Patientensicherheit

Konsequente Umsetzung über Grenzen hinweg

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sterben weltweit jede Minute fünf Menschen wegen einer fehlerhaften medizinischen Behandlung. 40 Prozent der Patientinnen und Patienten erleiden Schäden bei ambulanten Behandlungen, im Krankenhaus sind es zehn Prozent. Der erstmals am 17. September 2019 begangene Welttag der Patientensicherheit soll das Bewusstsein schärfen für eine bessere Sicherheits- und Fehlerkultur und für das Vermeiden fehlerhafter Behandlungen.

Krankenschwester beim Desinfizieren der Hände

Die Bandbreite der Fehler in der medizinischen Versorgung sei groß, erklärt die WHO. Dazu zählten falsche Diagnosen, falsche Medikamente, falsche Bestrahlungen, Amputationen falscher Gliedmaßen und Infektionen während der Behandlung. Studien, die sich auf die Versorgung in Krankenhäusern in Deutschland beziehen, untermauern die Einschätzung der WHO: So komme es zu bis zu zwei Millionen unerwünschten Ereignissen pro Jahr, zu 800.000 fehlerbedingten Komplikationen, zu 200.000 Behandlungsfehlern wegen mangelnder Sorgfalt und zu 20.000 vermeidbaren Todesfällen.

Deutschland gilt im internationalen Vergleich als vorbildliches Land, wenn es um das Bestreben nach mehr Patientensicherheit und die Vermeidung von Behandlungsfehlern geht. Viel ist bereits auf den Weg gebracht worden: Operations-Checklisten, Fehlermeldesysteme, Medikationspläne, ein verpflichtendes Qualitätsmanagement und die Aktion Saubere Hände sind Beispiele für ein wachsendes Bewusstsein und Engagement. Das ist vor allem dem Aktionsbündnis Patientensicherheit e.V. (APS) geschuldet, das seit Jahren für Verbesserungen bei der Patientensicherheit wirbt und das Wissen für erfolgreiche Handlungsansätze bündelt und verbreitet. Die Aktivitäten des APS sind vielfältig. Arbeitsgruppen beschäftigen sich beispielsweise mit der Arzneimitteltherapiesicherheit, mit Medizinprodukten, mit der außerklinischen Intensivversorgung und mit der Digitalisierung. Das APS veröffentlicht Patienteninformationen, Leitfäden, Positionspapiere und Stellungnahmen. Es gibt wertvolle Impulse.

Das APS war es auch, das den Tag der Patientensicherheit vorschlug und diesen bereits seit 2015 mit Aktionen auf nationaler Ebene begeht. Dass dieser Tag fortan auch weltweit gefeiert wird, hat das APS Mitte September mit einem Festakt gewürdigt; auch deswegen, um weiterhin das Bewusstsein für Patientensicherheit zu wecken und aufrechtzuerhalten. Oder wie die Patientenbeauftragte der Bundesregierung, Prof. Dr. Claudia Schmidtke, sagt: „Das APS macht die Perspektive der Patientinnen und Patienten immer wieder sichtbar.“ Der Einsatz und die Erfolge des APS seien beeindruckend und eine große Errungenschaft, gerade auch mit Blick darauf, dass Patientensicherheit an sich erst einmal einfach klinge. „Aber sie ist doch jeden Tag eine neue Herausforderung für alle Beteiligten.“

Eine Anerkennung, die das APS in seiner Arbeit bestätigt. „Wir haben viel erreicht“, sagt die ehemalige langjährige APS-Vorsitzende Hedwig François-Kettner. Und doch: „Es gibt immer noch jede Menge Defizite. Wir müssen weiterhin Dinge verbessern, für noch mehr Patientensicherheit.“ Dazu gehöre auch, die politisch Verantwortlichen, die im Gesundheitswesen Beschäftigten sowie die Patienten selbst und ihre Angehörigen stärker zu sensibilisieren. „Sie alle müssen als aktive Partner in die Verbesserung der Patientensicherheit einbezogen werden“, fordert François- Kettner. Wichtig sei vor allem, Strategien zur Patientensicherheit auf globaler, regionaler, nationaler und lokaler Ebene auch umzusetzen. „Denn“, so betont sie, „wir haben kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem.“ Konsequentes Handeln sei hier notwendig.

In dem Zuge sollte auch die Zusammenarbeit aller Beteiligten intensiviert werden, ergänzt der ehemalige langjährige APS-Generalsekretär Hardy Müller: „Patientensicherheit ist nicht allein Aufgabe und Verpflichtung einzelner Berufsgruppen. Sie erfordert das konstruktive Engagement und Zusammenwirken aller Verantwortlichen im Gesundheitssystem.“ Er spricht sich insbesondere für eine intensivere Kooperation mit der Politik aus, mit dem Ziel, nicht nur Probleme zu wälzen, sondern auch Lösungen anzubieten.

Die Ersatzkassen engagieren sich seit Jahren intensiv und kontinuierlich für ein Mehr an Patientensicherheit in der Gesundheitsversorgung. „Wir nehmen unsere Verantwortung ernst“, betont Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende des Verbandes der Ersatzkassen e. V. (vdek). Der vdek unterstützt das APS seit 2009. Er startete zum Beispiel im letzten Jahr eine Patientensicherheitsoffensive und gab zusammen mit dem APS das erste APS-Weißbuch Patientensicherheit sowie einen Informationsflyer zur Handhygiene heraus. Zudem unterstützen die Ersatzkassen beispielsweise das Endoprothesenregister Deutschland (EPRD) mit Daten und Expertise, um die Sicherheit der Patientinnen und Patienten bei der Versorgung mit Knie- und Hüftimplantaten zu verbessern.

Für Veränderungen sei ein Bündel an spezifisch ausgerichteter Maßnahmen erforderlich, sagt Dr. Ruth Hecker, Vorsitzende des APS. In der medizinischen Behandlung müsse Sicherheitskultur auf allen Ebenen verankert und als Bereitschaft verstanden werden, Patientensicherheit in alle Handlungen und Entscheidungen proaktiv miteinzubeziehen. Dahinter steckt auch das Ergebnis von Untersuchungen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), dass 15 Prozent aller Aktivitäten im Krankenhaus in die Behebung von Schäden aufgrund unzureichender Patientensicherheit fließen. „Daher muss es um die Umlenkung in eine Schadensvermeidung gehen.“

Schadensvermeidung wiederum erfordere eine entsprechend gute Fehlerkultur, ergänzt François-Kettner. „Wir wollen und müssen an dieser Stelle Lösungen anbieten.“ Es gehe hier nicht darum, Schuldige zu suchen. Fehler seien menschlich. „Aber wir sollten die Fehler klar benennen und aus ihnen lernen. Im Sinne und zum Wohl der Patientinnen und Patienten.“

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