Medizin und Geburt

Stärker auf die Bedürfnisse von Frauen ausrichten

Ob Mann oder Frau, das Geschlecht ist ein individueller Faktor mit großem Einfluss auf die Entstehung, den Verlauf und die Behandlung von Krankheiten. Das derzeitige medizinische Wissen bezieht sich bisher jedoch allzu oft auf Erkenntnisse über den männlichen Organismus. Die Folge kann sein, dass Erkrankungen bei Frauen, zum Beispiel ein Herzinfarkt, falsch diagnostiziert und Therapien zu spät eingeleitet werden. Alarmierend beim Thema Frauengesundheit ist auch die zunehmende Pathologisierung und Medikalisierung rund um die Geburt.

Die Alarmzeichen eines Herzinfarktes äußern sich bei Frauen völlig anders als bei Männern. Die klassischen Symptome bei Männern kennen die meisten: Schmerzen im Brustraum, die in Arme, Oberbauch, Rücken, Hals und Kiefer ausstrahlen können. Weniger bekannt und unspezifischer sind dagegen die bei Frauen überwiegend auftretenden Symptome. Dazu gehören beispielsweise starke Kurzatmigkeit, Übelkeit, Erbrechen oder auch Beschwerden im Oberbauch. Nur wenn die frauenspezifischen Symptome bekannt sind und richtig gedeutet werden, kann die richtige Diagnose gestellt und die für einen Herzinfarkt enorm wichtige schnelle Hilfe eingeleitet werden. Wir brauchen deshalb eine geschlechtersensible Gesundheitsforschung und medizinische Versorgung.

Die Geburt eines Kindes ist keine Krankheit

Ein weiteres Beispiel, warum das Thema Frauengesundheit ein zentrales Anliegen meiner Arbeit im Verwaltungsrat der BARMER ist, ist die zunehmende Pathologisierung und Medikalisierung rund um die Geburt. Dies führt dazu, dass nur noch wenige Frauen eine natürliche Geburt erleben. Die Geburt eines Kindes ist aber keine Krankheit, sondern ein natürlicher Vorgang. Ohne Zweifel gehört es zu den Erfolgsgeschichten der modernen Medizin, dass die Mütter- und Säuglingssterblichkeit in Deutschland in den letzten Jahrzehnten deutlich gesunken sind. Dennoch stellt sich die Frage, wie wir sicherstellen können, dass Schwangeren die Möglichkeiten moderner Medizin zugutekommen und gleichzeitig Eingriffe wie Kaiserschnitte nur dann erfolgen, wenn sie aus medizinischer Sicht erforderlich sind. Deshalb fordern wir für die Frauen eine individuelle, qualifizierte Beratung und Begleitung, damit sie für sich selbst eine informierte Entscheidung für die Förderung und Erhaltung ihrer Gesundheit treffen können.

Nationales Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“

Ein Meilenstein auf dem Weg zu einer besseren, gesünderen und von den Frauen selbstbestimmten Schwangerschaft und Geburt ist das im Jahr 2017 veröffentlichte nationale Gesundheitsziel „Gesundheit rund um die Geburt“. Dessen Umsetzung ist jetzt vorrangige Aufgabe aller Beteiligten im Gesundheitswesen, damit die Frauen ins Zentrum des Geschehens rücken und gut informiert in allen Phasen der Schwangerschaft und Geburt über die notwendigen Maßnahmen mitbestimmen können.

Porträt von Ulrike Hauffe

 

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