Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ Gesundheit)

Was Daten über Versorgung sichtbar machen können

Werden Frauen und Männer gleich gut versorgt? Wie häufig werden seltene Erkrankungen diagnostiziert – und wie werden Betroffene versorgt? Viele Antworten liegen möglicherweise bereits in Routinedaten. Entscheidend ist, sie so nutzbar zu machen, dass Forschung möglich wird und sensible Daten geschützt bleiben. Das Forschungsdatenzentrum Gesundheit (FDZ Gesundheit) ist hier ein zentraler Baustein.

Illustration von Medikamenten beziehungsweise deren Verpackung: ein Blister, eine Dose, eine Faltschachtel

Wer wissen will, wie gut ein Gesundheitssystem funktioniert, braucht mehr als einzelne Momentaufnahmen. Klinische Studien beantworten wichtige Fragen, arbeiten aber meist mit ausgewählten Populationen. Versorgungsdaten eröffnen eine andere Perspektive: Sie zeigen, welche Diagnosen gestellt, welche Arzneimittel verordnet und welche Leistungen im Alltag tatsächlich in Anspruch genommen werden – über lange Zeiträume und über Sektorengrenzen hinweg.

Genau hier setzt das FDZ Gesundheit am Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) an. Seit Oktober 2025 können dort pseudonymisierte Abrechnungsdaten der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) für gesetzlich festgelegte Zwecke genutzt werden. Die Daten reichen bis 2009 zurück und bilden mit rund 74 Millionen Versicherten circa 90 Prozent der Bevölkerung ab. Weil das Pseudonym einer Person über die Jahre hinweg stabil bleibt, lassen sich auch längerfristige Versorgungspfade untersuchen. Die Größenordnung allein ist jedoch noch kein Erkenntnisgewinn. Entscheidend ist, welche Fragen sich mit den Daten sinnvoll beantworten lassen. Wie häufig werden seltene Erkrankungen diagnostiziert? Unterscheiden sich Behandlung und Mortalität zwischen Frauen und Männern? Wo zeigen sich Lücken bei Impfungen?

Solche Analysen können besonders dort wertvoll sein, wo klassische Studien wegen kleiner Fallzahlen, langer Beobachtungszeiträume oder hoher Kosten an Grenzen stoßen. Die Daten des FDZ Gesundheit ermöglichen populationsnahe Analysen des realen Versorgungsgeschehens. Das bedeutet aber nicht, dass sie jede Forschungsfrage beantworten können. Denn Abrechnungsdaten sind Sekundärdaten. Sie entstehen in erster Linie im Zuge von Versorgung und Abrechnung, nicht für ein konkretes Forschungsprojekt. Eine dokumentierte Diagnose ist deshalb nicht automatisch mit dem Beginn einer Erkrankung gleichzusetzen. Veränderungen in Fallzahlen können auch durch neue Kodierpraxis, Screeningprogramme oder veränderte Versorgung entstehen. Gute Forschung mit Routinedaten beginnt daher mit einer ebenso wichtigen Frage wie der eigentlichen Forschungsfrage: Was bilden diese Daten ab – und was nicht? 

Dass Gesundheitsdaten hochsensibel sind, prägt die Architektur des FDZ Gesundheit. Damit wird auch der Zugang zu Versorgungsdaten einfacher: Statt individuelle Datenüberlassungsverträge auszuhandeln oder für den Datenzugang ein Ethikvotum vorzulegen, stellen Forschende einen digitalen Antrag beim FDZ Gesundheit, das die gesetzlichen Voraussetzungen und die Plausibilität des beantragten Datenzuschnitts prüft. Forschende erhalten dann keinen frei verfügbaren Datensatz, sondern arbeiten in einer sicheren Verarbeitungsumgebung. Dort entwickeln sie ihre Analysen mit für den Antrag geeigneten Testdaten. Das fertige Analyseskript wird anschließend auf den pseudonymisierten Echtdaten ausgeführt, denn herausgegeben werden nur geprüfte Ergebnismengen. Damit wird Datenschutz nicht als Gegenargument zur Datennutzung behandelt, sondern als Voraussetzung für einen verlässlichen Zugang. Der entscheidende Punkt ist nicht, Schutzanforderungen zu senken, sondern Forschung so zu organisieren, dass sensible Einzeldaten die geschützte Umgebung nicht verlassen.

Mehr Breite, mehr Tiefe – und ein einfacherer Zugang

Das FDZ Gesundheit ist dabei kein fertiges System. Die erste technische Version ist live, zugleich werden Prozesse und Infrastruktur weiterentwickelt. Dazu gehört auch die Frage, wie Forschende mit unterschiedlichen methodischen und technischen Vorkenntnissen die Daten nutzen können. Im vierten Quartal 2026 soll deshalb ein No-Code-Analyseraum starten. Kohorten lassen sich dort per Point-and-Click zusammenstellen, auch einfachere Analysen können ohne eigene Programmierung durchgeführt werden. Das soll insbesondere Forschenden den Einstieg erleichtern, die bislang wenig Erfahrung mit der Analyse von Sekundärdaten oder mit SQL, R und Python haben. Gleichzeitig wird die Datenbasis selbst erweitert. Ein wichtiger nächster Schritt sind Daten aus der elektronischen Patientenakte (ePA). Nach aktueller Planung beginnt ihre Übermittlung – solange kein Widerspruch vorliegt – zunächst mit der elektronischen Medikationsliste. Weitere strukturierte Inhalte folgen schrittweise. Damit können die bislang vor allem auf Versorgung und Abrechnung gerichteten Daten perspektivisch um zusätzliche klinische Informationen ergänzt werden.

Der vom Bundeskabinett beschlossene Entwurf eines Gesetzes für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) soll die nationale Umsetzung ausgestalten und unter anderem Voraussetzungen dafür schaffen, Daten verschiedener Halter datenschutzkonform zu verknüpfen.

Dr. Steffen Heß, Leiter des FDZ Gesundheit beim BfArM

Parallel verändert sich der politische Rahmen. Der European Health Data Space (EHDS) schafft schrittweise gemeinsame europäische Regeln für die Primär- und Sekundärnutzung elektronischer Gesundheitsdaten. Für große Teile der Sekundärnutzung greifen die Vorgaben ab 2029. Der vom Bundeskabinett beschlossene Entwurf eines Gesetzes für Daten und digitale Innovation im Gesundheitswesen (GeDIG) soll die nationale Umsetzung ausgestalten und unter anderem Voraussetzungen dafür schaffen, Daten verschiedener Halter datenschutzkonform zu verknüpfen.

Der Nutzen einer solchen Infrastruktur entscheidet sich am Ende nicht an der Menge gespeicherter Daten oder an der Zahl verfügbarer Analysewerkzeuge. Er entsteht, wenn aus ihnen belastbare Erkenntnisse über Versorgung gewonnen werden – und wenn diese Erkenntnisse dazu beitragen, Versorgung gezielter zu verstehen und weiterzuentwickeln. Die zentrale Aufgabe lautet deshalb nicht: Datennutzung oder Datenschutz? Sondern: Wie gestalten wir beides so, dass Forschung möglich wird und Vertrauen bestehen kann? Das FDZ Gesundheit ist damit auch ein Beispiel dafür, wie diese Balance praktisch organisiert werden kann.

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