Gesundheitsförderung

Prävention auch und gerade in der Krise

Die Corona-Pandemie ist eine Art „neue Realität“. Sie stellt unsere Gesellschaft vor enorme Herausforderungen. Soziale Distanz verändert unsere (Alltags- und Arbeits-) Kultur und bedeutet eine große Umstellung von etablierten Verhaltensweisen und Gewohnheiten. Die Bewältigung erfordert gerade jetzt eine dauerhafte Verankerung präventiver und gesundheitsförderlicher Maßnahmen. Die Ersatzkassen unterstützen die Verantwortlichen in den Lebenswelten, bestehende Präventionsmaßnahmen vor Ort anzupassen und über digitale Strategien das Engagement aufrechtzuerhalten oder neu zu entfalten.

Logo: Gesunde Lebenswelten

Eine gesundheitsförderliche Gestaltung der Lebens- und Verhaltensweisen in jedem Lebensalter ausgedehnt auf alle Lebensbereiche ist 2015 der Leitgedanke des Präventionsgesetzes gewesen. Die Ersatzkassen sind von der Idee, Veränderungsprozesse dort anzuregen, zu begleiten und zu unterstützen, wo Menschen leben und arbeiten, überzeugt: von der Kita, über Schulen und Hochschulen bis hin zu Werkstätten für Menschen mit Behinderungen, in Betrieben, Krankenhäusern, Kommunen und Pflegeeinrichtungen. Die Ausprägung individueller Gesundheitskompetenzen in Verbindung mit gesundheitsförderlichen Lebens- und Arbeitsbedingungen stehen im Mittelpunkt des Engagements der Ersatzkassen, denn dieser ganzheitliche Ansatz hat einen maßgeblichen Einfluss auf die physische und psychische Gesundheit und unterstützt das Credo „vorbeugen ist besser als heilen“. 2019 haben die Ersatzkassen 14.713 Lebenswelten und rund 2,9 Millionen Menschen bundesweit mit ihren Aktivitäten zur Prävention und Gesundheitsförderung erreicht. Dabei werden bundesweite Ansätze ebenso wie regionale Aktivitäten in allen Bundesländern deutschlandweit umgesetzt.

Das Präventionsgesetz bildete zudem den Anstoß, dass die Ersatzkassen verstärkt Projekte fördern, die speziell einen Fokus auf Zielgruppen legen, die in der Vergangenheit mit Maßnahmen der Prävention und Gesundheitsförderung nicht geeignet erreicht werden konnten und insbesondere die Bedarfe sozial benachteiligter Menschen beispielsweise in schwierigen Lebenslagen in den Blick nehmen. Die Ersatzkassen haben sich hierzu auf der Ebene des Verbandes der Ersatzkassen e. V. (vdek) zusammengeschlossen. Unter der Dachmarke „Gesunde Lebenswelten. Ein Angebot der Ersatzkassen“ bündeln sie ihr Engagement zur Stärkung der gesundheitlichen Chancengleichheit. Dabei vereinen sie verschiedene Aktivitäten mit dem Fokus auf Zielgruppen mit besonderem Präventions- und Gesundheitsförderungsbedarf. Der gemeinsame Ansatz ermöglicht auch, dass Erkenntnisse aus Forschungs- und Entwicklungsprojekten sowie Praxisansätzen synergetisch genutzt werden können. Damit sollen den Versicherten auch neu gewonnene Möglichkeiten und Werkzeuge an die Hand gegeben werden, um ihre Fähigkeiten und Kompetenzen zu stärken und unabhängig vom sozialen Status und Alter – aber unter Berücksichtigung der jeweiligen Bedarfe und Bedürfnisse – das eigene Umfeld und den Lebensstil gesundheitsförderlich auszurichten und zu gestalten. Das gelingt mit dem sogenannten Lebensweltenansatz. Dieser vereint die individuelle Verhaltensänderung mit Maßnahmen, die auf eine Veränderung bestehender Strukturen und Rahmenbedingungen hinwirken. Eine geeignete Lebenswelt bilden beispielsweise Kommunen. Knapp ein Fünftel der Aktivitäten der Ersatzkassen und des vdek erreichten in 2019 Lebenswelten, die sich in sogenannten sozialen Brennpunkten befanden.

Grafk: regionalstark - Präventionsaktivitäten der Ersatzkassen

Systematischer Prozess

Gesundheitsförderung ist maßgeschneidert, bedarfsorientiert und folgt einem systematischen Prozess. Die Ersatzkassen und der vdek beraten innerhalb eines strukturierten Vorgehens. Der sogenannte Gesundheitsförderungsprozess folgt sechs Schritten (1. Vorbereitung, 2. Nutzung und Aufbau von Strukturen, 3. Analyse, 4. Planung, 5. Umsetzung, 6. Evaluation). Mittelpunkt und Voraussetzung für eine erfolgreiche Umsetzung von gesundheitsförderlichen Strategien und Lebensbedingungen ist die optimale Kombination von Verhältnis- und Verhaltensprävention. Herzstück hierbei ist die Prozessberatung, die bislang überwiegend in einem direkten Kontakt erfolgt, da es auch um die Ausbildung von Vertrauen und einer wertschätzenden Kommunikationskultur geht.

Das Ausloten von Gestaltungsansätzen, die Vernetzung von verschiedenen Akteuren in den Lebenswelten und die voraussetzungs-und altersgerechte Beteiligung an Maßnahmen und Angeboten, die die Gesundheit fördern (Partizipation) sowie darin bestärken, die eigenen Potenziale und Ressourcen gesundheitsfördernd einzusetzen (Empowerment), benötigen zuweilen den direkten Kontakt; eine Präsenz, die soziale Nähe schafft.

Die Corona-Pandemie erfordert genau das Gegenteil: Maßnahmen wie Abstandsregelungen, Kontaktreduzierungen und häusliche Quarantäne sind aus Infektionssicht essenziell notwendig, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verhindern bzw. zu verlangsamen. Die bisherigen Erfahrungen im Kontext der Pandemie zeigen, dass ein methodisch-flexibles und proaktives Vorgehen bei der Umsetzung von Prävention und Gesundheitsförderung sinnvoll und notwendig ist, um auf die spezifischen Anforderungssituationen einzugehen und die Ansätze adaptiv und umsetzbar zu gestalten. Digitale Interventionsansätze spielen dabei eine große Rolle.

Flexibilität und Digitalisierung

Im Zuge der „zweiten Corona-Welle“ konstatieren die Ersatzkassen und der vdek einen Bedarf an kurzfristigen und „fühlbaren“ Maßnahmen. Nachgefragt sind digitale Angebote zur gesundheitsförderlichen Verhaltensreflexion und -änderung. Dazu zählen niedrigschwellige Gesundheitsimpulse und Aktivierungen, die auffordern und erinnern, die eigene Gesundheit auch in Zeiten von (persönlichen) Krisen, Homeoffice, Arbeitsverdichtungen und -verlusten nicht aus dem Blick zu verlieren. Auch Vorträge und Workshops im digitalen Kleingruppenformat mit hoher Interaktivität sind gefragt. Eine hohe Nachfrage haben ebenso Angebote zur Resilienz, Stressmanagement und Ernährung. Während die Verhaltensprävention in den Fokus rückt, ist der ganzheitliche Blick – auch aufgrund von Planungsunsicherheiten – zuweilen schwieriger. Es ist allerdings gerade jetzt geboten, Menschen mit Gesundheitsförderung dort zu erreichen, wo sie leben und arbeiten mit jedweden unterschiedlichen Anforderungen und Voraussetzungen, und die Bedeutung der Verhältnisprävention nicht aus dem Blick zu verlieren.

Bei all den geschätzten Vorteilen digitaler Interventionen und Ansätzen stehen wir in der Prävention und Gesundheitsförderung auch vor Herausforderungen. Digitalisierung erfordert technische Ausstattung, einen Zugang zum Internet und die Kompetenz, digitale Technik zu bedienen. Es wird also auch um die Frage gehen, wie Menschen in sozial benachteiligten Lebenslagen mit Digitalinterventionen erreicht werden können und welche digitalen Bedarfe und Kompetenzen zu berücksichtigen sind, um gesundheitsförderliche Effekte zu generieren. Essenziell ist dabei neben den technischen und infrastrukturellen Voraussetzungen die Frage nach dem Nutzerverhalten, der Motivation und dem Anwendungswissen. Darüber hinaus gilt es zu untersuchen und zu verstehen, welche Einflüsse soziale Determinanten auf digitale Gesundheitsförderungsinterventionen und die Partizipation der Zielgruppen haben. Digitale Gesundheitsförderung kann dazu beitragen, Vernetzung zu gestalten und in den Dialog zu treten.

Präsenz und persönlicher Austausch

Wenngleich digitale Interventionen und Vorgehen in diesen Zeiten dabei unterstützen, Präventions- und Gesundheitsförderungsansätze aufrecht erhalten zu können, ersetzen sie nicht den Raum zur Begegnung und den persönlichen Austausch, sondern ergänzen und komplettieren. Digitale Strategien in Lebenswelten brauchen persönliche Momente, um zum Beispiel Bedarfe und Bedürfnisse abzugleichen.

Ein Beispiel zum Schluss: Das kostenfreie Ersatzkassen-Angebot „aktiviert.GESTÄRKT. zufrieden“ bereitet Informationen über Covid-19 alltagsnah auf und erläutert die unterschiedlichen Einschränkungen für Bewohnende von Pflegeeinrichtungen. Pflegeeinrichtungen müssen seit der Corona-Pandemie viele neue gesetzliche Vorgaben beachten: von Besuchseinschränkungen bis zur kompletten Schließung und schrittweisen Öffnung sowie der Umsetzung aller vorgegebenen Hygiene- und Schutzmaßnahmen. Damit ergeben sich neue Anforderungen an das Angebot zur Gesundheitsförderung. „aktiviert.GESTÄRKT.zufrieden“ bündelt verschiedene Maßnahmen in einem Paket und enthält entsprechende Materialien zur Aktivierung der Bewohnenden, der Gesundheitsförderung von Beschäftigten sowie Impulse für Angehörige, um auch in schwierigen Zeiten im Kontakt zu bleiben.

www.gesunde-lebenswelten.com

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