Patient Blood Management

Bluttransfusionen vermeiden

Illustration: Arzt greift zu einer Blutkonserve Bluttgrupe 0 an der Wand weitere Blutgruppen A B AB, Patient Blood Management (PBM)

Deutschland ist im internationalen Vergleich Spitzenreiter beim Einsatz von Spenderblut. Dabei könnten mit einem konsequenten Patient Blood Management (PBM) rund eine Million Blutkonserven eingespart und gleichzeitig die Patientensicherheit verbessert werden. Der aktuelle BARMER-Krankenhausreport beschäftigt sich eingehend mit diesem Behandlungskonzept.

Bluttransfusionen sind oft unverzichtbar und können Leben retten. Blut ist eine wichtige Ressource in Krankenhäusern. In Deutschland wurden allein im Jahr 2017 mehr als 3,2 Millionen Blutkonserven eingesetzt. Doch Bluttransfusionen sind nicht immer medizinisch notwendig. Bei all ihren Vorteilen sind sie auch mit Risiken für den Empfänger verbunden. Deshalb sollte das PBM in der stationären Versorgung eine viel stärkere Rolle spielen. Zu diesem Ergebnis kommt der BARMER-Krankenhausreport 2019. Demnach werden mit diesem speziellen Behandlungskonzept zur Optimierung des Bluthaushaltes Patientinnen und Patienten besser auf planbare Operationen vorbereitet, unnötige Bluttransfusionen vermieden und Konserven rational eingesetzt.

Transfusionen häufig bei Anämie-Betroffenen

Besonders hilfreich ist der auf das Notwendigste beschränkte und gezielt geplante Einsatz von Fremdblutkonserven für die Millionen von Anämie (Blutarmut) betroffenen Menschen in Deutschland. Eine nicht behandelte Anämie bedeutet stets ein erhöhtes Risiko für Komplikationen bei Operationen. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit, dass eine Bluttransfusion notwendig wird. Dies verdeutlicht ein Vergleich zwischen Patientinnen und Patienten mit und ohne Anämie bei acht ausgewählten Behandlungen oder Eingriffen über die Jahre 2005 bis 2016. Demnach werden Anämie-Patientinnen und -Patienten häufiger Bluttransfusionen verabreicht als Personen ohne Blutarmut. Beispielsweise erhielten rund 67 Prozent der Anämie-Betroffenen bei Herzkranzgefäß-Operationen eine Bluttransfusion, jedoch nur 49 Prozent der Operierten ohne Blutarmut. Auffällig ist auch, dass neben schlechteren Behandlungsergebnissen und einer längeren Verweildauer im Krankenhaus die Sterblichkeitsrate bei bestimmten Eingriffen höher ausfällt. So liegt die Sterblichkeit bei von Blutarmut Betroffenen nach einer Herzkranzgefäß-Operation bei rund vier Prozent, bei Personen ohne Anämie hingegen bei zwei Prozent. Ein planbarer Eingriff sollte im Normalfall also erst nach Diagnostik und Behandlung einer Anämie erfolgen, etwa durch die Gabe von Eisenpräparaten. So wird eine Transfusion samt ihren Risiken unwahrscheinlicher, da der Körper den Blutverlust leichter ausgleichen kann. Genau hier setzen die Maßnahmen des PBM an.

Die drei Säulen des PBM

Das Gesamtkonzept des PBM besteht aus über 100 evidenzbasierten, interdisziplinären Einzelmaßnahmen. Diese lassen sich in drei Säulen bündeln. Die Diagnose und gezielte Behandlung einer Anämie stellt dabei eine zentrale Maßnahme der ersten Säule dar. Ziel der Maßnahmen der zweiten Säule ist es, Blutverluste generell zu vermeiden und Fremdblut zu sparen. So sollte etwa das Blutungsrisiko vor der Operation geklärt werden. Kleinere Entnahmeröhrchen können beispielsweise Blutverluste verringern. Zudem können die Abläufe bei Operationen im Hinblick auf minimale Blutverluste optimiert und blutsparende chirurgische Techniken verwendet werden. Die maschinelle Autotransfusion kann außerdem helfen, Blutverluste bei einer Operation aufzufangen, zu waschen und dem Patienten zurück zu transfundieren. Die dritte Säule der Maßnahmen hat schließlich zum Ziel, Blutkonserven rationaler einzusetzen. Entscheidungen über Bluttransfusionen sollten erst nach sorgfältiger Abwägung getroffen werden. Bevor eine Transfusion verabreicht wird, sollte also geprüft werden, ob diese nach rationalen Kriterien dringend medizinisch notwendig ist.

Infografik: Weniger Blut, mehr Sicherheit

Rückgang der Transfusionsquote durch PBM

Die Maßnahmen des PBM zeigen Wirkung. Denn tatsächlich weisen die Daten dort, wo das PBM bereits etabliert ist, auf sinkende Bluttransfusionsraten hin. Bereits vor der Einführung des PBM war der Anteil der Patientinnen und Patienten, die eine Bluttransfusion erhielten, rückläufig. Nachdem einige Krankenhäuser das PBM eingeführt hatten, ging hier die Transfusionsquote stärker zurück als in den sogenannten Kontrollkliniken, die das Behandlungskonzept vermutlich nicht eingeführt haben. Andere Behandlungsergebnisse, wie die Sterblichkeit oder die Verweildauer, verschlechterten sich dadurch nicht.

Unterschiede zwischen den Bundesländern

Nicht nur bei Krankenhäusern mit und ohne PBM lassen sich Unterschiede bei den Transfusionsraten feststellen, sondern auch in den verschiedenen Regionen Deutschlands. In Bayern erhielten zum Beispiel nur 6,1 Prozent der Patientinnen und Patienten während einer Operation Bluttransfusionen, während die Quote in Mecklenburg-Vorpommern bei knapp acht Prozent liegt. Zu vermuten ist, dass regional unterschiedlich stark blutsparende Operationstechniken angewandt werden oder unterschiedliche Grenzwerte dafür gelten, in welchen Fällen Bluttransfusionen verabreicht werden. Der Trend geht jedoch in eine positive Richtung. Seit dem Jahr 2009 geht in allen Bundesländern die Zahl der Transfusionen zurück, zum Beispiel in Mecklenburg-Vorpommern um zwei Prozent. Trotzdem gilt es, weitere Potenziale mithilfe des PBM auszuschöpfen.

PBM konsequent einsetzen

Obwohl das Konzept viele Vorteile verspricht, nutzen bisher noch zu wenige Krankenhäuser in Deutschland aktiv das PBM. Erst rund 40 Krankenhäuser gehören dem im Jahr 2014 gegründeten PBM-Netzwerk offiziell an. Es sollten im Sinne einer möglichst flächendeckenden Etablierung des PBM konkrete Vorgaben und verbindliche Strukturen für die Kliniken geschaffen werden. In den Niederlanden zum Beispiel wird PBM bereits konsequent eingesetzt. Hier fällt der Pro-Kopf-Verbrauch von Blutkonserven deutlich geringer aus als in Deutschland. Die BARMER unterstützt deshalb die Ziele des Netzwerkes, das PBM auch in Deutschlands Kliniken auszuweiten und zu intensivieren.

Weitere Artikel der Ausgabe 5/2019: