Vertreterinnen und Vertreter aus dem Gesundheitswesen haben am 24. Juni 2026 auf dem Hauptstadtkongress (HSK) in Berlin unter dem Titel Quo vadis GKV – Stabile Finanzen für eine bezahlbare Versorgung darüber diskutiert, wie die Finanzierungslücke in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) geschlossen werden kann. Dabei wurde deutlich: Über die Stabilisierung der GKV-Finanzlage hinaus besteht die Herausforderung darin, die Versorgungsstrukturen neu auszurichten.
Auf dem Podium (v. l.): Dr. Martin Albrecht (IGES Institut), Ulrike Elsner (vdek), Dr. Ina Lucas (ABDA), Prof. Dr. Dirk Heinrich (Virchowbund), Thomas Bublitz (BDPK), Moderator Thomas Hommel (Ärzte Zeitung)
Den finanziellen Rahmen der Debatte skizzierte eingangs Dr. Martin Albrecht, Geschäftsführer des IGES Instituts. Er bezeichnete die Situation der GKV-Finanzen als „ernst, aber nicht hoffnungslos“. Das Grundproblem für die wachsende Finanzierungslücke sei hinreichend bekannt: die Ausgaben wachsen schneller als die beitragspflichtigen Einnahmen. Anhand von IGES-Projektionen der Jahre 2025 bis 2035 verdeutlichte Albrecht, dass sich die Finanzierungslücke ohne Reformen innerhalb von nicht einmal zehn Jahren der Marke von 100 Milliarden Euro annähern könnte. Das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz könne zwar Entlastungen bringen, dies allein würde aber nicht ausreichen, um die langfristigen Finanzprobleme zu lösen. Ausgabendämpfung hat aus Sicht des Gesundheitsökonomen aktuell zwar Priorität, aber es brauche auch eine Perspektive der strukturellen Reformen. Zudem sei eine nachhaltige Stärkung der Einnahmebasis dringend vonnöten, da die GKV angesichts der demografischen Entwicklung und Überalterung der Gesellschaft stark unter Druck stehe. „Hier ist der Schlüssel die Steigerung von Umfang und Produktivität der Beschäftigung“, so Albrecht und verwies dabei auch auf eine kürzlich veröffentlichte Studie im Auftrag des Verbandes der Ersatzkassen e. V. (vdek).
In der anschließenden Diskussion bezeichnete die vdek-Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner die Ausgabenkonsolidierung im Gesundheitswesen als alternativlos. Darüber hinaus bekräftigte sie, dass das Prinzip der einnahmeorientierten Ausgabenpolitik die Grundlage für stabile GKV-Finanzen sei: „Es muss zukünftig über alle Leistungsbereiche hinweg wieder eingehalten werden und für eine angemessene Steigerung von Vergütungen und Preisen sorgen.“ Wichtig sei, auch bei der Entwicklung der Leistungsmenge zu wirksamen Steuerungsinstrumenten zurückzukehren. Zugleich warb Elsner dafür, die aktuelle Konsolidierungsdebatte stärker mit der dringend notwendigen Versorgungsreform zu verknüpfen. Denn entscheidend sei die Frage, wie die vorhandenen Mittel künftig effizienter eingesetzt werden können. Dafür brauche es ein Primärversorgungssystem und eine gezielte Patientensteuerung in die richtigen Versorgungsebenen.
Systemumbau im Zeitalter leerer Kassen
Bei der Podiumsdiskussion „Finanzierung des Systemumbaus im Zeitalter leerer Kassen“ am 24. Juni 2026 auf dem Hauptstadtkongress (HSK) stand die Transformation der Krankenhauslandschaft im Blickpunkt der Debatte. Während der Diskussionsrunde, an der die vdek-Vorstandsvorsitzende Ulrike Elsner sowie mehrere Krankenhausvertreterinnen und -vertreter teilnahmen, wurde deutlich, dass es notwendig ist, bestehende Strukturen weiterzuentwickeln, Bürokratie zu reduzieren und die Versorgung stärker sektorenübergreifend zu organisieren. „Wir müssen die Brücke zwischen Notfallversorgung, ambulanter und stationärer Versorgung schlagen, Patientinnen und Patienten besser steuern und schauen, welche Leistungen wo am sinnvollsten erbracht werden. Gleichzeitig gibt es viele bürokratische Vorgaben, die wir gemeinsam abbauen könnten“, betonte Elsner.
Ein intelligenter Einsatz von Versorgungsressourcen war auch für die Vizepräsidentin der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände e. V., Ina Lucas, ein wichtiges Anliegen. Dabei brachte sie eine stärkere Einbindung der Apotheken bei Prävention, Früherkennung und Primärversorgung ins Spiel. Für eine ehrlichere Debatte beim Thema GKV-Finanzen sprach sich der Virchowbund-Vorsitzende Dr. Dirk Heinrich aus. Wenn die Gesundheitskosten für Bürgergeldbeziehende durch den Staat übernommen würden, wäre mehr Luft für Strukturreformen. Thomas Bublitz, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Deutscher Privatkliniken e. V. (BDPK), betonte, dass auch die Krankenhäuser ihren Beitrag für eine effizientere Versorgung leisten wollten, verwies aber zugleich auf Herausforderungen für die Krankenhäuser.
Breiter Konsens bestand in der zentralen Rolle, die die Digitalisierung in einem digital gestützten Primärversorgungssystem mit stärkerer Patientensteuerung spielen soll. Im Kern geht es um eine einheitliche und verbindliche digitale Ersteinschätzung des Behandlungsbedarfs, der erfolgt, bevor Patientinnen und Patienten Arztpraxen, Notaufnahmen oder andere Ver-sorgungsangebote aufsuchen. Mit diesem Instrument wird der individuelle Behandlungsbedarf eingeschätzt und ein geeigneter Versorgungspfad empfohlen. Dadurch lassen sich Ressourcen gezielter einsetzen und unnötige Arztkontakte vermeiden.