Kenntnis von der Krankschreibung, dass ich ja immer zu wenig trinke und besser noch ein paar Tage hätte zu Hause bleiben sollen.

Er hat weder meinen Blutdruck gemessen noch den Puls gefühlt noch meine Temperatur gemessen. Sein Rat lautete, ich sollte mich mal ins Bett begeben und morgen sieht es sicher wieder besser aus. Meine Frau bat um einen Überweisungsschein für das Krankenhaus, falls sich mein Zustand noch weiter verschlechtern sollte. Den stellte er noch aus und verließ unser Haus mit den Worten: „Einen Krankenwagen rufen können Sie ja wohl selber."

Ich spürte zum ersten Mal das Gefühl, dass ich mich so krank wie niemals zuvor fühlte. Etwas Bedrohliches machte sich in mir breit. So etwas wie eine Vorahnung, dass etwas Schwerwiegendes mit meinem Körper passiert. Ich fühlte mich sterbenskrank. Das Denken fiel mir schwer.

Meine Frau entschied gegen 20:15 Uhr den Rettungswagen unter der 112 zu rufen.
Das Fahrzeug traf etwa 15 Minuten später bei uns ein. Der Notarzt sah meinen Zustand, untersuchte mich kurz, legte eine Infusion an. Er war Intensiv-Mediziner und erkannte schnell, dass es sich um einen septischen Schock handelte und ich sofort auf eine Intensivstation gebracht werden müsse. Wir dürften keine Zeit verlieren. Er vermutete bereits multiples Organversagen.

Nach einer etwa 45-minütigen Blaulichtfahrt über die Autobahn erreichten wir kurz nach 22:00 Uhr das Klinikum im 50 km entfernten Bremen. Unmittelbar nach dem Eintreffen auf der Intensivstation wurde ich in ein künstliches Koma versetzt, aus dem ich erst nach vier Wochen wieder aufwachen sollte.
Diese Krankheitsgeschichte ist leider kein Einzelfall und leider auch typisch für den Verlauf im Weiteren.

Ein Notfall wie Herzinfarkt oder Schlaganfall

Da nicht bekannt war, was letztlich die Sepsis ausgelöst hatte, musste zunächst der Erreger ausfindig gemacht werden, der zusätzlich zu dem grippalen Infekt das Immunsystem belastete. Der gesamte Körper wurde untersucht. Eine Gallenblasenoperation wurde durchgeführt, jedoch ohne Befund. Erst das Blutlabor-Ergebnis brachte Streptokokken-A Bakterien als Ergebnis. Zwischenzeitig hatte die Antibiotika-Behandlung begonnen, in deren Verlauf meine Finger- und Zehenspitzen schwarz wurden und zum Teil abstarben.

Für mich als leidenschaftlichen Klavierspieler eine sehr schmerzhafte Situation. Neun von zehn Fingern mussten operativ behandelt, bei sieben Fingern Glieder amputiert werden. Auch hier bin ich kein Einzelfall. Vielen Patienten müssen ganze Gliedmaßen, Füße, ganze Unterschenkel, Hände, ganze Unterarme, oft auf beiden Seiten amputiert werden. Und das nicht nur bei älteren Menschen, sondern auch bei Kindern und jungen Menschen, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben. Patienten, die vielleicht körperlich unversehrt scheinen, müssten damit rechnen, mit kognitiven Einschränkungen weiterleben zu müssen.

Sepsis ist ein Notfall wie Herzinfarkt oder Schlaganfall. Ein Patient mit einer Sepsis verliert pro Stunde zwischen vier und sieben Prozent Überlebenschance. Die Folgen einer zu spät erkannten Sepsis sind für die Patienten und ihre Gesundheit verheerend und müssten nicht sein. Das frühzeitige Erkennen einer Sepsis ist zwingend notwendig, um schwerwiegende Folgen zu verhindern. Es geht darum, möglichst viele unnötige Todesfälle zu vermeiden.

Helfen Sie mit, dass Deutschland richtig handelt.
Helfen Sie mit, dass Deutschland Sepsis erkennt.

Vielen Dank!

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