Einwurf

Organspende darf keine Blackbox sein

Eigentlich ist Organspende eine gute Sache. Organspende rettet Leben und mit ihr verbunden sind schöne Geschichten über die Solidarität der Menschen. Dass die Bereitschaft der Bürger, ein Organ zu spenden, bislang zögerlich war, hat unterschiedliche Gründe: religiöse und ethische Bedenken, Unwissenheit, auch Ängste, sich mit dem eigenen Tod auseinanderzusetzen. Jetzt gibt es einen weiteren Grund: Vertrauensverlust, hervorgerufen durch Berichte über erhebliche Unregelmäßigkeiten bei der Vergabe von Spendeorganen.

Die Prüfungs- und Überwachungskommission hat am Universitätsklinikum Göttingen schwere Verstöße festgestellt. Dort wurden für einzelne Patienten die an die Vergabestelle Eurotransplant zu übermittelnden Daten manipuliert, damit ihren Patienten auf der zentralen Warteliste eine höhere Priorität zuerkannt wird und somit frühzeitiger Transplantate zugeteilt werden. Es ist nicht auszuschließen, dass auch Geld geflossen ist. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wegen des Verdachts von Tötungsdelikten. Parallel wird in Regensburg wegen älterer Fälle von Unregelmäßigkeiten bei Organtransplantationen ermittelt.


Portrait Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des vdek

"Auch wenn derzeit 'nur' zwei Kliniken in den Skandal verwickelt sind, darf das Problem nicht verharmlost werden."

Ulrike Elsner

Vorstandsvorsitzende des vdek


Auch wenn derzeit „nur“ zwei Kliniken in den Skandal verwickelt sind, darf das Problem nicht verharmlost werden. Die Dimension des Skandals ist noch unklar, zudem scheint es beim Vergabe- und Kontrollverfahren Intransparenz zu geben. Es wurde nämlich auch festgestellt, dass zunehmend mehr Patienten Spenderorgane erhalten haben, obwohl sie laut Warteliste noch gar nicht an der Reihe gewesen wären. Dies ist auf das seit 2002 bestehende „beschleunigte Verfahren“ zurückzuführen, wonach Kliniken in bestimmten Fällen – wenn es sich um Organe von Menschen handelt, die entweder zu alt waren oder an einer Virus- oder Tumorerkrankung litten – selbst entscheiden können, an wen das Spendeorgan vergeben wird. Mittlerweile soll jedes vierte Herz, jede dritte Leber und jede zweite Bauchspeicheldrüse an der offiziellen Warteliste vorbei verteilt werden. Das ist zwar mit der Zunahme älterer Spender erklärbar, allerdings räumt auch Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery ein, dass dieser eigentlich gedachte „Sonderfall nicht zum Regelfall“ werden dürfe.

Ein Maßnahmenbündel aus intensiveren Kontrollen der Transplantationszentren, der Einführung eines Sechsaugenprinzips bei der Vergabe von Organen, stärkeren Dokumentations- und Veröffentlichungspflichten, der Überprüfung der Sanktionsmöglichkeiten im Berufsrecht durch die Länder und der Verfahren zur Qualitätssicherung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) soll nun helfen, Licht in das Dunkel zu bringen. Ob das reicht, bleibt abzuwarten. Die Krankenkassen hatten mehr gefordert. Sie wollten, dass Ärzte, Krankenhäuser und Krankenkassen in gemeinsamer Verantwortung Regeln für ein transparenteres Vergabeverfahren aufstellen. Das geeignete Gremium hierfür wäre der G-BA gewesen. Aber so weit wollte der Gesetzgeber – auf Widerstand der Ärzte – dann wohl doch nicht gehen. Bleibt zu hoffen, dass der Skandal nicht weitere Kreise zieht und das Vertrauen der Menschen in die Organspende langsam, aber sicher wieder wächst.

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