Interview mit Andreas Westerfellhaus

„Die Pflegekräfte sind selbstbewusster geworden“

Die Politik hat erste Schritte eingeleitet, um den Pflegeberuf zu stärken: Neue Stellen werden geschaffen, die Arbeitsbedingungen sollen verbessert, die Kompetenzen gestärkt und die Ausbildung modernisiert werden.

Andreas Westerfellhaus ist seit April 2018 der Pflegebevollmächtigte der Bundesregierung. Im Interview mit ersatzkasse magazin. spricht er über die Anforderungen und Qualität in der Pflege, die Finanzierung von Pflegestellen und darüber, wie Menschen für den Pflegeberuf gewonnen werden können.

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Andreas Westerfellhaus, Pflegebevollmächtigter der Bundesregierung

Sie haben selbst in der Krankenpflege gearbeitet. Wie hat sich der Pflegeberuf in den letzten Jahrzehnten entwickelt?
Zwischen dem Pflegeberuf damals und heute gibt es erhebliche Unterschiede. Es fängt damit an, dass ich während meiner Ausbildung in der Krankenpflege von 1973 bis 1976 einer von nur ganz wenigen männlichen Auszubildenden war. Da hat sich zum Glück viel getan. Dann sind die Ausbildungsgrundlagen andere, wissenschaftlich evaluierte Prozesse erhalten weitaus mehr Einzug. Und natürlich haben sich Tätigkeit und Arbeitsweise der Pflegekräfte verändert. Früher war der Pflegeberuf eine sehr stark ausgeprägte assistierende Tätigkeit, was auch mit Krankheitsbildern und Verweildauern zu tun hat. Während ein Patient beispielsweise mit der Diagnose Gallensteine damals gut zwei Wochen im Krankenhaus blieb, geht er heute nach drei Tagen wieder nach Hause. Großen Anteil an dieser Entwicklung hat der medizinische Fortschritt, was erst einmal gut ist. Aber diese Komprimierung und Konzentration wirken sich zwangsläufig auf die Belastung der Pflegekräfte und das Verhältnis von Patient und Pflegekraft aus.

Gilt das auch für die Altenpflege?
Ja, auch die Anforderungen in der Altenpflege sind andere als vor 20 Jahren. Die Menschen sind heute in der Regel sehr hochbetagt und multimorbide, wenn sie ins Heim kommen. Sie brauchen viel mehr medizinische Behandlung als früher. Das setzt andere Kompetenzen bei den Pflegekräften voraus, deshalb haben wir ja die generalistische Pflegeberufsausbildung auf den Weg gebracht. Was auffällt ist aber, dass Pflegekräfte sowohl im Krankenhaus als auch in der Altenpflege häufig beklagen, sich einfach zu wenig Zeit für den Patienten nehmen zu können. Pflegekräfte arbeiten zu oft am Limit, dabei bleibt die soziale Zuwendung für die Pflegebedürftigen auf der Strecke.

Nehmen wir die Altenpflege in den Blick. Hier hat es in den letzten Jahren sichtbare Verbesse­rungen bei den Leistungen für Pflegebedürftige gegeben. Nun stehen die Pflegekräfte im Fokus. Ein überfälliger Schritt?
Dass zuletzt mit den Pflegestärkungsgesetzen die Situation der Pflegebedürftigen verbessert wurde, war richtig und gut. Natürlich hätte man in dem Zuge direkt mitdenken können und sollen, wie sich diese Leistungsverbesserungen auf den Bedarf an Pflegekräften auswirken, anstatt Fragen nach Leistungen und Umsetzung getrennt voneinander zu beantworten. Daher ja, es ist überfällig, dass die Pflegefachkräfte im Fokus stehen. Jetzt wurden mit dem Pflegepersonal-Stärkungsgesetz 13.000 vollfinanzierte Stellen für die medizinische Behandlungspflege geschaffen. Dieses Mehr an Pflegekräften geht übrigens nicht zulasten des Eigenanteils der Pflegebedürftigen. Aber selbst darauf folgt gerne direkt der Vorwurf, dass diese 13.000 Köpfe nicht reichen. Und ja, das stimmt, es sind zu wenige, aber es ist ein wichtiger Anfang. Das sagt auch der Bundesgesundheitsminister, es ist ein Einstieg in den Prozess, nicht das Ende der Fahnenstange. Der wichtige Punkt ist, dass die Finanzierung der Stellen sichergestellt ist. Natürlich ist damit noch nicht die Frage beantwortet, wie diese Stellen besetzt werden können.

Welche Möglichkeiten sehen Sie?
Nötig ist ein Blumenstrauß an Maßnahmen. Wir können den Blick auch nicht nur auf beispielsweise den Krankenhaussektor richten, sondern müssen das Gesamtspektrum der Pflege vor Augen haben. Wenn ich nun 13.000 Stellen mit Altenpflegefachkräften besetzen will, muss ich auch schauen, wo die anderen Pflegefachkräfte tätig sind. Es besteht immer die Gefahr, dass Pflegekräfte woanders entzogen werden. Also gut, woher nun nehmen? Da müssen Sie bei der Ausbildung anfangen. In der Vergangenheit haben wir in der Krankenpflege leider mit reglementierten Ausbildungsplätzen gearbeitet. Es gab Menschen, die wollten gerne in die Pflege, aber die Ausbildungsplätze wurden nicht finanziert. Zudem haben wir nicht dafür gesorgt, dass die Auszubildenden für beide Pflegezweige, also Krankenhaus- und Altenpflege, qualifiziert sind. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass die Ausbildung eine Lernzeit ist, die theoretisch gut untermauert sein und in der Praxis eine gute Begleitung erfahren muss. Es kann nicht sein, dass aufgrund von Personalmangel die Auszubildenden schon früh als Vollzeitarbeitskräfte behandelt und eingesetzt werden.

Was muss auf eine gute Ausbildung folgen?
Es müssen Karrierechancen ermöglicht werden. Viele hochqualifizierte Pflegekräfte fragen, warum sie einige Dinge eigentlich nicht machen dürfen. Häufig sind sie abhängig von der Delegation eines Arztes, zum Beispiel bei der Versorgung chronischer Wunden, und dabei hat der Arzt in dem Bereich häufig gar nicht die Kompetenzen wie eine Pflegefachkraft. Sie möchten gerne dort, wo sie sich gut auskennen, selbst Diagnosen stellen und entscheiden. Mangelnde Autonomie wird sehr oft beklagt im Pflegeberuf. Abhilfe an dieser Stelle schafft das neue Pflegeberufegesetz. Es sieht in § 4 vorbehaltene Tätigkeiten vor und in § 19 die Befähigung zur selbstständigen Heilbehandlung.

Wie wirkt sich das auf die Versorgung aus?
Letztlich führt diese Ausweitung zu mehr Versorgungssicherheit. Denn in allen Berufsgruppen fehlen Fachkräfte, bei den Ärzten und Physiotherapeuten genauso wie in der Pflege. Wenn wir Versorgungssicherheit ernst nehmen, müssen wir die Aufgabenverteilung auf den Prüfstand stellen und die Zusammenarbeit neu justieren. Wir können nicht wie in den letzten 20 Jahren die Anforderungen in der Pflege für die nächsten 20 Jahre so belassen, weder unter finanziellen noch berufsrechtlichen Gründen. Wir brauchen die Entwicklung von Kompetenzen, wir brauchen Augenhöhe, aber Grabenkämpfe brauchen wir keine. Wir müssen sehen, was wir gemeinsam im Sinne des Patienten anders gestalten können. Es darf nicht darin enden, dass wir sagen, jetzt ist keiner da, dann wird es auch nicht gemacht.

Diskutiert wird die Anwerbung von Pflegekräf­ten aus anderen Ländern. Im Oktober legte die Bundesregierung Eckpunkte zur Fachkräfteeinwanderung aus Drittstaaten vor. Macht das Sinn?
Grundsätzlich denke ich, dass ein reiches Land wie Deutschland sich zunächst Gedanken machen sollte, welche Antworten es selbst auf den Fachkräftemangel geben kann. Wir sollten nicht in erster Line darüber nachdenken, wie wir vielleicht das, was wir über Jahre versäumt haben, jetzt zulasten anderer Länder erledigen können, in denen Pflegekräfte auch gebraucht werden. Aber ja, als ergänzende Maßnahme ist es sinnvoll, über die Eingliederung von Pflegekräften aus anderen Ländern nachzudenken. Dafür wiederum müssen entsprechende Voraussetzungen geschaffen werden. In der Konzertierten Aktion Pflege beschäftigen wir uns beispielsweise mit der Herausforderung, Anerkennungsverfahren zu standardisieren und zu vereinfachen, damit die Bundesländer nicht unterschiedliche Strukturen und Anforderungen festlegen. Wir brauchen eine bundesweit einheitliche Anlaufstelle. Dazu kommt, dass ausreichende Sprachkenntnisse vorhanden sein müssen. Und wir müssen die Pflegekräfte aus anderen Ländern gut in die Einrichtungen integrieren. Aber mit der Eingliederung allein können wir natürlich nicht den Fachkräftemangel beantworten. Schon aus dem einen Grund nicht, dass viele Unternehmen bereits versucht haben, Pflegekräfte aus Ländern wie Spanien, Portugal und Griechenland anzuwerben, doch waren und sind diese teilweise viel zu hoch qualifiziert.

Findet auch eine Abwanderung von Pflegekräften aus Deutschland ins Ausland statt?
Diese Abwanderung hat es immer schon gegeben. Doch sie tritt jetzt tatsächlich stärker auf, eben aufgrund fehlender Autonomie, mangelnder Wertschätzung, einer höheren Belastung und auch aufgrund der Bezahlung. Diese Wanderungsbewegung ist gerade in den Grenzregionen nicht unerheblich. Daher sollten wir nicht nur danach fragen, wie sich Pflegekräfte gewinnen, sondern auch halten lassen. Und das geht nur mit guten Arbeitsbedingungen.

Wie sehen gute Arbeitsbedingungen in der Pflege aus?
Im Kern beklagen Pflegekräfte fehlende Zeit. Die Zeit fehlt ihnen, weil sie zu wenige Kollegen haben. Sie haben keine Dienstpläne, die es ihnen ermöglichen, ihre Freizeit zu planen und zu gestalten. Eine Stellschraube wären daher Arbeitszeitmodelle. Wie bewege ich Pflegekräfte dazu, ihre Stundenzahl wieder aufzustocken bzw. wie senke ich die Belastung, damit sie ihre Stundenzahl nicht reduzieren müssen? In Schweden gibt es Modelle, da sind 20 Prozent der Tätigkeit als Vertrauensarbeit und Regeneration definiert. Dort sind die Kollegen gesünder, es gibt weniger Ausfallzeiten, wieder mehr Kollegen, mehr planbare Zeit. Wenn Schweden damit Erfolg hat, finde ich, dass wir das auch in Deutschland ruhig mal diskutieren dürfen. Übrigens gibt es solche Modelle bereits in der deutschen Chemie- und Metallbranche.

Sie haben das „Projekt zur Umsetzung guter Arbeitsbedingungen in der Pflege“ gestartet. Wie genau sieht das Projekt aus und was wollen Sie damit erreichen?
Wir wissen von Einrichtungen, in denen überhaupt kein Personalmangel herrscht. Und wieso nicht? Weil sie ihre Mitarbeiter motivieren und mitarbeiterorientiert arbeiten. Wir wollen diese guten Arbeitsbedingungen herausfiltern, Lösungsansätze anbieten und zeigen, wie man diese umsetzen kann. In dem Projekt wollen wir Altenpflegeeinrichtungen schulen und dabei helfen, ihre Personalführung zu verbessern. Dazu lassen wir einen Instrumentenkoffer mit Best Practice-Beispielen entwickeln, aus dem die Einrichtungen Hilfreiches schöpfen können. Gerade kleine Unternehmen haben Probleme, mitarbeiterfreundliche Arbeitszeitmodelle oder andere Motivationsinstrumente anzubieten. Zum Beispiel wissen manche Einrichtungsleiter nicht, dass es Dienstplanmodelle wie etwa „3 Tage Arbeit, 3 Tage frei“ gibt, die funktionieren und die Mitarbeiter wesentlich zufriedener machen. An dieser Stelle wollen wir ihnen gezielt etwas an die Hand geben. Wir verstehen es als unterstützende Maßnahme für die, die wollen. Die Rückmeldungen bislang zeugen von einem großen Bedarf.

Müssen die Pflegekräfte auch selbst etwas tun, um ihre Situation zu verbessern?
Natürlich. Die Pflegekräfte – und wir sprechen hier von einer großen Berufsgruppe mit 1,2 bis 1,4 Millionen Fachkräften – haben es leider damals versäumt, sich zu organisieren und für sich selbst einzutreten. Man ist immer schnell dabei, Missstände zu beschreiben, aber es muss auch darum gehen, sich dafür einzusetzen, Dinge zu ändern und die eigene Verantwortung im System wahrzunehmen. Dieser Anspruch hat mich auch als Präsident des Deutschen Pflegerats jahrelang umgetrieben. Deswegen bin ich ein großer Verfechter der Selbstverwaltung. Ich denke, die Pflegekräfte müssen ihre Angelegenheiten in die eigenen Hände nehmen, denn dafür sind sie qualifiziert. Sie sollten dann auch über ihre eigene Berufsordnung abstimmen. Zum Glück hat sich das Selbstbewusstsein im Pflegeberuf in den letzten Jahren sehr verändert. Entsprechend selbstbewusst können die Pflegekräfte auftreten, und zwar im Sinne einer ganzheitlichen Versorgung des Patienten und im Kontext des Miteinanders, nicht zur Abgrenzung von anderen Berufsgruppen.

Was muss eine gute Pflegekraft verdienen?
Die Pflegekraft muss für ihre wertvolle Arbeit gut bezahlt werden. In der Pflege geht es um Lebensqualität, um Lebensgrenzen, um Ethik und um Würde, um die Sicherstellung von Versorgung. Es ist eine Arbeit, die Konsequenzen hat, was Gesundheit und Lebensqualität angeht. Diese hohen Anforderungen müssen aufgewertet werden und sich im Gehalt widerspiegeln. Derzeit haben wir regionale Gehaltsunterschiede und auch ein Gehaltsgefälle zwischen Alten- und Krankenpflege von durchschnittlich 600 Euro monatlich, was nicht einzusehen ist. Flächendeckende Tariflöhne sind hier ein Muss.

Wer soll das finanzieren? Die 13.000 Stellen in der Altenpflege beispielsweise trägt allein die gesetzliche Krankenversicherung.
Zunächst stehen die Pflege- und Krankenversicherung in der Verantwortung. Ich sage es mal mit meinen Worten: Die Versicherungsunternehmen verwalten das Geld der Versicherten und sind dafür verantwortlich, dass es gut in der Versorgung eingesetzt wird. Wenn sich die Versicherungsunternehmen nur aufs Geld Einsammeln beschränken und fürs Ausgeben keine Antworten haben, reicht das nicht. Wir müssen sicherstellen, dass das Geld sinnvoll ausgegeben wird, und dazu zählt auch die Bezahlung guter Pflegekräfte. Aber natürlich kann das nicht das einzige Standbein sein. Die Sicherstellung qualitativ hochwertiger Pflege ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Der Beitragssatz für die gesetzliche Pflegeversicherung steigt 2019 um 0,5 Prozentpunkte an. Findet das Akzeptanz in der Bevölkerung?
Wenn wir repräsentativen Studien glauben dürfen, sind die Bürger zu Beitragserhöhungen bereit unter der Bedingung, dass sich etwas ändert in der Versorgung und diese besser wird. In dem Zusammenhang muss auch die Frage erlaubt sein, ob die Prioritäten im Gesundheitswesen richtig gesetzt sind. Geben wir das Geld an den richtigen Stellen aus? Ich finde, man sollte auch mal darüber nachdenken, Prävention und Rehabilitation viel mehr zu stärken. Wie kann ich Pflegebedürftigkeit verhindern? Wie kann ich selbstbestimmtes Leben fördern? Wie kann ich einem 80-Jährigen rehabilitative Maßnahmen zukommen lassen, die ihn für ein oder zwei Jahre unabhängiger machen? Hier gewinnt der Gedanke von Prävention und Rehabilitation eine ganz große Bedeutung.

Und wie viel Verantwortung sollte der Staat tragen?
Am Ende dürfen steigende Kosten nicht nur an den unmittelbar betroffenen Pflegebedürftigen hängen bleiben. Pflege geht jeden an und jeder Zweite fühlt sich schon heute persönlich von Pflege tangiert. Deshalb müssen schlicht und einfach auch alle an der Finanzierung beteiligt werden. Kosten einer gesamtgesellschaftlich so prägenden Aufgabe wie die Begleitung von Menschen im Alter und bei Krankheit müssen auf möglichst breite Schultern verteilt werden. Ob man das über Versicherungsbeiträge in der gesetzlichen und privaten Krankenversicherung oder über Steuermittel macht, ist für mich vor allem eine Frage der Praktikabilität und des Bedarfs.

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