Zahngesundheitsatlas

Versorgung hängt von der Postleitzahl ab

Für den neuen Zahngesundheitsatlas hat die BARMER den Bürgerinnen und Bürgern auf den Zahn gefühlt. Wichtigste Erkenntnis: In Deutschland gibt es massive regionale Unterschiede bei der vertragszahnärztlichen Versorgung – sowohl bei den Kosten als auch bei der Inanspruchnahme. 

Der Wohnort ist ein entscheidender Faktor bei der zahnmedizinischen Versorgung in Deutschland. So greifen beispielsweise die Bürger in Bayern für Kronen, Brücken und Co. hierzulande am tiefsten in die Tasche. Der durchschnittliche Eigenanteil beträgt dort rund 1.230 Euro. Die Patienten in Bayern geben somit fast doppelt so viel für Zahnersatz aus wie beispielsweise die Einwohner Sachsens. Dort liegt der durchschnittliche Eigenanteil bei cirka 630 Euro. Bei diesem Kostenunterschied spielt die gewählte Versorgungsform eine wesentliche Rolle. Wer sich für aufwändigen, ästhetisch ansprechenderen Zahnersatz entscheidet, muss meist tiefer in die Tasche greifen als derjenige, der auf die Regelversorgung setzt. Dabei ist diese nicht nur zweckmäßig, sondern auch haltbar. 

Selbstverständlich steht es einer Krankenkasse nicht zu, Empfehlungen auszusprechen, wann die Versicherten die Regel- oder die meist teureren anderen Versorgungsformen wählen sollten. Sie müssen aber in der Lage sein, alle Entscheidungen, die ihre Zahngesundheit angehen, gut informiert auf der Grundlage objektiver Beratungen treffen zu können. Dafür ist es wichtig, dass sie Vor- und Nachteile der Versorgungsmöglichkeiten transparent und umfassend dargestellt bekommen. 

Beim Zahnersatz geht es nicht zuletzt um Aspekte der zahnmedizinischen Qualität und damit der Haltbarkeit. Es scheint jedoch, als stünden ästhetische Gründe bei mancher Entscheidung im Vordergrund. Das ist zwar durchaus nachvollziehbar. Dennoch stellt sich hier die Frage, ob es immer der alleinige Patientenwunsch ist, wenn sie sich für einen besonders aufwändigen und teuren Zahnersatz entscheiden. 

Der Zahngesundheitsatlas der BARMER, der auf Versorgungsdaten aus dem Jahr 2017 fußt, zeigt auch in anderen dentalmedizinischen Versorgungsbereichen deutliche regionale Unterschiede auf. Bei den Früherkennungsuntersuchungen für Kinder liegen die Bayern erneut vorn. In diesem Bundesland liegt die Inanspruchnahme bei 42,5 Prozent. Schlusslicht bei den Früherkennungsuntersuchungen sind die Saarländer mit 27,2 Prozent. 

Die BARMER will mit ihrer Versorgungsforschung in erster Linie Transparenz über die unterschiedliche Versorgungssituation schaffen und eine Diskussion auch über Kosten und Nutzen in Gang setzen. Begründungen für diese heterogene Versorgungssituation können zum gegenwärtigen Zeitpunkt nur angedeutet werden. Wenn sich jedoch viele Ergebnisse aus dem Zahngesundheitsatlas nicht medizinisch erklären lassen, müssen Zahnärzteschaft, Krankenkassen und Politik aus Bund und Ländern gemeinsam die möglichen Ursachen diskutieren. Ziel müssen bundeseinheitlich hohe Standards bei Beratung und Versorgung sein. 

Grundsätzlich sind im Zahngesundheitsatlas zwei Tendenzen in der Versorgung zu erkennen. Es gibt Ost-West-Unterschiede und ein Stadt-Land-Gefälle. Der Unterschied zwischen den östlichen und westlichen Bundesländern zeigt sich besonders bei dem Anteil der Bevölkerung, der zum Zahnarzt geht. Die Sachsen sind hier Spitzenreiter (77,1 Prozent), gefolgt von allen weiteren Ländern im Osten der Republik. Die Saarländer bilden mit 65,2 Prozent hingegen das Schlusslicht (s. Abb.).

Grafik: Häufigkeit der Zahnarztbesuche

Während bei der Wahl des Zahnersatzes wohl die verschiedene Kaufkraft zwischen West und Ost eine Rolle spielt, dürften die Unterschiede bei den Zahnarztbesuchen auf die jeweilige Sozialisation in den beiden ehemaligen deutschen Staaten zurückzuführen sein. 

Unterschiede zwischen Städten und Regionen 

Unterschiede bei der Versorgung gibt es auch zwischen Großstädten und ländlichen Regionen – beispielsweise bei der Verordnung von Aufbissschienen. Diese Kunststoffauflage wird vor allem nachts eingesetzt, um Zähneknirschen zu vermeiden. Am häufigsten bekommen Versicherte in Hamburg und Berlin (jeweils 3,7 Prozent) diese Schienen verordnet. In Thüringen sind es nur 1,4 Prozent. Offenbar ist das Leben in Großstädten stressiger als anderswo. Die Stadt-Land-Unterschiede lassen sich auch am Beispiel des Zahnersatzes zeigen. So bekamen neun Prozent der Berliner und 8,7 Prozent der Hamburger im Jahr 2017 einen neuen Zahnersatz. Im Saarland waren es lediglich 6,4 Prozent und in Bayern sowie Rheinland-Pfalz 6,9 Prozent. Bundesweit lag der Wert bei 7,4 Prozent. Dass vor allem die Versicherten in Stadtstaaten häufiger Zahnersatz bekommen, könnte am leichteren Zugang zur Versorgung bei einer vergleichsweise hohen Zahnarztdichte liegen. 

Insgesamt hat sich die Zahngesundheit in Deutschland verbessert. Spezielle Problemgebiete können nicht ausfindig gemacht werden. Interessant ist die Erkenntnis, dass die „günstigere“ Regelversorgung beim Zahnersatz qualitativ genauso gut ist wie teurere Alternativen. Lediglich in Fällen mit wenigen oder gar keinen Zähnen zeigt die teurere andersartige Versorgung eine bessere Haltbarkeit. In dieser Befundklasse hat noch keine wissenschaftliche Überprüfung der Regelversorgung durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) stattgefunden. Dies wäre aber sinnvoll, denn es gibt klare Belege dafür, dass vor allem Patienten mit zahnlosem Unterkiefer von einer auf Implantaten gestützten Zahnersatzversorgung profitieren würden. 

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