Komplexe Strukturen, häufige Arztbesuche und eine dem Versorgungsanlass unangemessene Wartezeit zeigen: Die ambulante Versorgung braucht mehr Steuerung. Der vdek beteiligt sich intensiv an den Arbeiten zur Einführung eines digital gestützten Primärversorgungssystems. Es soll mehr Orientierung bieten, Ressourcen schonen und Patient:innen schneller zur passenden Behandlung führen.
Die ambulante Versorgung in Deutschland steht unter Druck. Für viele Versicherte ist das System unübersichtlich, für Ärztinnen und Ärzte zunehmend belastend. Der offene Zugang zu nahezu allen Facharztgruppen, fehlende Koordination und einzelne Elemente des Vergütungssystems führen dazu, dass vorhandene Kapazitäten nicht zielgerichtet genutzt werden. Die Folgen sind hohe Arztkontaktzahlen, überlastete Strukturen und teilweise lange Wartezeiten – insbesondere auf bestimmte fachärztliche Termine.
Deutschland liegt mit durchschnittlich 9,7 Arztkontakten pro Jahr an der Spitze vergleichbarer Länder. Gleichzeitig wartet ein Drittel der Patient:innen länger als drei Wochen auf einen Facharzttermin. Und das, obwohl die Zahl der Ärzt:innen und vor allem die Ausgaben für die ambulante Versorgung in den vergangenen Jahren rasant gestiegen sind. Diese Parallelität von Über- und Unterversorgung ist ineffizient, kostenintensiv und zunehmend frustrierend – für alle Beteiligten. Deshalb muss die Primärversorgung neu gedacht werden: Ein bloßes „Mehr“ an Leistungen kann nicht die Antwort sein. Notwendig ist vielmehr ein System, das zuverlässig steuert, medizinisch Sinnvolles priorisiert und Patient:innen sicher durch die Versorgung leitet.
Ersteinschätzung und Terminvermittlung sind entscheidende Tools
Der vdek unterstützt die Regierungskoalition bei ihren Plänen für mehr Steuerung und setzt hier mit einem klaren Konzept an: einem digital unterstützten, in der Regelversorgung verankerten Primärversorgungssystem. Ziel ist es, Patient:innen von Beginn an Orientierung zu geben und sie bedarfsgerecht zur richtigen Anlaufstelle zu führen. Kernbestandteil ist eine einheitliche und verbindliche Ersteinschätzung des Behandlungsbedarfs und der Dringlichkeit – unabhängig davon, ob der Zugang telefonisch, digital oder direkt in einer Praxis erfolgt.
Diese softwarebasierte Ersteinschätzung sorgt für eine sichere Analyse des Bedarfs, für Transparenz und Verlässlichkeit. Mit dieser Information wird entschieden, ob eine hausärztliche oder fachärztliche Behandlung erforderlich ist, ob eine Videosprechstunde ausreichend wäre oder ob gegebenenfalls gar kein Arztkontakt notwendig ist. In letzterem Fall erhalten Versicherte fundierte Empfehlungen zur Selbstbehandlung und zur weiteren Beobachtung ihres Gesundheitszustands. Medizinische Notfälle werden in der Ersteinschätzung direkt in die Notfallversorgung gesteuert.
Ein weiterer zentraler Baustein ist die digitale Terminvermittlung. Nach erfolgter Ersteinschätzung sollen Patient:innen zeitnah einen dem Versorgungsanlass angemessenen Termin erhalten – über eine bundeseinheitliche Plattform, telefonisch über die Rufnummer 116117 oder auf digitalem Weg, zum Beispiel über die Apps der Krankenkassen. Voraussetzung dafür ist, dass freie Termine systematisch erfasst und nach Dringlichkeit vergeben werden. So wird der diskriminierungsfreie Zugang zur Versorgung gestärkt und die Wartezeit insbesondere für dringliche Fälle verkürzt.
Gesundheitsfachberufe effizient einsetzen
Die hausärztlichen Praxen nehmen im Primärversorgungssystem in der Regel eine koordinierende Rolle ein. Unterstützt durch qualifizierte Gesundheitsfachberufe wie Physician Assistants oder nichtärztliche Praxisassistent:innen können viele Behandlungsanlässe abschließend in der Primärversorgung bearbeitet werden. Das entlastet Ärztinnen und Ärzte, stärkt Teamarbeit und schafft Freiräume für komplexe Fälle.
Digitale Instrumente wie die elektronische Überweisung und perspektivisch die Anbindung an die elektronische Patientenakte verbessern zudem den Informationsfluss zwischen den Versorgungsbereichen. Doppeluntersuchungen werden vermieden, Behandlungsprozesse beschleunigt und Bürokratie reduziert. Gerade im ländlichen Raum eröffnen solche Strukturen neue Möglichkeiten, Versorgung verlässlich sicherzustellen.
Ein gut funktionierendes Primärversorgungssystem ist damit kein Selbstzweck. Es verbessert die Versorgung für Patient:innen, entlastet die Leistungserbringenden und trägt zur Stabilisierung der GKV Finanzen bei. Entscheidend ist, dass Steuerung nicht als Einschränkung, sondern als Unterstützung verstanden wird: als Hilfe, schneller die richtige Versorgung zu erhalten.
Der vdek ist überzeugt: Eine gezielt gesteuerte Primärversorgung ist der Schlüssel zu mehr Effizienz, besserer Qualität und langfristiger Stabilität im Gesundheitssystem. Jetzt kommt es darauf an, die Strukturen der Regelversorgung konsequent weiterzuentwickeln und die vorhandenen digitalen Möglichkeiten sinnvoll zu nutzen.
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